Aufgabe 4
Thema
Romeo und Julia (Prolog und Erster Akt, Fünfte Szene)
William Shakespeare (*1564 – †1616)
Aufgabenstellung
-
Interpretiere den Szenenauszug
(Entnimm dem Prolog den Grundkonflikt des Dramas.)
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Romeo und Julia (Prolog und Erster Akt, Fünfte Szene) (1597)
PROLOG
Der Chor tritt auf.
9 hier: die Familien Capulet und Montague.
10 unsternbedroht: zum Scheitern bestimmt; etwas, dem das Schicksal ungnädig ist.
11 Waller: Synonym für Pilger.
12 Benvolio: Freund Romeos.
13 schlecht: hier für schlicht.
14 Amme: Betreuerin, Kindermädchen, hier: enge Vertraute von Julia.
William Shakespeare (*1564 – †1616): englischer Dichter
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Einleitung
-
Der vorliegende Szenenauszug stammt aus William Shakespeares Drama Romeo und Julia aus dem Jahr 1597. Thematisch steht die Liebe auf den ersten Blick im Mittelpunkt. Zugleich wird diese Liebe von Beginn an als gefährdet dargestellt, weil Romeo und Julia verfeindeten Familien angehören.
-
Der Prolog macht den Grundkonflikt des Dramas bereits deutlich: Zwei angesehene Familien in Verona stehen in einem alten Streit, aus dem immer neue Gewalt entsteht (vgl. Z. 1–4). Ausgerechnet aus diesen beiden verfeindeten Häusern geht ein Liebespaar hervor, dessen Beziehung von Anfang an „unheilsvoll“ und zum Scheitern bestimmt erscheint (vgl. Z. 5–8). Der Szenenauszug zeigt somit den Beginn einer Liebe, die zugleich der Beginn einer verhängnisvollen Entwicklung ist.
Inhalt und Aufbau
-
Der Prolog führt zunächst in den zentralen Konflikt des Dramas ein. Der Chor berichtet von „zwei Häusern in Verona“ (Z. 1), deren alter Streit erneut ausbricht und sogar „Bürgerblut“ vergießen lässt (Z. 3–4). Damit wird eine gewaltvolle Ausgangssituation geschaffen. Zugleich wird angekündigt, dass aus beiden feindlichen Familien ein Liebespaar hervorgeht, dessen Tod den Streit der Eltern schließlich beendet (vgl. Z. 5–11). Der Prolog nimmt also den tragischen Ausgang vorweg und stellt die Liebe von Romeo und Julia von Beginn an unter das Zeichen des Schicksals.
-
Nach der Auslassung setzt die Szene auf dem Maskenball im Hause Capulet ein. Dort kommt es zur ersten Begegnung zwischen Romeo und Julia. Romeo tritt zu Julia und spricht sie sofort in einer stark bildhaften und sakral aufgeladenen Sprache an. Er bezeichnet sie als „Heil’genbild“ (Z. 17) und stellt sich selbst als Pilger dar, der ihre Hand berührt und diese Berührung mit einem Kuss „büßen“ möchte (vgl. Z. 16–19). Schon hier zeigt sich, dass Romeo Julia idealisiert und seine Gefühle pathetisch überhöht.
-
Julia reagiert auf Romeos Annäherung nicht abweisend, sondern nimmt das Bild des Pilgers und der Heiligen auf. Sie sagt, er solle seiner Hand „nichts“ zuschulden legen, denn für ihren „sittsam-andachtvollen Gruß“ dürfe die Hand eines Heiligen Berührung dulden (vgl. Z. 21–24). Dadurch entsteht ein spielerischer, zugleich zärtlicher Dialog zwischen beiden. Romeo steigert die Annäherung weiter, indem er fragt, ob Heilige nicht auch Lippen hätten wie Pilger (vgl. Z. 25). Julia antwortet, dass die Lippen der Heiligen zum Gebet bestimmt seien (vgl. Z. 26). Der Dialog entwickelt sich damit zu einem rhetorischen Werbespiel, in dem Romeo den Kuss als religiös legitimierte Bitte darstellt.
-
Der Austausch von Zärtlichkeiten erreicht seinen ersten Höhepunkt, als Romeo Julia bittet, sich nicht zu regen, während sein Mund nehme, was er erflehe (vgl. Z. 33–34). Anschließend küsst er sie (vgl. Z. 35). Danach deutet Romeo den Kuss erneut religiös: Julias Mund habe ihn von aller Sünde entbunden (vgl. Z. 36). Julia spielt das Bild weiter, indem sie fragt, ob ihr Mund nun die Sünde als Lohn erhalten habe (vgl. Z. 37). Romeo nutzt diese Antwort, um einen zweiten Kuss zu fordern und sagt: „Gebt sie zurück“ (Z. 40). Auch der zweite Kuss wird also aus dem gemeinsamen Sprachspiel heraus entwickelt (vgl. Z. 41). Julia kommentiert schließlich: „Ihr küsst recht nach der Kunst“ (Z. 42). Damit zeigt sie, dass sie Romeo zwar durchschaut, sich aber zugleich von ihm umworben fühlt.
-
Die intime Begegnung wird durch das Hinzutreten der Wärterin unterbrochen. Sie teilt Julia mit, dass ihre Mutter sie sprechen möchte (vgl. Z. 43–44). Romeo fragt daraufhin nach Julias Mutter und erfährt durch die Wärterin, dass Julia die Tochter der Hausherrin, also eine Capulet, ist (vgl. Z. 45–51). Dadurch wird Romeo schlagartig über Julias familiären Hintergrund aufgeklärt. Seine Reaktion zeigt Bestürzung: „Sie eine Capulet? O teurer Preis!“ (Z. 52). Er erkennt, dass sein Leben nun „meinem Feind als Schuld dahingegeben“ ist (Z. 52–53). Die Liebe erscheint ihm sofort als gefährliche Bindung an die gegnerische Familie.
-
Benvolio mahnt anschließend zum Aufbruch. Er sagt: „Fort! lasst uns gehn; die Lust ist bald dahin“ (Z. 54). Dadurch wirkt er ahnungsvoll und besorgt, weil er spürt, dass die Situation gefährlich werden könnte. Romeo bestätigt seine innere Unruhe mit den Worten: „Ach, leider wohl! Das ängstet meinen Sinn“ (Z. 55). Währenddessen versucht Capulet die Gäste gastfreundlich zum Bleiben zu bewegen, indem er sie noch nicht gehen lassen will und ein Mahl erwähnt (vgl. Z. 56–61). Da er nichts von Romeos Identität und der Begegnung mit Julia ahnt, wirkt er freundlich, aber ahnungslos. Schließlich verlassen alle außer Julia und der Wärterin die Szene (vgl. Z. 62).
-
Im letzten Teil folgt der Dialog zwischen Julia und der Wärterin. Julia fragt neugierig nach verschiedenen jungen Männern und will schließlich wissen, wer derjenige sei, der „gar nicht tanzen wollte“ (Z. 67). Hinter dieser scheinbar beiläufigen Frage verbirgt sich ihr Interesse an Romeo. Als die Wärterin seinen Namen nennt und erklärt, er sei „Romeo, ein Montague“ und der „großen Feindes einz’ger Sohn“ (Z. 71–72), erkennt auch Julia die tragische Situation. Sie hat sich in den Erzfeind ihrer Familie verliebt. Ihre Reaktion fasst den Grundkonflikt der Szene zusammen: „So einz’ge Lieb’ aus großem Hass entbrannt!“ (Z. 73). Julia begreift, dass sie „zu früh“ gesehen und „zu spät“ erkannt hat (Z. 74). Die Liebe ist bereits entstanden, bevor die familiäre Feindschaft bewusst wird.
Figuren und ihre Beziehungen
-
Romeo wird als impulsiv, forsch und zum Pathos neigend dargestellt. Bereits seine erste Ansprache an Julia ist überschwänglich und stark religiös überhöht. Er spricht von „Heil’genbild“, „Pilgern“, „Lippen“ und „Sünde“ (vgl. Z. 17–36). Dadurch erscheint er leidenschaftlich und rhetorisch geschickt. Gleichzeitig wirkt er forsch, weil er die Annäherung aktiv vorantreibt und schließlich zwei Küsse erreicht (vgl. Z. 33–41). Nach der Aufklärung über Julias Herkunft zeigt er sich jedoch verunsichert und erschrocken. Seine Aussage, sein Leben sei dem Feind „dahingegeben“ (Z. 52–53), zeigt, dass er die Gefahr der Liebe sofort erkennt.
-
Julia erscheint zunächst als umworbene junge Frau, die auf Romeos Annäherung klug und spielerisch reagiert. Sie lässt sich nicht einfach passiv erobern, sondern nimmt Romeos sakrale Bildsprache auf und führt sie weiter (vgl. Z. 21–32). Dadurch wirkt sie schlagfertig und neugierig. Ihr Satz „Ihr küsst recht nach der Kunst“ (Z. 42) zeigt, dass sie Romeos Werben bewusst wahrnimmt. Im Gespräch mit der Wärterin wird ihre Neugier besonders deutlich, weil sie nach Romeos Identität fragt (vgl. Z. 63–69). Nach der Erkenntnis, dass Romeo ein Montague ist, reagiert sie überschwänglich und erschüttert zugleich. Ihre Formulierung „O Wunderwerk!“ (Z. 75) verdeutlicht die emotionale Spannung zwischen Liebe und Gefahr.
-
Die Beziehung zwischen Romeo und Julia entsteht unmittelbar und intensiv. Sie begegnen sich zum ersten Mal, entwickeln aber sofort ein gemeinsames Sprachspiel, das auf Zärtlichkeit und gegenseitiger Anziehung beruht. Der Dialog zeigt eine schnelle emotionale Nähe, obwohl beide einander kaum kennen. Gerade dadurch wird die Liebe als Liebe auf den ersten Blick gestaltet. Gleichzeitig ist diese Beziehung von Anfang an bedroht, weil sie sich erst nach den Küssen über ihre familiäre Feindschaft bewusst werden.
-
Die Wärterin erscheint als wissend, fürsorglich und ergeben. Sie kennt Julias familiäre Verhältnisse, nennt ihre Mutter und erklärt später auch Romeos Herkunft (vgl. Z. 43–51, Z. 71–72). Gegenüber Julia handelt sie betreuend und vertraut, was auch durch die Bezeichnung „Amme“ deutlich wird (Z. 63). Sie begleitet Julia, gibt Auskunft und folgt am Ende dem Ruf aus dem Haus (vgl. Z. 80–82).
-
Benvolio tritt nur kurz auf, erfüllt aber eine wichtige Funktion. Er mahnt Romeo zum Aufbruch und wirkt dabei ahnungsvoll und besorgt (vgl. Z. 54). Seine Aussage, die „Lust“ sei bald vorbei, deutet an, dass der Ball und die Begegnung nicht folgenlos bleiben könnten. Capulet dagegen erscheint gastfreundlich und ahnungslos. Er möchte die Gäste noch zum Bleiben bewegen und verabschiedet sie freundlich (vgl. Z. 56–61). Dass er Romeo nicht als Montague erkennt beziehungsweise die Liebesbegegnung nicht durchschaut, verstärkt die dramatische Ironie der Szene.
Sprachkünstlerische Analyse
-
Die Sprache des Szenenauszugs ist besonders in Romeos und Julias erstem Dialog stark kunstvoll gestaltet. Auffällig ist vor allem die sakrale Semantik. Romeo bezeichnet Julia als „Heil’genbild“ (Z. 17), sich selbst und seine Lippen als „Pilger“ (Z. 18) und spricht von Gebet, Sünde und Entbindung von Sünde (vgl. Z. 25–36). Diese religiöse Bildwelt erhöht die Liebesbegegnung und lässt Julia zunächst wie eine verehrte Heilige erscheinen. Gleichzeitig nutzt Romeo diese Sprache, um körperliche Annäherung zu ermöglichen. Der Kuss wird nicht direkt als sinnliche Handlung, sondern als religiöses Ritual dargestellt.
-
Die Szene arbeitet außerdem mit Vergleichen und Metaphern. Romeo vergleicht seine Lippen mit Pilgern, die sich Julia nähern wollen (vgl. Z. 18–19). Julia greift dieses Bild auf und spricht von Händen und Lippen der Heiligen beziehungsweise der Waller (vgl. Z. 21–26). Dadurch entsteht eine gemeinsame metaphorische Ebene, auf der beide miteinander flirten. Die Metapher „mein Leben / ist meinem Feind als Schuld dahingegeben“ (Z. 52–53) zeigt später, dass Romeo seine Liebe sofort als existentielle Gefährdung erlebt.
-
Ein wichtiges sprachliches Mittel ist auch die Stichomythie. In den Versen 25 bis 34 wechseln Romeo und Julia mehrfach schnell aufeinander folgend ihre Redeanteile. Dieser rasche Austausch erzeugt Spannung, Nähe und Lebendigkeit. Beide reagieren unmittelbar aufeinander, wodurch der Dialog wie ein spielerisches Duell wirkt. Die kurzen Redezüge machen die gegenseitige Anziehung sichtbar.
-
Zentral ist zudem die Antithetik. Besonders deutlich wird sie in Julias Aussage: „So einz’ge Lieb’ aus großem Hass entbrannt!“ (Z. 73). Liebe und Hass stehen hier scharf gegeneinander. Auch die Formulierung „den ärgsten Feind aufs zärtlichste zu lieben“ (Z. 76) verbindet Gegensätze. Dadurch wird der dramatische Grundkonflikt sprachlich verdichtet: Die stärkste Liebe entsteht ausgerechnet dort, wo der größte Hass herrscht.
-
Mit dem Oxymoron „O Vorwurf, süß erfunden!“ (Z. 39) verbindet Romeo Gegensätzliches: Ein „Vorwurf“ ist eigentlich negativ, wird aber als „süß“ bezeichnet. Auch Julias Bild vom „Grab zum Brautbett“ (Z. 70) ist eine starke Verbindung gegensätzlicher Bedeutungsfelder. Hochzeit und Tod werden miteinander verknüpft. Damit wird bereits angedeutet, dass Liebe und Tod in diesem Drama untrennbar verbunden sind.
-
Weiterhin fallen Interjektionen und Ausrufe auf, etwa „O Heil’genbild“ (Z. 17), „Oh“ (Z. 27), „Ach“ (Z. 55), „O Wunderwerk!“ (Z. 75) oder „Wieso? wieso?“ (Z. 77). Sie drücken starke Gefühle aus und verdeutlichen die emotionale Erregung der Figuren. Die Repetitio „Wieso? wieso?“ (Z. 77) zeigt die Verwunderung der Wärterin, während Julias Ausrufe ihre innere Erschütterung sichtbar machen.
-
Auch Imperative und verknappter Satzbau prägen die Szene. Benvolios „Fort! lasst uns gehn“ (Z. 54) ist ein knapper Imperativ, der zur Eile mahnt. Julias „Geh; frage, wie er heißt“ (Z. 69) zeigt ihre drängende Neugier. Der verknappte Satzbau steigert die Dynamik, besonders dort, wo Erkenntnisse oder Handlungsimpulse schnell aufeinander folgen. Synkopen wie „Heil’genbild“, „Heil’ge“, „Sünd’“ oder „Lieb’“ passen zur Versform und verdichten zugleich die Sprache.
Gesamtaussage und Deutung
-
Der Szenenauszug zeigt den Beginn einer verhängnisvollen Entwicklung. Auf der einen Seite steht die Liebe auf den ersten Blick: Romeo und Julia begegnen sich zufällig, fühlen sich sofort zueinander hingezogen und entwickeln in kürzester Zeit eine intensive Nähe. Auf der anderen Seite ist diese Liebe von Beginn an durch den im Prolog genannten Familienkonflikt belastet. Die Zuschauerinnen und Zuschauer wissen durch den Prolog bereits, dass diese Beziehung tragisch enden wird (vgl. Z. 5–12). Dadurch erhält die scheinbar schöne erste Begegnung eine tragische Tiefendimension.
-
Die Gesamtaussage besteht darin, dass Liebe und Hass in diesem Drama untrennbar miteinander verbunden sind. Romeo und Julia erleben einen Moment höchster Zärtlichkeit, erkennen aber kurz darauf, dass ihre Liebe gesellschaftlich und familiär unmöglich erscheint. Besonders Julias Worte „So einz’ge Lieb’ aus großem Hass entbrannt!“ (Z. 73) bringen diese Spannung auf den Punkt. Die Szene zeigt damit nicht nur eine romantische Begegnung, sondern den Beginn eines Konflikts, der Liebe, Familie, Feindschaft, Schicksal und Tod miteinander verbindet.