Aufgabe 1
Thema
Analyse pragmatischer Texte
Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen
Josef Bayer (*1950): Sprachen wandeln sich immer – aber nie in Richtung Unfug (2019)
Aufgabenstellung
Analysiere Josef Bayers Text Sprachen wandeln sich immer – aber nie in Richtung Unfug. Berücksichtige dabei den Argumentationsgang, die sprachlich-stilistische Gestaltung sowie die Intention des Textes.
Setze dich mit der Position des Autors zu gendergerechter Sprache auseinander. Beziehe dabei deine Kenntnisse zur Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen ein.
Material
Sprachen wandeln sich immer – aber nie in Richtung Unfug
Josef Bayer
1 sich unter das Joch begeben: sich unterwerfen.
2 Peter Eisenberg (*1940) ist emeritierter Professor für Linguistik.
3 kakofonisch: misstönend.
4 Avram Noam Chomsky (*1928) ist emeritierter Professor für Linguistik.
Anmerkung zum Autor: Josef Bayer ist emeritierter Professor für allgemeine und germanistische Linguistik an der Universität Konstanz. Mit diesem Artikel löste er eine linguistische Debatte aus.
Quelle: Bayer, Josef (10.04.2019): Sprachen wandeln sich immer – aber nie in Richtung Unfug. URL: https://www.nzz.ch/feuilleton/die-geschlechtergerechte-sprache-macht-linguistische-denkfehler-ld.1472991?mktcid=smsh&mktcval=OS%20Share%20Hub (Stand: 27.02.2024).
Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen den Orthografienormen des Schweizer Hochdeutsch.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Teilaufgabe 1
Einleitung
-
In seinem 2019 erschienenen Artikel Sprachen wandeln sich immer – aber nie in Richtung Unfug thematisiert Josef Bayer die Debatte um gendergerechte Sprache. Er kritisiert diese aus linguistischer Perspektive und stellt sie als künstlichen, fachlich unbegründeten Eingriff in die Sprache dar. Der Text ist als meinungsbetonter Kommentar einzuordnen.
-
Im Mittelpunkt steht Bayers These, dass gendergerechte Sprache auf einer Verwechslung von grammatischem Geschlecht und natürlichem Geschlecht beruhe. Sprachwandel finde zwar immer statt, könne aber nicht durch politisch motivierte Sprachlenkung erzwungen werden.
-
Ziel des Textes ist es, die Leserinnen und Leser von der sprachwissenschaftlichen Fragwürdigkeit und gesellschaftlichen Wirkungslosigkeit gendergerechter Sprache zu überzeugen. Die Analyse berücksichtigt den Argumentationsgang, die sprachlich-stilistische Gestaltung sowie die Intention des Textes.
Hauptteil
Gedankengang und wesentliche Inhalte
-
Schon der Titel Sprachen wandeln sich immer – aber nie in Richtung Unfug macht Bayers Position deutlich. Er erkennt Sprachwandel grundsätzlich an, wertet gendergerechte Sprache aber als sprachlichen „Unfug“ ab. Der Titel wirkt daher zugleich als These und Provokation.
-
Zu Beginn weist Bayer die Vorstellung zurück, Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler seien für gendergerechte Sprache verantwortlich. Entsprechende Vorschläge kämen seiner Ansicht nach nicht aus der „wissenschaftlich ernstzunehmenden Linguistik“, sondern eher aus gleichstellungspolitischen Bereichen der Universitäten (vgl. Z. 5–14). Dadurch entsteht ein Gegensatz zwischen fachlicher Sprachwissenschaft und politisch motivierter Sprachreform.
-
Anschließend führt Bayer konkrete Beispiele für aus seiner Sicht problematische Ersatzformen an. Aus „Besuchern“ würden „Besuchende“, aus „Preisträgern“ „Preistragende“ und aus „Sprechern“ „Sprechende“ (vgl. Z. 15–16). Besonders am Beispiel „Sprecher“ zeigt er, dass eine Bedeutungsverschiebung entstehen kann, da ein „Sprecher“ eine administrative Funktion bezeichnet, während ein „Sprechender“ jemand ist, der gerade spricht (vgl. Z. 17–19).
-
Danach behandelt Bayer das Pronomen „wer“. Eine Empfehlung der Universität Konstanz lautet, statt „Jeder Studierende, der sich anmeldet“ besser „Wer sich anmeldet“ zu sagen (vgl. Z. 22–25). Bayer hält dies für widersprüchlich, weil „wer“ grammatisch maskulin Singular sei, aber dennoch Frauen und Gruppen mitmeinen könne (vgl. Z. 26–28).
-
An diesem Beispiel entwickelt Bayer sein zentrales Argument: Gendergerechte Sprache beruhe auf einer Verwechslung von Form und Inhalt (vgl. Z. 33–36). Die grammatische Form eines Wortes sage nicht automatisch etwas über das natürliche Geschlecht der bezeichneten Person aus.
-
Diese These vertieft Bayer durch weitere Beispiele. Wörter wie „Garten“, „Regen“, „Nebel“, „Steinbruch“ oder „Siegeszug“ seien grammatisch maskulin, bezeichneten aber nichts Männliches (vgl. Z. 36–38). Daraus folgert er, dass das grammatische Maskulinum nicht automatisch männliche Bedeutung habe.
-
Bayer deutet die Dominanz der maskulinen Form als Eigengesetzlichkeit der Sprache. Sie habe nichts mit Männern, Frauen, Herrschaft oder Dominanz zu tun (vgl. Z. 39–41). Zur Verdeutlichung zieht er den Vergleich mit Singular und Plural heran: Auch der Singular werde grammatisch oft bevorzugt, ohne dass jemand von einer Diskriminierung des Plurals spreche (vgl. Z. 42–46).
-
Im weiteren Verlauf stützt Bayer seine Argumentation durch den Verweis auf den Linguisten Roman Jakobson. Über den Begriff der Markiertheit erklärt er, dass eine unmarkierte Form allgemein verwendet werden kann, während eine markierte Form einen besonderen Fall bezeichnet (vgl. Z. 47–50).
-
Anhand des russischen Beispiels „osel“ und „oslica“ erläutert Bayer diesen Unterschied. „Osel“ könne allgemein „Esel“ bedeuten, während „oslica“ ausdrücklich den weiblichen Esel bezeichne (vgl. Z. 51–55). Die grammatisch maskuline Form sei also nicht automatisch inhaltlich männlich.
-
Bayer überträgt dieses Modell auf das Deutsche. Die Wörter „Student“ und „Studenten“ seien seiner Ansicht nach unmarkierte Formen, die weibliche Personen einschließen könnten (vgl. Z. 60–63). Erst „Studentin“ und „Studentinnen“ seien markierte Formen, wenn ausdrücklich Frauen gemeint seien (vgl. Z. 63–65).
-
Daraus leitet Bayer ab, dass Begriffe wie „Studentenwerk“ nicht in „Studierendenwerk“ umbenannt werden müssten (vgl. Z. 65–67). Er betrachtet solche Umbenennungen als unnötig, da die ursprüngliche Form aus seiner Sicht bereits allgemein verstanden werden könne.
-
Anschließend wendet sich Bayer den Nominalkomposita zu. Wörter wie „Studentenwerk“ oder „Brillengestell“ enthielten nicht zwingend Aussagen über Genus und Numerus (vgl. Z. 68–71). Das „-en-“ in „Studentenwerk“ sei kein männlicher Plural, sondern ein Fugenmorphem, das der Wortbildung und dem Klang diene (vgl. Z. 72–75).
-
Mit dem Beispiel „Brillengestell“ verdeutlicht Bayer, dass ein solcher Wortbestandteil nicht wörtlich als Plural verstanden werden dürfe. Ein Brillengestell sei schließlich kein Gestell für mehrere Brillen, sondern der Rahmen einer Brille (vgl. Z. 75–77). Damit will Bayer zeigen, dass gendergerechte Sprachkritik häufig sprachliche Strukturen falsch interpretiere.
-
Nach dieser fachlichen Argumentation verschärft Bayer seinen Ton deutlich. Er spricht von „missionarisch getriebenen Sprachklempnerinnen“ (Z. 78–79), wirft ihnen „Ignoranz“ vor (vgl. Z. 81–82) und bezeichnet die Verbreitung solcher Positionen an Universitäten als „bildungspolitische und kulturelle Schande“ (Z. 83–84).
-
Im nächsten Abschnitt grenzt sich Bayer von konservativer Sprachverfallskritik ab. Er betont, dass er historischen Sprachwandel grundsätzlich akzeptiere und ihn sogar als „quasi naturgegeben“ anerkenne (vgl. Z. 85–87). Das Problem der Gendersprache bestehe für ihn nicht im Wandel an sich, sondern darin, dass sie keine natürliche Entwicklung sei.
-
Gendergerechte Sprache bezeichnet Bayer als ein „von außen aufgesetztes Reförmchen“ (Z. 88). Damit unterscheidet er zwischen natürlichem Sprachwandel und künstlicher Sprachlenkung. Historische Entwicklungen vom Alt- zum Mittel- und Neuhochdeutschen seien nicht mit gendergerechter Sprache vergleichbar (vgl. Z. 89–93).
-
Anschließend reflektiert Bayer grundsätzlich über die Frage, ob Menschen Sprache beeinflussen können. Zwar könnten Menschen neue Begriffe für neue Dinge einführen, nicht aber die Grammatik oder das phonologische System einer Sprache erfinden (vgl. Z. 94–98).
-
Diese Vorstellung verdeutlicht Bayer durch einen Vergleich: Zu sagen, der Mensch habe Grammatik erfunden, sei so absurd wie zu behaupten, er habe das Schultergelenk oder den Haarwuchs erfunden (vgl. Z. 97–98). Dadurch stellt er Sprache als natürlich gewachsenes System dar, das nicht beliebig gestaltet werden könne.
-
Zur weiteren Begründung verweist Bayer auf Sprachen ohne Genusunterscheidung. Bengali kenne keinen Genus-/Gender-Unterschied (vgl. Z. 101–103), was aber nicht bedeute, dass dort automatisch mehr Gleichberechtigung herrsche. Damit weist er die Annahme zurück, grammatische Systeme bildeten direkt gesellschaftliche Verhältnisse ab.
-
Im weiteren Verlauf kritisiert Bayer den aus seiner Sicht naiven Funktionalismus der Gendersprache. Diese suche in allen sprachlichen Strukturen einen gesellschaftlichen Sinn (vgl. Z. 106–109). Ein Genussystem sei jedoch nicht dazu da, Aussagen über Männer und Frauen zu treffen, sondern diene allenfalls der grammatischen Beziehung zwischen Wörtern, also der Kongruenz (vgl. Z. 108–110).
-
Zur Stützung seiner Position verweist Bayer auf Noam Chomsky. Sprache sei demnach Teil der biologischen Welt und habe sich evolutionär herausgebildet (vgl. Z. 111–113). Daraus folgert Bayer, dass Sprache für bewusste Eingriffe des Menschen nur begrenzt zur Verfügung stehe (vgl. Z. 118–119).
-
Am Ende nimmt Bayer ein mögliches Gegenargument auf. Selbst wenn gendergerechte Sprache linguistisch falsch sei, könnte sie politisch fortschrittlich wirken. Auch dieses Argument weist Bayer zurück, indem er behauptet, Umbenennungen hätten noch nie reale Sachverhalte verändert (vgl. Z. 120–127).
-
Als Beispiel nennt Bayer das Altenheim, das durch die Umbenennung in „Seniorenstift“ für die Bewohnerinnen und Bewohner nicht angenehmer werde (vgl. Z. 127–128). Gendergerechte Sprache sei für ihn ebenfalls nur eine fehlmotivierte Umbenennung, die keine Gleichstellung erzeuge, sondern lediglich „stilistische und ästhetische Entgleisungen“ hervorbringe (vgl. Z. 129–131).
-
Insgesamt endet der Argumentationsgang mit einer vollständigen Zurückweisung gendergerechter Sprache. Bayer bestreitet ihre linguistische Grundlage, ihre sprachliche Zweckmäßigkeit und ihre politische Wirksamkeit.
Sprachlich-stilistische Gestaltung
-
Der Text zeichnet sich durch eine Verbindung aus fachsprachlicher Argumentation und polemischer Zuspitzung aus. Bayer verwendet zahlreiche linguistische Fachbegriffe wie „Partizip Präsens“, „Fragepronomen“, „Genus“, „Numerus“, „Markiertheit“, „Fugenmorphem“ und „Kongruenz“. Dadurch wirkt seine Kritik wissenschaftlich fundiert.
-
Zugleich positioniert sich Bayer durch diese Fachsprache als Experte. Seine Argumentation erhält den Anschein besonderer Sachlichkeit und Kompetenz, weil sie nicht nur politisch, sondern linguistisch begründet erscheint.
-
Diese Wirkung wird durch die Berufung auf bekannte Linguisten verstärkt. Bayer verweist auf Roman Jakobson, Peter Eisenberg und Noam Chomsky. Diese Autoritätsverweise sollen zeigen, dass seine Position auf etablierten sprachwissenschaftlichen Konzepten beruht.
-
Neben der Fachsprache arbeitet Bayer mit vielen anschaulichen Beispielen. Begriffe wie „Sprecher“, „Sprechende“, „wer“, „Studentenwerk“ und „Brillengestell“ machen abstrakte linguistische Fragen verständlich. Zugleich sollen sie belegen, dass gendergerechte Ersatzformen unpräzise oder sachlich falsch sein können.
-
Auffällig ist außerdem die stark wertende Wortwahl. Bayer bezeichnet gendergerechte Sprache als „Irrweg“ (Z. 8), „Absurdität“ (Z. 20), „Reförmchen“ (Z. 88) und „Unfug“ (Z. 93). Diese Begriffe werten den kritisierten Sprachgebrauch deutlich ab.
-
Besonders polemisch ist die Bezeichnung von Befürworterinnen der Gendersprache als „missionarisch getriebene Sprachklempnerinnen“ (Z. 78–79). Damit greift Bayer nicht nur die sprachlichen Formen, sondern auch ihre Vertreterinnen an. Der Text erhält dadurch einen kämpferischen und provokativen Charakter.
-
Auch Ironie und Spott prägen die sprachliche Gestaltung. Besonders deutlich wird dies bei seinen Fragen zu Bengali, wenn Bayer zugespitzt fragt, ob die Bengalen „zu dumm“ gewesen seien, ein Genussystem zu entwickeln, oder ob Männer und Frauen dort schon seit Jahrhunderten gleichberechtigt lebten (vgl. Z. 103–105).
-
Rhetorische Fragen verstärken Bayers Argumentation zusätzlich. Wenn er fragt, wer sich Grammatikregeln wie die Übereinstimmung von Subjekt und Verb ausgedacht haben solle (vgl. Z. 99–101), lenkt er die Leserinnen und Leser zu seiner eigenen Antwort: Sprache sei nicht bewusst erfunden worden.
-
Der Text enthält außerdem bildhafte Formulierungen. Wendungen wie „unter das Joch begeben“ (Z. 21), „dieser Schuss geht in die falsche Richtung“ (Z. 25), „im Gebälk der Gender-Baracke“ (Z. 106) oder „an den Kopf fassen“ (vgl. Z. 81–82) erhöhen die Anschaulichkeit und verschärfen die Abwertung der Gendersprache.
-
Insgesamt entsteht ein Text, der fachlich anspruchsvoll und zugleich stark meinungsbetont ist. Die Fachbegriffe und Autoritätsargumente erzeugen Glaubwürdigkeit, während Polemik, Ironie und Bildlichkeit emotionale Wirkung entfalten. Diese Mischung macht den Text wirkungsvoll, kann aber auch als einseitig oder unsachlich empfunden werden.
Intention
-
Bayer verfolgt eine klar kritische und appellative Intention. Er will die Leserinnen und Leser davon überzeugen, dass gendergerechte Sprache linguistisch falsch begründet ist und auf einer problematischen Verwechslung von grammatischem und natürlichem Geschlecht beruht.
-
Zugleich möchte Bayer zeigen, dass Sprache kein beliebig steuerbares politisches Instrument ist. Er richtet sich gegen die Vorstellung, gesellschaftliche Gleichstellung könne durch Umbenennungen oder grammatische Eingriffe erreicht werden.
-
Darüber hinaus kritisiert Bayer besonders die Rolle der Universitäten. Gerade dort erwartet er sprachwissenschaftliche Genauigkeit. Dass aus seiner Sicht an Universitäten dennoch gendergerechte Sprache gefördert wird, wertet er als fachliches und kulturelles Versagen.
-
Der Text will somit nicht nur informieren, sondern auch warnen, angreifen und zur Ablehnung gendergerechter Sprache bewegen. Bayer versteht seinen Beitrag als sprachwissenschaftliche Gegenrede zu einer politisch motivierten Sprachpraxis.
Fazit
-
Josef Bayers Artikel ist ein sprachkritischer und stark polemischer Beitrag zur Debatte um gendergerechte Sprache. Der Autor entwickelt seine Position anhand zahlreicher Beispiele und stützt sie durch linguistische Fachbegriffe sowie Autoritätsverweise.
-
Besonders zentral ist seine Unterscheidung zwischen grammatischem und natürlichem Geschlecht. Seine Argumentation ist in vielen Teilen fachlich nachvollziehbar, etwa bei der Kritik an Bedeutungsverschiebungen oder bei der Erklärung von Fugenmorphemen.
-
Gleichzeitig ist der Text deutlich einseitig. Durch abwertende Begriffe und spöttische Zuspitzungen verliert er stellenweise an Sachlichkeit.
-
Insgesamt zeigt die Analyse, dass Bayer gendergerechte Sprache nicht als legitimen Sprachwandel, sondern als künstlichen und wirkungslosen Eingriff betrachtet. Sein Text ist damit ein pointierter Beitrag zu einer aktuellen sprachpolitischen Debatte.
Teilaufgabe 2
Überleitung
-
Josef Bayer lehnt gendergerechte Sprache entschieden ab. Er betrachtet sie als linguistisch unbegründet, künstlich aufgesetzt und politisch wirkungslos.
-
Seine Position fordert dazu heraus, die Funktion von Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen genauer zu betrachten. Im Folgenden wird daher geprüft, inwiefern Bayers Kritik überzeugt und wo sie zu einseitig bleibt.
Hauptteil
-
Bayers Position ist zunächst in mehreren Punkten nachvollziehbar. Sein Hinweis auf den Unterschied zwischen Genus und Sexus ist fachlich wichtig, da das grammatische Geschlecht eines Wortes nicht automatisch mit dem biologischen Geschlecht identisch ist.
-
Begriffe wie „der Garten“, „der Regen“ oder „der Nebel“ sind grammatisch maskulin, bezeichnen aber nichts Männliches. Auch beim generischen Maskulinum kann eine maskuline Form allgemein gemeint sein. Bayer macht daher zu Recht deutlich, dass man sprachliche Formen nicht vorschnell als direkte Abbildung gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse deuten sollte.
-
Überzeugend ist auch seine Kritik an manchen Ersatzformen. Begriffe wie „Sprechende“ oder „Studierende“ können Bedeutungen verschieben, da ein „Sprecher“ nicht zwingend jemand ist, der gerade spricht, und ein „Studierender“ streng genommen jemand ist, der gerade studiert.
-
Auch Bayers Hinweis auf Komposita wie „Studentenwerk“ ist sinnvoll. Das „-en-“ muss dort nicht als männlicher Plural verstanden werden, sondern kann ein Fugenmorphem sein. Daraus folgt, dass gendergerechte Sprache sprachwissenschaftlich reflektiert eingesetzt werden sollte.
-
Dennoch bleibt Bayers Position insgesamt zu einseitig. Er betrachtet Sprache fast ausschließlich als grammatisches System, während Sprache auch ein gesellschaftliches Kommunikationsmittel ist.
-
In politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen geht es nicht allein darum, ob eine Form grammatisch korrekt ist. Entscheidend ist auch, welche Wirkung sie auf Sprecherinnen und Sprecher hat und ob sich verschiedene Gruppen angesprochen fühlen.
-
Das generische Maskulinum kann grammatisch verallgemeinernd gemeint sein. Trotzdem fühlen sich nicht alle Menschen dadurch gleichermaßen angesprochen. Wenn nur von „Ärzten“, „Politikern“ oder „Schülern“ die Rede ist, entstehen bei vielen eher männliche Vorstellungsbilder.
-
Deshalb ist die Frage nach gendergerechter Sprache nicht allein eine Frage der Grammatik. Sie ist auch eine Frage der Wahrnehmung, Sichtbarkeit und Teilhabe.
-
Gerade in öffentlichen Texten kann es sinnvoll sein, verschiedene Geschlechter ausdrücklich sichtbar zu machen. Formulierungen wie „Schülerinnen und Schüler“, „Lehrkräfte“ oder „Studierende“ können signalisieren, dass alle gemeint sind.
-
Das gilt besonders in Schule, Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Arbeitswelt. Dort hat Sprache eine repräsentative Funktion, weil sie zeigt, wer angesprochen wird und wer als Teil einer Gemeinschaft erscheint.
-
Bayer unterschätzt diese soziale Wirkung von Sprache. Zwar schafft eine sprachliche Änderung allein keine reale Gleichstellung, aber sie kann Bewusstsein verändern, Wahrnehmungen lenken und gesellschaftliche Entwicklungen begleiten.
-
In politisch-gesellschaftlichen Debatten spielt Sprache daher eine zentrale Rolle. Begriffe strukturieren Wirklichkeit, indem sie aufwerten, abwerten, einschließen oder ausschließen können.
-
Hier lässt sich an das Konzept des Framings anschließen. Durch bestimmte Wörter wird ein Sachverhalt in einen Deutungsrahmen gestellt. Wer etwa von „Flüchtlingswelle“, „Klimakrise“ oder „sozial Schwachen“ spricht, beschreibt nicht nur neutral, sondern bewertet zugleich.
-
Auch gendergerechte Sprache ist Teil solcher sprachlichen Deutungs- und Aushandlungsprozesse. Sie macht sichtbar, dass Sprache gesellschaftliche Ordnungen nicht nur abbildet, sondern auch mitprägt.
-
Gleichzeitig darf gendergerechte Sprache nicht dogmatisch werden. Hier ist Bayers Kritik berechtigt, denn wenn bestimmte Formen zu kompliziert, unübersichtlich oder ungenau sind, leidet die Verständlichkeit.
-
Besonders in Prüfungen, Verwaltungstexten, Nachrichten oder Unterrichtsmaterialien ist Klarheit wichtig. Sprache muss kommunikativ funktionieren und adressatengerecht bleiben.
-
Auch moralischer Druck kann problematisch sein. Wenn Menschen sofort als rückständig oder diskriminierend gelten, nur weil sie nicht gendern, verhärtet sich die Debatte.
-
Ein reflektierter Sprachgebrauch sollte daher zwischen verschiedenen Situationen unterscheiden. In manchen Kontexten sind Paarformen sinnvoll, in anderen neutrale Begriffe, in wieder anderen Fällen kann auch das generische Maskulinum verständlich und angemessen sein.
-
Entscheidend ist, dass die gewählte Form präzise, lesbar und adressatengerecht ist. Eine pauschale Ablehnung gendergerechter Sprache überzeugt daher ebenso wenig wie eine pauschale Verpflichtung zu bestimmten Formen.
-
Bayer hat Recht, wenn er vor sprachlicher Ungenauigkeit warnt und die Unterscheidung zwischen grammatischem und natürlichem Geschlecht betont. Er verkennt aber, dass Sprache in gesellschaftlichen Zusammenhängen immer auch symbolische Bedeutung hat.
-
Sprache kann Zugehörigkeit ausdrücken, Machtverhältnisse stabilisieren oder Veränderungen sichtbar machen. Deshalb ist gendergerechte Sprache nicht einfach „Unfug“, sondern ein Versuch, gesellschaftliche Gleichstellung auch sprachlich ernst zu nehmen.
Schluss
-
Insgesamt ist Bayers Position teilweise überzeugend, aber nicht vollständig tragfähig. Seine linguistischen Einwände sind wichtig, besonders die Trennung von Genus und Sexus sowie die Kritik an ungenauen Ersatzformen.
-
Problematisch ist jedoch seine pauschale Abwertung gendergerechter Sprache. Sie blendet aus, dass Sprache nicht nur ein grammatisches System, sondern auch ein gesellschaftliches Verständigungsmittel ist.
-
Ein angemessener Umgang mit gendergerechter Sprache sollte deshalb differenziert sein. Er sollte sprachwissenschaftliche Genauigkeit, Verständlichkeit und gesellschaftliche Sensibilität miteinander verbinden.
-
Nicht jede gendergerechte Form ist sinnvoll. Aber das Anliegen, Menschen sprachlich sichtbar und respektvoll anzusprechen, ist berechtigt.
-
Die beste Lösung liegt daher weder in sprachlicher Bevormundung noch in grundsätzlicher Ablehnung. Sinnvoll ist ein bewusster, situationsangemessener und verständlicher Sprachgebrauch.