Aufgabe 4
Thema
Interpretation literarischer Texte
Hilde Domin (*1909 – †2006) : RÜCKZUG (1959)
Ursula Krechel (*1947) : Episode am Ende (1977)
Aufgabenstellung
Interpretiere das Gedicht RÜCKZUG von Hilde Domin.
Vergleiche das Gedicht RÜCKZUG von Hilde Domin mit dem Gedicht Episode am Ende von Ursula Krechel im Hinblick auf die Darstellung einer zwischenmenschlichen Beziehung. Berücksichtige dabei sowohl inhaltliche als auch sprachliche und formale Aspekte.
Material
RÜCKZUG
Hilde Domin
Quelle: Herweg, Nikola; Reinhold, Melanie (Hg.): Hilde Domin, Sämtliche Gedichte. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag GmbH 92022, S. 15 f.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
Episode am Ende
Ursula Krechel
Quelle: Krechel, Ursula: Ungezürnt. Gedichte, Lichter, Lesezeichen. Suhrkamp Verlag: Frankfurt a. M. 1997, S. 111.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
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Einleitung
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Hilde Domins Gedicht RÜCKZUG aus dem Jahr 1959 thematisiert die Veränderung einer zwischenmenschlichen Liebesbeziehung. Im Mittelpunkt steht ein lyrisches Ich, das sich an ein vertrautes „Du“ richtet und rückblickend beschreibt, wie eine einst lebendige, hingebungsvolle Beziehung an Wärme, Erfüllung und innerer Lebendigkeit verloren hat.
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Der Titel RÜCKZUG verweist dabei auf einen emotionalen Rückzug des lyrischen Ichs. Gemeint ist nicht nur ein äußerer Abstand, sondern vor allem das Zurückweichen von früherer Hingabe, Fürsorge und leidenschaftlicher Verbundenheit.
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Das Gedicht zeigt jedoch keinen endgültigen Bruch. Zwar ist die Beziehung erkaltet und auf eine alltägliche, nüchterne Form reduziert. Gleichzeitig bestehen noch Gefühle, die besonders im Moment der Hilflosigkeit des Partners wieder schmerzhaft hervortreten.
Hauptteil
Sprechsituation und Thema
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Das lyrische Ich spricht ein vertrautes „Du“ direkt an. Diese Ansprache wirkt persönlich und intim, ist aber zugleich von Trauer und Enttäuschung geprägt, weil das Ich dem Partner die Veränderung der gemeinsamen Beziehung vor Augen führt.
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Die Beziehung wird als ein gemeinsamer Erfahrungsraum dargestellt. Formulierungen wie „Du erinnerst dich“ (V. 10), „Du weißt“ (V. 14) und „unserem Garten“ (V. 15) zeigen, dass beide Partner die frühere Nähe und den späteren Bruch kennen.
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Inhaltlich geht es um den Verlust ursprünglicher Lebendigkeit und Hingabe. Das lyrische Ich erinnert an eine Zeit, in der es dem Partner emotional viel geben konnte, stellt dieser Vergangenheit aber eine Gegenwart gegenüber, in der die Hände „leer“ sind (V. 24).
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Die Beziehung erscheint dadurch als Wandlung von Erfüllung zu Ernüchterung. Aus einer von Liebe, Fürsorge und Verwandlungsfähigkeit geprägten Verbindung ist ein nüchternes Zusammenleben geworden, das eher an ein gesellschaftliches Rollenbild als an lebendige Partnerschaft erinnert.
Aufbau und Inhalt
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Die erste Strophe beschreibt die entscheidende Veränderung der Beziehung. Sie stellt eine frühere Phase voller Offenheit, Lebendigkeit und Hingabe einer Gegenwart gegenüber, in der das lyrische Ich nicht mehr geben kann.
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Zu Beginn wird die rechte Hand des lyrischen Ichs als „offene Rose / voller Schmetterlinge“ (V. 2–3) beschrieben. Dieses Bild verbindet Offenheit, Schönheit, Zartheit und Bewegung. Die Hand steht dabei symbolisch für Liebesfähigkeit und Zuwendung.
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Diese Lebendigkeit geht jedoch plötzlich verloren. Die Hand verliert ihre „Blätter“ (V. 6), wird „blaß und nackt“ (V. 7) und ist schließlich nur noch „eine Menschenhand / wie alle andern“ (V. 8–9). Damit wird aus etwas Besonderem etwas Gewöhnliches und Entzaubertes.
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Auch die linke Hand wird in einem Bild der Fürsorge beschrieben. Die „Schale“ der Linken tränkte die „Vögel“ des Du (V. 11–12). Das lyrische Ich konnte dem Partner also Schutz, Nahrung und Zuwendung geben.
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Dieses Bild zerbricht jedoch. Die Schale „zerbrach“ (V. 13), und die „Scherben“ lagen lange im gemeinsamen Garten (V. 14–15). Die zerbrochene Schale steht für eine verletzte Beziehung, deren Störung nicht sofort überwunden oder aufgearbeitet wurde.
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Der gemeinsame Garten verweist auf den Raum der Beziehung. Dass dort lange Scherben liegen, zeigt, dass der Bruch beide betrifft und im gemeinsamen Leben sichtbar bleibt, weil er nicht gelöst wird.
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Danach erinnert das lyrische Ich an eine weitere Form früherer Hingabe. Es konnte sich „in eine Wand von blühendem Wein verwandeln / für deine Bienen“ (V. 17–18). Das Bild zeigt eine fast grenzenlose Bereitschaft, sich dem Partner anzupassen und für seine Bedürfnisse da zu sein.
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Die Jahreszeit war damals „kaum von Bedeutung“ (V. 19–20). Das bedeutet, dass diese Fähigkeit zur Liebe unabhängig von äußeren Bedingungen vorhanden war. Die frühere Beziehung erscheint als Raum einer beinahe wundersamen Lebendigkeit.
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Der Wendepunkt wird mit „vor diesem Tag“ (V. 21) markiert. An diesem Tag legt das lyrische Ich seine Hände auf den Tisch, „und sie leer waren“ (V. 22–24). Dieses Bild fasst den Verlust zusammen: Die Hände können nichts mehr geben, tragen, nähren oder verwandeln.
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Die zweite Strophe beschreibt den gegenwärtigen Zustand der Beziehung. Das lyrische Ich sagt: „Seither bin ich bescheiden geworden“ (V. 25). Diese Bescheidenheit meint keine zufriedene Einfachheit, sondern eine Reduktion der Erwartungen an Liebe und Partnerschaft.
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Der Gang auf den Markt steht für Zweckmäßigkeit und Alltäglichkeit. Dort wird „gewogen und abgeschnitten“ (V. 27), also alles genau bemessen und begrenzt. Dies steht im Gegensatz zur früheren Fülle der Naturbilder.
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Das lyrische Ich kauft „Tassen und Teller“ (V. 28) und erscheint „wie eine richtige Hausfrau“ (V. 29). Diese Formulierung zeigt, dass die Beziehung nun in ein traditionelles Rollenbild und eine bürgerliche Alltagsordnung überführt ist.
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Die zweite Strophe zeigt somit eine Art Anpassung. Das lyrische Ich erfüllt äußerlich eine Rolle, empfindet darin aber keine wirkliche Erfüllung. Die frühere poetische, lebendige Liebe ist durch funktionale Häuslichkeit ersetzt worden.
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Die dritte Strophe beginnt mit der adversativen Konjunktion „Aber“ (V. 30). Dadurch wird deutlich, dass der Rückzug nicht vollständig ist. Trotz Ernüchterung gibt es weiterhin eine emotionale Bindung an den Partner.
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Wenn das Du weint und sich „hilflos / im Schlafe beklag[s]t“ (V. 30–32), reagiert das lyrische Ich stark körperlich und seelisch. Dem Herzen wachsen „kleine schmerzende Flügel“ (V. 33–34), was auf einen Wunsch nach Zuwendung, Bewegung oder Ausbruch verweist.
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Diese Gefühle sind jedoch schmerzhaft und eingeschränkt. Die Flügel sind nicht groß und befreiend, sondern „kleine schmerzende“ Flügel (V. 34). Das zeigt, dass noch Liebe vorhanden ist, sie aber nicht mehr unbeschwert gelebt werden kann.
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Am Ende steigert sich die innere Bewegung bis zur Atemnot. Das lyrische Ich fühlt die Ungeduld des Herzens „in meinem Hals“ (V. 35–36), sodass ihm „der Atem vergeht“ (V. 37). Die Beziehung bleibt also existenziell berührend, aber auch bedrückend und lebenshemmend.
Sprachlich-formale Gestaltung
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Das Gedicht ist in drei unterschiedlich lange Strophen gegliedert. Die Verse sind reimlos, unterschiedlich lang und folgen keinem festen Metrum. Diese freie Form spiegelt den inneren Gedankenfluss des lyrischen Ichs und die unruhige Bewegung zwischen Erinnerung, Gegenwart und Gefühl.
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Häufige Enjambements verstärken diesen fließenden Charakter. Gedanken laufen über Versgrenzen hinweg, wodurch die Sprache tastend und reflektierend wirkt. Das passt zur rückblickenden Selbstbefragung des lyrischen Ichs.
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Die erste Strophe arbeitet stark mit Naturbildern. Die „offene Rose“, die „Schmetterlinge“, die „Vögel“, der „blühende Wein“ und die „Bienen“ erzeugen eine Atmosphäre von Lebendigkeit, Schönheit und gegenseitiger Bezogenheit.
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Diese positiven Bilder werden mit Begriffen des Verlustes kontrastiert. Wörter wie „verloren“ (V. 6), „blaß“ und „nackt“ (V. 7), „zerbrach“ (V. 13) und „Scherben“ (V. 14) schaffen eine bedrückende Stimmung und machen den emotionalen Bruch sichtbar.
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Besonders wichtig ist die Symbolik der Hände. Die rechte Hand ist zunächst eine „offene Rose“, die linke eine „Schale“. Beide Hände stehen für Geben, Öffnung, Fürsorge und Liebe. Dass sie am Ende leer auf dem Tisch liegen, zeigt den Verlust dieser Fähigkeit.
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Die Veränderung wird durch Zeitformen und Zeitangaben markiert. Das Präteritum und Wörter wie „einstmals“ (V. 2), „damals“ (V. 16) und „Seither“ (V. 25) grenzen Vergangenheit und Gegenwart deutlich voneinander ab.
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Die Beziehung zum Du wird durch Possessivpronomen betont. „Deine Vögel“ (V. 12) und „deine Bienen“ (V. 18) zeigen, dass die frühere Hingabe ganz auf den Partner ausgerichtet war. Das lyrische Ich lebte stark für das Du.
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Die zweite Strophe verwendet eine deutlich nüchternere Bildwelt. Der Markt, das Wiegen und Abschneiden sowie Tassen und Teller stehen für Berechenbarkeit, Alltagsordnung und Begrenzung. Dadurch entsteht ein Kontrast zur organischen Fülle der ersten Strophe.
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Der Vergleich „wie eine richtige Hausfrau“ (V. 29) ist ambivalent. Einerseits beschreibt er eine Anpassung an eine gesellschaftlich erwartete Rolle. Andererseits klingt darin auch Distanz und leise Ironie mit, weil das lyrische Ich sich offenbar nicht wirklich mit dieser Rolle identifiziert.
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In der dritten Strophe kehrt die Bildlichkeit des Inneren zurück. Das Herz bekommt „Flügel“, wodurch erneut ein Bild von Bewegung und möglicher Befreiung entsteht. Anders als am Anfang ist diese Bewegung aber klein, schmerzhaft und angstvoll.
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Der Schluss mit der Atemnot hat eine starke körperliche Wirkung. Liebe erscheint nicht mehr als freie Hingabe, sondern als Druck, Schmerz und Bedrängnis. Dadurch bleibt das Gedicht offen zwischen erneuter Hinwendung und endgültigem Aufbruch.
Deutung
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Das Gedicht zeigt den Rückzug der Gefühle aus einer Beziehung, die einst von Fülle, Lebendigkeit und Hingabe geprägt war. Die frühere Liebe wird nicht abstrakt beschrieben, sondern in Bildern des Gebens, Nährens und Blühens gestaltet.
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Der Bruch erscheint plötzlich und nur schwer erklärbar. Formulierungen wie „Plötzlich, fast ohne Vorbereitung“ (V. 4) und der Vergleich „wie einer gestoßen wird und fällt“ (V. 5) lassen die Veränderung als schmerzhaften Einschnitt erscheinen, der das lyrische Ich überrumpelt.
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Die Beziehung ist danach nicht verschwunden, aber entleert. Das lyrische Ich lebt weiter in einer partnerschaftlichen Ordnung, doch diese ist auf Pragmatik und Rollenerfüllung reduziert. Aus der liebenden Gebenden wird eine „richtige Hausfrau“.
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Zugleich zeigt das Gedicht, dass Gefühle nicht einfach beendet werden können. Wenn der Partner leidet, regt sich im lyrischen Ich weiterhin Zuwendung. Diese Zuwendung ist aber nicht mehr frei, sondern schmerzhaft und kaum aussprechbar.
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Der Titel RÜCKZUG lässt sich daher doppelt verstehen. Einerseits zieht sich das lyrische Ich emotional aus der früheren Hingabe zurück. Andererseits bereitet sich möglicherweise ein innerer Ausbruch vor, weil die noch vorhandenen Gefühle in der bestehenden Beziehung keinen erfüllten Ausdruck mehr finden.
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Das Gedicht bleibt bewusst ohne eindeutige Lösung. Es zeigt weder eine versöhnte Rückkehr noch einen klaren Abschied. Gerade diese Offenheit macht die Beziehungssituation tragisch, weil Liebe, Schmerz, Gewohnheit und Rückzugswunsch gleichzeitig bestehen.
Fazit
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Hilde Domins Gedicht RÜCKZUG gestaltet die Entwicklung einer Liebesbeziehung von erfüllter Hingabe zu innerer Leere. Die Naturbilder der ersten Strophe machen die frühere Lebendigkeit sichtbar, während die nüchternen Alltagsbilder der zweiten Strophe die Ernüchterung zeigen.
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Besonders eindrücklich ist die Symbolik der Hände. Sie stehen zunächst für Geben und Fürsorge, am Wendepunkt aber für Leere. Dadurch wird der emotionale Verlust der Beziehung anschaulich verdichtet.
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Die dritte Strophe verhindert jedoch eine einfache Deutung als endgültige Gefühlskälte. Das lyrische Ich empfindet weiterhin Schmerz und Zuwendung, wenn der Partner leidet. Der Rückzug ist also nicht abgeschlossen, sondern bleibt innerlich konflikthaft.
Teilaufgabe 2
Überleitung
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Hilde Domins RÜCKZUG und Ursula Krechels Episode am Ende behandeln beide eine zwischenmenschliche Beziehung, die an einem Punkt des Rückzugs oder Abschieds steht. In beiden Texten wird keine erfüllte Liebesbeziehung gezeigt, sondern eine Verbindung, die brüchig geworden ist oder nur oberflächlich bestand.
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Dennoch unterscheiden sich die Gedichte deutlich. Domin gestaltet eine lange, emotional tief verwurzelte Beziehung, deren frühere Fülle verloren gegangen ist. Krechel zeigt dagegen eine kurze, flüchtige Beziehung, die vom männlichen Partner bereits während des Abschieds innerlich verlassen wird.
Inhaltliche Gemeinsamkeiten
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Beide Gedichte stellen eine Beziehung in einer Krisen- oder Abschiedssituation dar. Bei Domin ist der Rückzug vor allem emotional: Das lyrische Ich kann dem Partner nicht mehr geben, was früher selbstverständlich war. Bei Krechel ist der Rückzug räumlich und innerlich: Der junge Schriftsteller reist ab und ist „mit seinem Kopf“ bereits weg (V. 6).
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In beiden Gedichten steht ein Partner im Mittelpunkt der Darstellung. Bei Domin richtet sich das lyrische Ich direkt an ein „Du“ und reflektiert die Veränderung der Beziehung. Bei Krechel wird vor allem der junge Schriftsteller beobachtet, dessen Verhalten die Beziehung als oberflächlich entlarvt.
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Beide Texte zeigen, dass Liebe mit Schmerz verbunden ist. Bei Domin entsteht der Schmerz aus dem Verlust früherer Nähe und der noch vorhandenen Bindung. Bei Krechel liegt der Schmerz eher in der Asymmetrie der Beziehung, weil die Freundin zurückbleibt und nicht weiß, „ob sie weinen soll“ (V. 8).
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Beide Titel sind doppeldeutig. RÜCKZUG bezeichnet bei Domin den emotionalen Rückzug des lyrischen Ichs aus der früheren Hingabe, kann aber auch einen möglichen Ausbruch aus der Beziehung andeuten. „Episode am Ende“ verweist bei Krechel auf das Ende einer Reise, aber auch auf das Ende einer nur episodischen Liebesbeziehung.
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Beide Gedichte verzichten auf eine eindeutige Lösung. Domin lässt offen, ob das lyrische Ich sich dem Partner erneut zuwendet oder sich endgültig löst. Krechel zeigt keinen Klärungsprozess, sondern nur den Übergang des Mannes in ein neues Schreiben, das die Beziehung ästhetisch verwertet.
Inhaltliche Unterschiede
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Bei Domin steht die Veränderung einer bestehenden Liebesbeziehung im Zentrum. Das lyrische Ich blickt auf eine frühere Phase der Erfüllung zurück und beschreibt den Verlust dieser Intensität. Bei Krechel dagegen wird eine kurze, bereits endende Beziehung dargestellt, die eher als Episode erscheint.
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Domins Gedicht ist von Trauer geprägt. Die Sprecherin leidet daran, dass sie früher geben konnte und nun innerlich leer geworden ist. Krechels Gedicht ist dagegen stärker ironisch und entlarvend, weil der junge Schriftsteller die Beziehung schon beim Abschied innerlich hinter sich lässt.
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Bei Domin wird Liebe als etwas Tiefes und Verletzliches dargestellt. Die Bilder der Rose, der Schale, der Vögel und Bienen lassen die Beziehung als Raum von Fürsorge und lebendiger Zuwendung erscheinen. Bei Krechel wird Liebe dagegen entidealisiert und fast konsumhaft dargestellt.
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Besonders deutlich wird diese Entidealisierung bei Krechel durch den Vergleich des Mädchens mit Nahrung. Der Mann braucht in der fernen Stadt ein Mädchen „wie das tägliche Brot“, „wie Toast“ oder „wie Buchweizenpfannkuchen mit Sirup“ (V. 13–15). Die Geliebte erscheint dadurch austauschbar und funktional.
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Während Domin die emotionale Verarbeitung einer Beziehung zeigt, zeigt Krechel die ästhetische Verarbeitung einer Beziehung. Der Schriftsteller schreibt im Flugzeug sofort ein Gedicht über den Abschied (vgl. V. 23–24). Die Beziehung wird damit zum literarischen Material.
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Auch die Perspektive auf den verlassenen Partner unterscheidet sich. Bei Domin spricht das lyrische Ich selbst und macht seine innere Verletzung sichtbar. Bei Krechel wird die Freundin von außen gezeigt; ihre Unsicherheit wird knapp benannt, doch die Darstellung konzentriert sich stärker auf den Mann.
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Der männliche Partner erscheint bei Domin als hilflos und leidend im Schlaf. Diese Hilflosigkeit löst beim lyrischen Ich noch Mitleid und Zuwendung aus. Bei Krechel erscheint der Mann dagegen als selbstbezogen, mobil und innerlich ungebunden, während die Freundin zurückbleibt.
Sprachliche und formale Gemeinsamkeiten
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Beide Gedichte verwenden moderne freie Formen. Es gibt kein traditionelles Reimschema und kein festes Metrum. Dadurch wirken beide Texte offen und zeitgemäß, passend zur Darstellung brüchiger Beziehungen.
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Beide Texte arbeiten mit Enjambements und unterschiedlich langen Versen. Dadurch entsteht ein fließender, gedanklicher Charakter. Bei Domin dient dies der Reflexion innerer Veränderung, bei Krechel der erzählenden Bewegung des Abschieds.
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Beide Gedichte nutzen bildhafte Sprache, um Beziehungserfahrungen zu verdichten. Domin arbeitet mit Natur- und Körperbildern, Krechel mit Bildern aus Reise, Alltag und Nahrung. In beiden Fällen machen die Bilder die emotionale Struktur der Beziehung sichtbar.
Sprachliche und formale Unterschiede
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Domins Gedicht ist in drei Strophen gegliedert und wirkt trotz freier Form stärker meditativ und reflektierend. Die Strophen markieren Vergangenheit, nüchterne Gegenwart und noch vorhandene schmerzhafte Gefühle.
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Krechels Gedicht besteht dagegen aus einem fortlaufenden, prosanahen Text ohne Stropheneinteilung. Die Form wirkt erzählend und episodisch, passend zum Titel und zur flüchtigen Beziehungssituation.
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Bei Domin spricht ein involviertes lyrisches Ich. Die Sprache ist emotional, erinnernd und symbolisch verdichtet. Bei Krechel dominiert eine distanzierte, beobachtende Sprecherinstanz, die den jungen Schriftsteller und seine Freundin mit ironischer Schärfe darstellt.
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Domins Bildwelt ist überwiegend positiv-natürlich, wenn sie die Vergangenheit beschreibt. Rose, Schmetterlinge, Vögel, Wein und Bienen stehen für Lebendigkeit, Fürsorge und organische Verbindung. Krechels Bildwelt wirkt dagegen entidealisierend, besonders wenn das Mädchen mit alltäglichen Nahrungsmitteln verglichen wird.
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Die Sprache bei Domin ist leise, traurig und schmerzhaft. Sie zielt auf innere Zustände und seelische Veränderung. Krechels Sprache ist schneller, erzählender und teilweise ironisch, etwa wenn der Schriftsteller verspricht: „ich / komme ja wieder, bestimmt“ (V. 4–5), obwohl er innerlich schon abwesend ist.
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Bei Domin entsteht die Spannung aus der Gegenüberstellung von einstiger Hingabe und heutiger Leere. Bei Krechel entsteht sie aus der Gleichzeitigkeit von äußerem Abschied, innerer Distanz und sofortiger literarischer Verarbeitung.
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Besonders auffällig ist bei Krechel die Rahmung des Gedichts. Es beginnt mit dem Schließen des Koffers und endet damit, dass der Schriftsteller ein Gedicht schreibt: „Kaum hab ich / die Schlösser meines Koffers zuschnappen lassen“ (V. 23–24). Dadurch wird sichtbar, dass er die Situation sofort in Kunst verwandelt.
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Diese Rahmung kann kritisch gelesen werden. Der Schriftsteller erlebt die Beziehung nicht wirklich als Verpflichtung oder Schmerz, sondern nutzt sie als Stoff. Damit wirkt seine Liebe oberflächlich und seine Kunst selbstbezogen.
Fazit zum Vergleich
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Beide Gedichte zeigen Beziehungen im Zustand des Rückzugs. Bei Domin ist dieser Rückzug schmerzhaft, innerlich konflikthaft und mit Erinnerung an frühere Erfüllung verbunden. Bei Krechel ist er distanziert, ironisch und von der Oberflächlichkeit des männlichen Partners geprägt.
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Domin stellt Liebe als eine tiefe, aber verletzliche Bindung dar, deren Verlust das lyrische Ich körperlich und seelisch erschüttert. Krechel zeigt Liebe eher als Episode, die vom männlichen Schriftsteller konsumiert, verlassen und literarisch verwertet wird.
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Formal und sprachlich spiegeln beide Gedichte diese unterschiedlichen Beziehungsvorstellungen. Domin nutzt eine symbolisch verdichtete, emotionale Bildsprache; Krechel arbeitet mit prosanaher Erzählweise, Ironie und entidealisierenden Vergleichen.
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Insgesamt eröffnen beide Gedichte unterschiedliche Blicke auf Liebe und Abschied. Während Domin den inneren Schmerz einer erkaltenden Beziehung gestaltet, zeigt Krechel die Kälte einer Beziehung, die für einen der Beteiligten kaum mehr als eine vorübergehende Episode ist.