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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 1

Thema

Analyse pragmatischer Texte

Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen

Josef Bayer (*1950): Sprachen wandeln sich immer – aber nie in Richtung Unfug (2019)

Aufgabenstellung

1)

Analysiere Josef Bayers Text Sprachen wandeln sich immer – aber nie in Richtung Unfug. Berücksichtige dabei den Argumentationsgang, die sprachlich-stilistische Gestaltung sowie die Intention des Textes.

(ca. 70 %)
2)

Setze dich mit der Position des Autors zu gendergerechter Sprache auseinander. Beziehe dabei deine Kenntnisse zur Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen ein.

(ca. 30 %)

Material

Sprachen wandeln sich immer – aber nie in Richtung Unfug

Josef Bayer

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[…] Sprachwissenschafter und vor allem Sprachwissenschafterinnen werden für die Eingriffe
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in die Sprache verantwortlich gemacht, die sich allenthalben im Rahmen der Forderung nach
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sprachlicher Gleichstellung von Männern und Frauen zeigen. Es geht um die sogenannte
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Gendersprache, die eigentlich gendergerechte Sprache heissen sollte.
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Die Vorschläge für eine solche neue Sprache kommen ebenso wenig aus der wissenschaftlich
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ernstzunehmenden Linguistik wie die Auswahl der (Un-)Wörter des Jahres. Ganz im
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Gegenteil, die Linguistik könnte, wenn man ihr auch nur ein bisschen Gehör schenkte, den
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Irrweg der vermeintlich gendergerechten Sprache leichter ans Licht bringen als jede andere
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Disziplin.
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Sieht man sich an, woher die Vorschläge für diese Sprachreform kommen, stösst man zwar in
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erster Linie auf die Universitäten. Aber an den Universitäten sind es in der Regel keine
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Linguisten, die das Gendersprach-Projekt befördern. An meiner eigenen Universität, der
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Universität Konstanz, kommen entsprechende Vorschläge aus dem „Referat für
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Gleichstellung“.
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[…] Aus Besuchern werden dort Besuchende oder Gäste, aus Preisträgern werden
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Preistragende. Und aus Sprechern werden gar Sprechende. Dass hierbei völlig andere und
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teilweise krass inadäquate Lesarten entstehen, scheint keine Rolle zu spielen. Mit „Sprecher“
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meint man bekanntlich jemanden in einer administrativen Funktion und keine Person, die
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gerade redet; bei „Sprechender“ ist es gerade umgekehrt.
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Fälle wie diese sind oft besprochen worden. Ihre Absurdität bleibt bestehen, auch wenn sich
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viele schon unter das Joch begeben1 haben. Es kommt aber noch dicker. Auf der Website der
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Uni Konstanz findet sich unter anderem der folgende Vorschlag: Anstatt das maskuline Partizip
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Präsens im Singular zu gebrauchen wie in „Jeder Studierende, der sich bis 1.1. anmeldet,
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bekommt Rabatt“, sollte man bitte ausweichen auf „Wer sich bis 1.1. anmeldet, bekommt
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Rabatt“. Dieser Schuss geht in die falsche Richtung.
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Das Fragepronomen „wer“ ist nämlich irreversibel maskulin Singular. Erschwerend kommt
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hinzu, dass man mit diesem Pronomen trotz seiner Form immer auch Frauen und Gruppen
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von Menschen mit erfasst. Das ist eine linguistische Tatsache, an der nichts und niemand
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vorbeikommt. „Wer hat im Bad seinen Lippenstift vergessen?“ fragt mit hoher
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Wahrscheinlichkeit nach jemandem aus einer Gruppe von Frauen. „Wer hat im Bad ihren
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Lippenstift vergessen?“ bedeutet etwas völlig anderes, nämlich dass der Lippenstift einer
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explizit anderen Person gehört als derjenigen, nach der gefragt wird.
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Das Beispiel des Fragepronomens „wer“ verweist schlaglichtartig auf ein gravierendes
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Missverständnis, das die gesamte Idee einer gendergerechten Sprache für das Deutsche
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durchzieht. Es ist die Verwechslung von Form und Inhalt, und das, obwohl dieser Unterschied
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eigentlich schon jedem Schulkind klar ist. Jeder sollte sich dessen bewusst sein, dass
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Substantive wie „Garten“, „Regen“, „Nebel“, „Steinbruch“, „Siegeszug“ usw. zwar formal
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maskulin sind, aber inhaltlich nichts Männliches bezeichnen.
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Dass beim grammatischen Geschlecht die maskuline Form dominiert, ist eine
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Eigengesetzlichkeit der Sprache, die mit Männern, Frauen, Herrschaft und Dominanz nichts
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zu tun hat. Akzeptiert man das nicht und regt sich darüber auf, sollte man sich ebenso darüber
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aufregen, dass der Singular gegenüber dem Plural bevorzugt ist. „Wer nehmen an der
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Kreuzfahrt teil?“ ist völlig ungrammatisch, obwohl man fast sicher sein kann, dass das
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Kreuzfahrtschiff kaum für eine Einzelperson auslaufen wird. Von Empörung wegen einer
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Diskriminierung des Plurals hat man bisher wenig vernommen, aber dagegen viel von der
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Empörung wegen der grammatischen Festlegung auf die maskuline Form.
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Der weit über seine Zeit hinaus bedeutende Linguist Roman Jakobson (1896 – 1982) hat sich
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explizit zu dem Thema geäussert. Jakobson gebraucht, wie schon Peter Eisenberg2 in einem
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luziden Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ dargelegt hat, in seiner Theorie wesentlich den
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Begriff der „Markiertheit“.
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Ein Beispiel: Das russische Wort „osel“ bedeutet Esel. Es kann einem anderen Wort, nämlich
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„oslica“, gegenübergestellt werden, welches die weibliche Spezies von Esel bezeichnet. Das
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Wort „osel“ ist jedoch, wie Jakobson ausführt, deshalb nicht explizit auf männliche Esel
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festgelegt. Das Substantiv ist vielmehr eine allgemeine Gattungsbezeichnung; „osel“ ist nach
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Jakobson die „unmarkierte“ Form. Mit dieser grammatisch, aber nicht inhaltlich maskulinen
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Form wird also die weibliche Spezies automatisch mit erfasst. „Osel“ und „oslica“ jedes Mal
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zusammen zu nennen, wenn man sich auf Esel welcher Art auch immer beziehen will, wäre
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völlig unökonomisch und kontraproduktiv. Es würde die Sprache belasten, ohne auch nur den
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geringsten inhaltlichen Beitrag zu leisten.
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Jakobsons Argument überträgt sich ohne Einschränkungen auf das Deutsche. „Student“ und
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„Studenten“ bedeuten keine Festlegung auf das natürliche Geschlecht und somit auf
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männliche Wesen. Diese Substantive sind „unmarkierte“ Formen, die den Bezug auf weibliche
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Wesen, die studieren, automatisch mit einschliessen. Erst wenn man betonen will, dass man
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sich ausschliesslich auf die weibliche Spezies beziehen möchte, kommen „Studentin“ und
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„Studentinnen“ zum Einsatz. Es gibt demnach, folgt man der unbestrittenen linguistischen
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Argumentation von Roman Jakobson, keinen Grund, das gute alte Studentenwerk in ein
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Studierendenwerk umzutaufen.
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Im Übrigen wird in der Genderdebatte übersehen, dass es sich bei Nominalkomposita wie
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„Studentenwerk“ oder „Brillengestell“ meistens gar nicht um Festlegungen von Genus und
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Numerus handeln kann. Das Studentenwerk ist bekanntlich für alle Personen da, die an einer
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Universität eingeschrieben sind.
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Wieso aber, so mag man sich dann fragen, Student-en-werk? Die korrekte Antwort ist, dass
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das -en ein sogenanntes „Fugenmorphem“ ist. Ein solches Wortteil (Morphem) wird
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eingeschoben, weil „Studentwerk“ nicht möglich ist und schlicht und ergreifend ungut und
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kakofonisch3 klingt. Ein Brille-n-gestell ist in erster Linie kein Gestell, in dem mehrere Brillen
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aufbewahrt werden, sondern der Rahmen, der die Gläser einer Brille hält und eine Fixierung
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an den Ohren erlaubt.
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Die Belege sind erdrückend. Und da kommen jetzt auf einmal missionarisch getriebene
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Sprachklempnerinnen daher und wollen uns erzählen, dass bei „Studentenwerk“ ein
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frauendiskriminierendes Morphem auftaucht, das ungerechterweise nur Männer im Plural
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bezeichnet und Frauen ausschliesst. Man kann sich über so viel Ignoranz nur an den Kopf
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fassen. Dass diese Ignoranz ausgerechnet in den Universitäten zu Hause ist, wo man alle
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Chancen der Welt hätte, es besser zu wissen, ist eine beachtliche bildungspolitische und
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kulturelle Schande.
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Ich möchte mich hier nicht in die Reihe der Empörten stellen, die einen Sprachverfall beklagen.
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Ich gehöre zu denjenigen, die eine unaufhaltsame historische Änderung der Sprache als quasi
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naturgegeben anerkennen. Das Problem ist, dass die Gendersprache keine aus der Sprache
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selbst hervorgehende Evolution darstellt, sondern ein von aussen aufgesetztes Reförmchen.
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Mir sind immer wieder Kommentare unter die Augen gekommen, die die Innovation der
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Gendersprache mit den historischen Prozessen verwechseln, die uns aus der Entwicklung
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vom Alt- zum Mittel- und von dort zum Neuhochdeutschen bekannt sind. Nichts könnte falscher
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sein. Mit natürlichem Sprachwandel hat Gendersprache nicht das Geringste zu tun, denn
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Sprachen wandeln sich niemals in Richtung Unfug.
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Wenn sich Sprachen wandeln – kann der Mensch diesen Wandel denn nicht auch
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beeinflussen? Sicher: Die Menschen können neue Begriffe für neue Dinge einführen und neue
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Namen für alte Dinge ersinnen, aber sie konnten nie die Grammatik oder ihr phonologisches
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System erfinden. Das wäre etwa so absurd, wie zu sagen, dass der Mensch das
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Schultergelenk oder den Haarwuchs erfunden habe.
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Wieso sollte sich jemand einfallen lassen, dass Subjekt und Verb hinsichtlich Person und
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Numerus übereinstimmen sollten? Und wieso sollten andere Völker diese Erfindung nicht
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gemacht haben? Und wieso haben viele Sprachen eine Grammatik, in der Genus/Gender
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überhaupt keine Rolle spielt? In Bengali – das ist immerhin die derzeit siebtgrösste Sprache
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der Welt – gibt es keinen Genus/Gender-Unterschied. Waren die Bengalen zu dumm, um
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daran zu denken? Oder war ihnen der Unterschied nicht so wichtig, weil Männer und Frauen
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in Indien und Bangladesh sowieso schon seit Jahrhunderten gleichberechtigt leben?
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Hier kracht es ordentlich im Gebälk der Gender-Baracke. Die Gendersprache folgt einem
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kruden Funktionalismus, der in allem, was die Sprache bietet, einen für den Menschen
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wesentlichen „Sinn“ sucht. Das ist extrem naiv. Ein Gendersystem ist nicht dazu da, etwas
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über Männer und Frauen in einer Gesellschaft zu sagen, sondern allenfalls, um eine
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Beziehung zwischen Wörtern zu stiften, die man „Kongruenz“ nennt. Hat sich das ein Komitee
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ausgedacht? Natürlich nicht. Die einzige wissenschaftlich haltbare Theorie ist diejenige von
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Noam Chomsky4, die lautet, dass Sprache ein Teil der biologischen Welt ist und sich somit im
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Rahmen der Evolution herausgebildet hat.
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Dass im Deutschen das Verb im Nebensatz am Satzende, aber im Hauptsatz an der zweiten
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Stelle steht, ist von niemandem „erfunden“ worden. Das Pronominalsystem einer Sprache, in
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dem man drei Geschlechter unterscheidet, obwohl man nachweislich auch ohne
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Geschlechterunterscheidung gut auskommt, kann ebenfalls von niemandem erfunden worden
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sein. Wir können also sicher sein, dass unsere Sprache nicht menschengemacht, sondern ein
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Teil der Evolution ist und damit für Eingriffe von unserer Seite gar nicht zur Verfügung steht.
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Nun könnte man einwenden, dass das doch alles irrelevant sei angesichts der politischen
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Schlagkraft, die eine gendergerechte Sprache in der Gesellschaft entfaltet. Auch wenn alles
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auf einer Fehlanalyse aufgebaut ist, so hat es doch eine irgendwie progressive politische
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Wirkung, durch die die Frauen über das bisher Erreichte hinaus ihren Weg zur Gleichstellung
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unumkehrbar machen könnten. Ich fürchte allerdings sehr, dass auch dieses Programm
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scheitert.
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Man weiss, dass Umbenennungen noch nie etwas an den wirklichen Sachverhalten bewirkt
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haben. Ein Altenheim, das in Seniorenstift umbenannt worden ist, bleibt für die Insassen
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weiterhin ein reichlich tristes Ambiente. Und da die gendergerechte Sprache nichts anderes
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ist als eine fehlmotivierte Umbenennung von bestimmten Bezeichnungen, wird sie ausser
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einer Menge stilistischer und ästhetischer Entgleisungen nichts Positives und schon gar nichts
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Fortschrittliches hervorbringen.

1 sich unter das Joch begeben: sich unterwerfen.

2 Peter Eisenberg (*1940) ist emeritierter Professor für Linguistik.

3 kakofonisch: misstönend.

4 Avram Noam Chomsky (*1928) ist emeritierter Professor für Linguistik.

Anmerkung zum Autor: Josef Bayer ist emeritierter Professor für allgemeine und germanistische Linguistik an der Universität Konstanz. Mit diesem Artikel löste er eine linguistische Debatte aus.

Quelle: Bayer, Josef (10.04.2019): Sprachen wandeln sich immer – aber nie in Richtung Unfug. URL: https://www.nzz.ch/feuilleton/die-geschlechtergerechte-sprache-macht-linguistische-denkfehler-ld.1472991?mktcid=smsh&mktcval=OS%20Share%20Hub (Stand: 27.02.2024).

Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen den Orthografienormen des Schweizer Hochdeutsch.

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