Aufgabe 1
Thema
[WIR KÖNNEN nie, ...] (1982)
Christian Morgenstern (*1871 – †1914)
Aufgabenstellung
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Interpretiere das Gedicht
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Christian Morgenstern
(Hinweis: Hier wird der erste Vers angegeben, da das Gedicht keinen Titel hat.)
1 dünken: scheinen, den Anschein haben.
2 hier: das Übliche.
In: Kießing, Martin (Hrsg.): Morgenstern, Christian. Sämtliche Gedichte. Band 1. Lyrik 1887 1905. Verlag
Urachhaus, Stuttgart 2013, S. 537.
Christian Morgenstern (*1871 – †1914): deutscher Dichter und Schriftsteller
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Einleitung und Gesamteindruck
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Das Gedicht WIR KÖNNEN nie, … von Christian Morgenstern aus dem Jahr 1892 thematisiert das Wunder des Alltäglichen. Im Mittelpunkt steht die Erkenntnis, dass der Mensch die Welt um sich herum häufig nur oberflächlich wahrnimmt und dadurch das Besondere im scheinbar Gewöhnlichen übersieht. Der Gesamteindruck des Gedichts ist nachdenklich, mahnend und zugleich philosophisch.
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Das lyrische Ich tritt nicht als isolierte Einzelstimme auf, sondern spricht zunächst als Teil eines lyrischen Wir. Dadurch wird die Aussage verallgemeinert: Nicht nur eine einzelne Person, sondern der Mensch allgemein ist angesprochen.
Inhaltliche Analyse
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Die erste Strophe beschreibt die menschliche Unzulänglichkeit, die Welt nur oberflächlich betrachten zu können beziehungsweise zu wollen. Bereits der erste Vers formuliert eine allgemeine menschliche Begrenzung: „WIR KÖNNEN nie“ (V. 1). Durch die Großschreibung von „WIR KÖNNEN“ wird die Aussage besonders stark hervorgehoben. Das lyrische Ich stellt sich damit in eine Gemeinschaft hinein und macht deutlich, dass es sich selbst nicht ausnimmt. Die Menschen sind nach dieser Aussage nicht in der Lage, alles, „was um uns lebt und webt“ (V. 1), „erstaunt und tief genug“ zu betrachten (V. 2). Die Welt wird also als lebendig und vielschichtig dargestellt, doch der Mensch begegnet ihr nicht mit ausreichender Aufmerksamkeit und Ehrfurcht.
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Die Begründung folgt in den Versen 3 und 4. Der menschliche „Sinn“ neige „zur Flachheit“ (V. 3) und strebe „zu sehr danach, die Dinge zu mißachten“ (V. 4). Damit beklagt das lyrische Ich eine grundlegende Schwäche des Menschen: Er nimmt die Wirklichkeit nicht in ihrer Tiefe wahr, sondern reduziert sie auf etwas Selbstverständliches. Die erste Strophe stellt somit die Erfahrung beziehungsweise Erkenntnis des expliziten lyrischen Ichs als Teil eines lyrischen Wir dar: Der Mensch besitzt zwar die Möglichkeit zur Wahrnehmung, nutzt sie aber nicht ausreichend sensibel.
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In der zweiten Strophe erfolgt ein Perspektivwechsel zur Verallgemeinerung des menschlichen Unvermögens, wirklich Wesentliches zu erfassen. Nun spricht das Gedicht nicht mehr ausdrücklich von „wir“ oder „unser“, sondern allgemeiner von „der Mensch“ (V. 5). Dadurch wird die Aussage noch stärker auf die menschliche Existenz insgesamt bezogen. Der Mensch „hascht“ nach „Unerhörtem“ (V. 5), also nach dem Außergewöhnlichen, Sensationellen und Spektakulären. Gerade dadurch verliert er aber den „feinen Sinn“ für „das Kleine“ (V. 6). Diese Formulierung zeigt, dass das eigentlich Wertvolle nicht unbedingt im Großen oder Sensationellen liegt, sondern im Unscheinbaren und Alltäglichen.
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Die Verse 7 und 8 verdeutlichen diese Kritik weiter. Was den Menschen nicht unmittelbar „als Wunder überrascht“ (V. 7), erscheint ihm als „das Natürliche, Gemeine“ (V. 8). Mit „gemein“ ist hier nicht moralisch schlecht, sondern gewöhnlich oder üblich gemeint. Das Gedicht zeigt also, dass der Mensch das Alltägliche abwertet, sobald es ihn nicht sofort erstaunt. Die zweite Strophe kritisiert damit eine Haltung, die nur das Außergewöhnliche beachtet und das Naheliegende übersieht.
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In der dritten Strophe kommt es zu einer deutlichen Gegenbewegung. Mit der Formulierung „Und doch“ (V. 9) setzt das lyrische Ich einen Einspruch gegen die zuvor beschriebene menschliche Haltung. Die Aussage „ist Wunder diese ganze Welt!“ (V. 9) bildet den zentralen Gedanken des Gedichts. Nicht nur einzelne außergewöhnliche Ereignisse sind wunderbar, sondern die gesamte Welt selbst. Auch der folgende Vers verstärkt diese Erkenntnis: „Und nichts in ihr ist einfach und gewöhnlich“ (V. 10). Durch die doppelte Verneinung des Gewöhnlichen wird betont, dass gerade das scheinbar Normale voller Bedeutung ist.
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Die letzten beiden Verse enthalten einen Appell an den Menschen, sich seiner Verantwortung bewusst zu werden, das „Wunder Welt“ mitzugestalten. Die Welt ist nicht losgelöst vom Menschen, sondern „deine Welt und meine“ (V. 11). Sie „steht und fällt / mit dir, mit mir“ (V. 11–12). Dadurch wird deutlich: Die Welt ist nicht nur objektiv vorhanden, sondern hängt auch davon ab, wie Menschen sie wahrnehmen, deuten und gestalten. Der Schluss „sie ist durchaus persönlich“ (V. 12) hebt hervor, dass jede Wahrnehmung der Welt individuell geprägt ist. Die Welt wird also erst durch das persönliche Verhältnis des Menschen zu ihr wirklich bedeutsam.
Formale Analyse
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Das Gedicht besteht aus drei Strophen zu je vier Versen. Die klare äußere Form unterstützt den gedanklichen Aufbau: Die erste Strophe formuliert die menschliche Unzulänglichkeit, die zweite Strophe verallgemeinert dieses Unvermögen, und die dritte Strophe führt zur gegenteiligen Erkenntnis und zum Appell. Das Gedicht folgt einem Kreuzreim: In der ersten Strophe reimen sich „webt“ und „strebt“ sowie „betrachten“ und „mißachten“ (V. 1–4). Dieses Reimschema setzt sich in den folgenden Strophen fort, etwa mit „hascht“ und „überrascht“ sowie „Kleine“ und „Gemeine“ (V. 5–8).
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Das Metrum ist überwiegend ein fünfhebiger Jambus. Dadurch entsteht ein regelmäßiger, ruhiger und reflektierender Rhythmus, der gut zum nachdenklichen Charakter des Gedichts passt. Auch der regelmäßige Wechsel der Kadenzen ist auffällig: Auf männlich endende Verse wie „webt“ (V. 1) folgen weiblich endende Verse wie „betrachten“ (V. 2). Diese Ordnung verleiht dem Gedicht eine geschlossene und ausgewogene Wirkung. Außerdem dominiert überwiegend der Zeilenstil, da viele Verse syntaktisch relativ abgeschlossen wirken oder die Aussage klar innerhalb der Versstruktur weitergeführt wird.
Sprachliche Analyse und Deutung
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Die Sprache des Gedichts ist stark verdichtet und arbeitet mit mehreren auffälligen sprachlichen Mitteln. Eine wichtige Rolle spielt die Negation. Schon der erste Vers beginnt mit „nie“ (V. 1), später folgen „nicht“ (V. 7) und „nichts“ (V. 10). Dadurch wird die menschliche Begrenzung sprachlich hervorgehoben. Der Mensch erkennt das Wunderbare nicht ausreichend, und nichts in der Welt ist wirklich gewöhnlich.
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Auffällig sind auch expressive Verben wie „lebt und webt“ (V. 1), „hascht“ (V. 5), „erstirbt“ (V. 6), „überrascht“ (V. 7) sowie „steht und fällt“ (V. 11). Diese Verben machen die Aussage lebendig und emotional. Besonders „hascht“ wirkt kritisch, weil es ein hastiges, unruhiges Streben nach Sensation ausdrückt. „Erstirbt“ dagegen zeigt drastisch, dass der Sinn für das Kleine nicht nur schwächer wird, sondern regelrecht abstirbt.
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Eine Personifikation liegt darin, dass der „Sinn“ des Menschen „strebt“ (V. 3–4) und „erstirbt“ (V. 6). Der menschliche Wahrnehmungssinn wird dadurch wie ein lebendiges Wesen dargestellt. Auch die Welt erscheint nicht als tote Umgebung, sondern als etwas, das „lebt und webt“ (V. 1). Dadurch wird die Grundidee des Gedichts unterstützt: Die Wirklichkeit ist lebendig und wunderbar, auch wenn der Mensch dies oft nicht erkennt.
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Die Aufzählungen „lebt und webt“ (V. 1), „erstaunt und tief“ (V. 2), „einfach und gewöhnlich“ (V. 10) sowie „mit dir, mit mir“ (V. 12) verstärken die jeweilige Aussage. Besonders die Wiederholung in „mit dir, mit mir“ macht deutlich, dass jeder einzelne Mensch persönlich verantwortlich ist. Hier zeigt sich auch ein beinahe dialogischer Charakter: Das Gedicht spricht die Lesenden direkt an und bezieht sie in die Aussage ein.
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Zentral ist außerdem die Antithetik des Gedichts. Gegenübergestellt werden das „Unerhörte“ (V. 5) und „das Kleine“ (V. 6), das „Wunder“ (V. 7, 9) und das „Natürliche, Gemeine“ (V. 8), das scheinbar „Gewöhnliche“ (V. 10) und die Erkenntnis, dass die ganze Welt ein Wunder ist. Diese Gegensätze verdeutlichen den Kernkonflikt: Der Mensch sucht das Besondere in der Ferne oder im Spektakulären, übersieht aber das Wunderbare im Nahen und Alltäglichen.
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Auch die Nominalisierungen „Unerhörtem“ (V. 5), „das Kleine“ (V. 6) sowie „das Natürliche, Gemeine“ (V. 8) sind bedeutsam. Sie machen aus Eigenschaften oder Wahrnehmungen feste Begriffe. Dadurch wird der Gegensatz zwischen menschlicher Sensationssuche und der Missachtung des Alltäglichen besonders klar herausgearbeitet. Das Modaladverb „durchaus“ im letzten Vers (V. 12) verstärkt schließlich die Aussage, dass die Welt unbedingt und vollständig persönlich ist.
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Die Formulierung „Und doch“ (V. 9) wirkt wie ein emotionaler Einspruch, fast wie eine Interjektion. Sie markiert den entscheidenden Wendepunkt des Gedichts. Nach der Kritik an der menschlichen Oberflächlichkeit folgt nun die eigentliche Erkenntnis: Die ganze Welt ist Wunder. Der Ausruf in Vers 9 verstärkt diese Einsicht zusätzlich.
Schluss und Intention
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Zusammenfassend zeigt das Gedicht, dass der Mensch dazu neigt, die Welt oberflächlich zu betrachten und das Wunderbare im Alltäglichen zu übersehen. Das lyrische Ich spricht zunächst als Teil eines lyrischen Wir, verallgemeinert die Kritik dann auf „der Mensch“ und wendet sich am Ende wieder persönlich an „dir“ und „mir“. Dadurch entsteht eine Bewegung von der allgemeinen menschlichen Schwäche hin zur persönlichen Verantwortung jedes Einzelnen.
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Die Intention des Gedichts liegt in einer Mahnung, den Wundern des Alltags sensibel zu begegnen. Morgenstern fordert dazu auf, nicht nur nach dem Außergewöhnlichen zu suchen, sondern das Kleine, Nahe und scheinbar Gewöhnliche bewusster wahrzunehmen. Die Welt ist nach Aussage des Gedichts nicht einfach und gewöhnlich, sondern ein Wunder, das jeder Mensch durch seine Wahrnehmung und Haltung mitgestaltet.