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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 3

Thema

Interpretation literarischer Texte

Franz Werfel (*1890 – †1945): Eine blassblaue Frauenschrift (Novelle, 1941)

Aufgabenstellung

  • Interpretiere den Textauszug unter besonderer Berücksichtigung der Figurengestaltung.

  • Reflektiere dabei das Verhalten Leonidasʼ.

Anmerkung:

Leonidas, ein Mann von fünfzig Jahren, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, ist durch die Heirat mit Amelie, einer Millionenerbin, in höchste gesellschaftliche Kreise aufgestiegen und arbeitet als Sektionschef im österreichischen Ministerium für Kultus und Unterricht in Wien. 1936 erhält er eines Morgens völlig überraschend einen Brief von Vera Wormser, mit der er vor achtzehn Jahren, im zweiten Jahr seiner Ehe mit Amelie, eine Affäre hatte.

In diesem Brief wendet sich Vera, eine jüdische Frau, nun mit der Bitte an ihn, einem hochbegabten 17-jährigen jungen Mann den Zugang zur Abiturklasse zu ermöglichen.

Daraufhin sucht Leonidas Vera in ihrem Hotel auf, da er befürchtet, sie hätten ein gemeinsames Kind.

Auf Leonidas vorsichtige Fragen nach dem jungen Mann eröffnet Vera ihm, dass es der Sohn ihrer verstorbenen jüdischen Freundin und deren zu Tode gemarterten jüdischen Mannes sei.

Material

Eine blassblaue Frauenschrift [Auszug]

SECHSTES KAPITEL

Vera erscheint und verschwindet

[…]

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„Das ist ja grauenhaft, ganz grauenhaft“, brach Leonidas das kurze Schweigen. Er spürte
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aber keinen Anhauch dieses Grauens. Sein Wesen füllte sich vielmehr mit Staunen, mit
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Erkenntnis und schließlich mit unbeschreiblicher Erleichterung: Ich habe kein Kind mit Vera.
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Ich habe keinen siebzehnjährigen Sohn, den ich vor Amelie und vor Gott verantworten muss.
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Dank dir, gütiger Himmel! Alles bleibt beim Alten. All meine Angst, all mein Leiden heute waren
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pure Geisterseherei. Ich bin nach achtzehn Jahren einer betrogenen Geliebten
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wiederbegegnet. Weiter nichts! Eine schwierige Situation, teils peinlich, teils melancholisch.
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Aber von einer unsühnbaren Schuld zu sprechen, das wäre übertrieben, hoher Gerichtshof!
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Unter Männern, ich bin kein Don Juan, es ist die einzige derartige Geschichte in einem sonst
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ziemlich untadeligen Leben. Wer wirft den ersten Stein auf mich? Vera selbst denkt nicht mehr
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daran, diese moderne, selbstständige, radikal freisinnige Frau, die mitten im tätigen Leben
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steht und heilsfroh ist, dass ich sie damals nicht zu mir geholt habe ...
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„Grauenhaft, was alles geschieht“, sagte er noch einmal, aber es klang fast wie Jubel. Er
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sprang auf, beugte sich über Veras Hand und drückte mit brennenden Lippen einen langen
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Kuss auf sie. Er war auf einmal voll tönender Beredsamkeit:
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„Ich gebe Ihnen mein heiliges Versprechen, Vera, der Sohn Ihrer armen Freundin wird von
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mir gehalten werden wie ihr eigener Sohn, wie mein eigener Sohn. Danken Sie mir nicht. Ich
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habe Ihnen zu danken. Sie machen mir das großmütigste Geschenk ...“
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Vera hatte ihm nicht gedankt. Sie hatte kein Wort gesprochen. Sie stand in
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verabschiedender Haltung da, als wolle sie es verhüten, dass dieses Gespräch eine heilige
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Grenze überschreite. Es war schon recht dunkel in dem vollgestopften Salon. Die Ungeheuer
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der Möbel zerschmolzen zu formlosen Massen. Den unechten Regen-Dämmerungen dieses
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Oktobertages war die echte Dämmerung des Abends gefolgt. Nur die Teerosen1 strahlten noch
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immer ein stetiges Licht aus. Leonidas fühlte, es wäre am geschicktesten, sich jetzt
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davonzumachen. Alles Sagbare war ja gesagt. Jeder weitere Schritt musste auf moralisches
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Rutschgebiet führen. Veras steife fremde Haltung verbot die geringste sentimentale
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Anspielung. Der einfachste „Takt“ erforderte es, sich unverzüglich loszulösen und ohne jeden
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schweren Ton zu empfehlen. Da die Frau jene Episode aus ihrem Leben gestrichen hatte,
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warum sollte er selbst auf sie zurückkommen? Er sollte sich im Gegenteil freuen, dass die
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gefürchtete Stunde so glimpflich verlaufen war, und rasch einen würdigen Abschluss suchen.
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Doch vergeblich warnte Leonidas sich selbst. Allzu sehr war er aufgewühlt. Das Glück, sich
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von jedem Lebenskonflikt befreit zu wissen, durchströmte ihn wie Genesung, wie Verjüngung.
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Nicht mehr sah er die kleine zierliche Dame seiner Gewissensqual vor sich, die
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Wiedergefundene einer alten Schuld, sondern eine Vera voll Gegenwart, die er nicht mehr
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fürchtete. Da von ihm der Zwang gewichen war, sein Leben zu ändern, schoss in seine Nerven
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die spielerische Überlegenheit zurück, die er am Morgen verloren hatte. Und mit ihr eine
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kurzatmige, aber verrückte Zärtlichkeit für dieses Weib, das wie eine Geistererscheinung
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aufgetaucht war, um für ewig aus seinem Schuldgefühl zu entschwinden, ernst, edel und ohne
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den leisesten Anspruch. Er packte ihre gewichtslosen Hände und drückte sie gegen seine
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Brust. Ihm war, als knüpfe er jetzt sein Erlebnis dort an, wo er es vor achtzehn Jahren so
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schnöde abgebrochen hatte:
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„Vera, liebste liebste Vera“, stöhnte er, „ich stehe schlimm vor Ihnen da. Worte, die das
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ausdrücken, gibt’s nicht. Haben Sie mir verziehen? Konnten Sie verzeihen? Können Sie
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verzeihen?“
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Vera sah zur Seite, indem sie den Kopf kaum merkbar abwandte. Wie lebte diese kleine
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abweisende Drehung in seiner Seele! Unbegreiflich, nichts war verloren. Alles ging in
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mystischer Gleichzeitigkeit vor sich. Ihr Profil war für ihn eine Offenbarung. Die Tochter Doktor
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Wormsers, das Mädchen von Heidelberg, hier stand es leibhaftig, nicht mehr vom Gedächtnis
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verwischt. Und die graue Strähne, der verzichtende Mund, die Falten auf der Stirn, sie
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erhöhten bittersüß die flüchtige Entzückung:
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„Verzeihen“, nahm Vera seine Frage auf, „das ist ein phrasenhaftes Wort. Ich mag’s nicht.
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Was man zu bedauern hat, das kann man doch nur sich selbst verzeihen …“
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„Ja, Vera, das ist hundert Mal wahr! Wenn ich Sie so sprechen höre, dann erst weiß ich,
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was für ein einzigartiges Geschöpf Sie sind. Wie recht haben Sie getan, nicht zu heiraten.
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Vera, die Wahrhaftigkeit selbst ist zu gut zur Ehe. Jeder Mann hätte an Ihnen zum Lügner
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werden müssen, nicht nur ich …“
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Leonidas fühlte in sich die Lust männlicher Unwiderstehlichkeit. Er hätte jetzt den Mut
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gehabt, Vera an sich zu reißen. Er zog es aber vor, zu klagen: „Ich habe mir nie verziehen und
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werde mir nie verzeihen, nie, nie …“
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Eh er’s aber noch ausgesprochen, hatte er sich’s verziehn, für einst und immer und die
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Schuld von der Tafel des Gewissens gelöscht. Deshalb klang diese Behauptung so freudig.
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Fräulein Wormser entzog ihm mit einer leichten Bewegung ihre Hände. Sie nahm ihr
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Täschchen und die Handschuhe vom Tisch:
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„Ich werde jetzt gehen müssen“, sagte sie.
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„Bleiben Sie noch ein paar Minuten, Vera“, flüsterte er, „wir werden uns in diesem Leben
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nicht wiedersehen. Schenken Sie mir zu allem noch einen guten Abschied, damit ich mich an
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ihn erinnern kann wie ein völlig Begnadigter ...“
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Sie sah noch immer zur Seite, hielt aber im Zuknöpfen ihrer Handschuhe inne. Er setzte
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sich auf die Armstütze eines Fauteuils, sodass er sein Gesicht zu dem ihren empordrehen
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musste und ihm näher kam als bisher:
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„Wissen Sie, liebste liebste Vera, dass seit achtzehn Jahren kein Tag vergangen ist, an
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dem ich nicht stumm wie ein Hund gelitten habe Ihretwegen und meinetwegen ...“
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Dieses Geständnis hatte nichts mehr mit Wahrheit und Unwahrheit zu tun. Es war nichts
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andres als die schwingende Melodie der Erlösung und köstlichen Wehmut, die ihn erfüllten,
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ohne sich zu durchkreuzen. Obwohl er ihrem Antlitz so nahe war, nahm er keine Notiz davon,
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wie blass, wie müde Vera plötzlich aussah. Die Handschuhe waren zugeknöpft. Sie hielt das
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Täschchen schon unterm Arm:
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„Wär’s nicht besser“, sagte sie, „jetzt auseinanderzugehen?“
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Leonidas aber ließ sich nicht unterbrechen:
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„Wissen Sie, Liebste, dass ich mich heute den ganzen Tag, Stunde für Stunde mit Ihnen
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beschäftigt habe. Sie waren mein einziger Gedanke seit diesem Morgen. Und wissen Sie, dass
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ich noch bis vor wenigen Minuten fest davon überzeugt war, dass Emanuel ihr und mein Sohn
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ist. Und wissen Sie auch, dass ich wegen dieses Emanuel nahe, sehr nahe daran war, in
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Pension zu gehen, von meiner Frau die Scheidung zu verlangen, unser entzückendes Haus
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zu verlassen und knapp vor Torschluss ein neues hartes Leben zu beginnen? ...“
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In der Antwort der Frau klang zum ersten Mal der alte echte Spott auf, jedoch wie vom
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Rande einer tiefen Erschöpfung:
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„Wie gut, dass Sie nur nahe daran waren, Herr Sektionschef ...“
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Leonidas konnte sich selbst nicht mehr Einhalt gebieten. Gierig brach sie hervor aus ihm,
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die Beichte:
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„Seit achtzehn Jahren, Vera, seit der Stunde, wo ich Ihnen zum letzten Mal die Hand aus
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dem Coupéfenster hinunterreichte, war die unabänderliche Überzeugung in mir, dass etwas
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geschehen ist, dass wir ein Kind miteinander haben. Manchmal war diese Überzeugung ganz
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stark, lange Zeiten hindurch wieder schwächer, und dann und wann nur wie ein Feuer unter
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der Asche. Sie aber hat mich mit Ihnen unzertrennbarer verbunden, als Sie es je ahnen
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können. Durch meine treulose Feigheit war ich mit Ihnen verbunden, wenn sie mich auch
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gehindert hat, Sie zu suchen und zu finden. Sie, Vera, haben gewiss seit Jahren nicht mehr
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an mich gedacht. Ich aber habe fast täglich an Sie gedacht, wenn auch in Angst und mit
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Gewissensbissen. Meine Treulosigkeit war die größte Trauer meines Lebens. Ich habe in einer
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sonderbaren Gemeinschaft mit Ihnen gelebt, endlich kann ich es bekennen. Wissen Sie, dass
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ich heute früh aus Feigheit beinahe Ihren Brief ungelesen zerrissen hätte, so wie ich damals
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in Sankt Gilgen Ihren Brief ungelesen zerrissen hab …“
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Kaum war’s heraus, erstarrte Leonidas. Ohne es zu wollen, hatte er sich bis tief auf den
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Grundschlamm entblößt. Ein jähes Schamgefühl strich ihm wie eine Bürste über den Nacken.
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Warum war er nicht beizeiten gegangen? Welcher Teufel hatte ihn zu dieser Beichte
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aufgestachelt? Seine Blicke waren aufs Fenster gerichtet, hinter dem die Bogenlampen
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aufzischten. Es nieselte wieder. Der Mückentanz der winzigen Regentropfen kreiste um die
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Lichtkugeln. Fräulein Vera Wormser stand unbewegt da. Es war ganz dunkel. Ihr Gesicht war
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nur mehr ein fahler Schein. Leonidas fühlte die erloschene Gestalt, von der er abgewendet
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stand, als etwas Priesterinnenhaftes. Die Stimme aber, sachlich und kühl, wie von Anfang an,
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schien sich entfernt zu haben:
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„Das war sehr praktisch von Ihnen, damals“, sagte sie, „meinen Brief nicht zu lesen. Ich
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hätte ihn gar nicht schreiben dürfen. Aber ich war ganz allein und ohne Hilfe in diesen Tagen,
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als das Kind starb …“
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Leonidas wandte den Kopf nicht. Sein Körper war plötzlich wie aus Holz. Das Wort
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„Genickstarre“ wuchs in ihm auf. Ja, genau in jenem Jahr hatte die Epidemie so viele Kinder
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im Salzburgischen hingerafft. Das Ereignis hatte sich, unbekannt warum, seinem Gedächtnis
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eingegraben. Obwohl er aus Holz war, begannen seine Augen zu weinen. Er fühlte aber keinen
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Schmerz, sondern eine Verlegenheit ganz fremder Art und noch etwas Unerklärliches, das ihn
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zwang, einen Schritt zum Fenster zu machen. Dadurch entfernte sich die klare Stimme noch
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mehr.
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„Es war ein kleiner Junge“, sagte Vera, „zwei und ein halbes Jahr alt. Er hieß Joseph, nach
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meinem Vater. Leider habe ich jetzt von ihm gesprochen. Und ich hatte mir fest vorgenommen,
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nicht von ihm zu sprechen, nicht mit Ihnen! Denn Sie haben kein Recht ...“
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Der Mensch aus Holz starrte durchs Fenster. Er glaubte, nichts zu empfinden als das hohle
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Verrinnen der Sekunden. [...]

1 Leonidas hat Vera achtzehn langstielige hellgelbe Teerosen mitgebracht, deren „sanfter, ein wenig fauliger Duft ihn anzog“ (ebd., S. 121). Erst kurz vor dem Treffen fällt Leonidas die verräterische Zahl auf.

Quelle: Werfel, Franz: Eine blassblaue Frauenschrift. Berlin: Insel Verlag 2016, S. 135 – 142.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

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