Block II – Konflikte und Konfliktlösungen
Thema: Deutsch-russische Beziehungen
Aufgaben
Nenne die formalen Merkmale des Materials M 1. Fasse die darin durch Botschafter Brockdorff-Rantzau geäußerten Ziele der deutschen Russlandpolitik in den 1920er Jahren zusammen.
Ordne M 1 in die deutsche Außenpolitik der Weimarer Republik ein und begründe die Annäherung zwischen Deutschland und Sowjetrussland.
Beurteile, inwiefern die Russlandpolitik der Weimarer Republik zu einer Revision des Versailler Vertrages beigetragen hat.
„Unser Verhältnis zur Sowjetunion bleibt, wie ich vor Jahren einmal geschrieben habe, stets eine Zwangsehe; von Neigungsheirat kann nicht die Rede sein. Utopistische Hoffnungen, die von gewissen Kreisen an die deutsch-russischen Beziehungen geknüpft werden, sind daher falsch und gefährlich.“ (M 1, Z. 14ff.)
Erörtere ausgehend von diesem Zitat und an ausgewählten Beispielen, inwiefern diese Charakterisierung zutreffend für das weitere Verhältnis zwischen Deutschland und Russland im 20. Jahrhundert war.25 BE
Grundlagen
Der Botschafter in Moskau, Graf von Brockdorff-Rantzau, an Reichspräsident von Hindenburg (8.7.1926)
Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik 1918-1945. Serie B: 1925-1933, Band 2/2, S. 98ff.
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Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau war von 1922 bis zu seinem Tod 1928 deutscher Botschafter in Moskau und trug wesentlich zum Zustandekommen des Berliner Vertrages vom 24. April 1926 bei. Dieser stellte als Freundschaftsvertrag zwischen Deutschem Reich und Sowjetunion eine Fortsetzung des Vertrags von Rapallo dar. Am 8. Juli 1926 schilderte von Brockdorff-Rantzau in einem geheimen Privatschreiben Reichspräsident von Hindenburg die politische Gesamtlage in Russland:
1 Maxim Litwinow war zu dieser Zeit stellvertretender Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten in der Sowjetunion.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Beim vorliegenden Material handelt es sich um eine Quelle. Autor des Briefes vom 8. Juli 1926 ist Graf von Brockdorff-Rantzau, deutscher Botschafter in Moskau, und Adressat Reichspräsident von Hindenburg. Der Botschafter schildert dem Reichspräsidenten in einem geheimen Privatschreiben die politische Gesamtlage in Sowjetrussland nach Abschluss des Berliner Vertrages vom 24. April 1926. Das Material ist den Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik 1918-1945 entnommen.
Ziele der deutschen Russlandpolitik in den 1920er Jahren:
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nach außen enges Verhältnis zu Russland („Bluff“) als Gegengewicht gegen Westen schaffen (Z. 10–13, Z. 27–31)
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deutsche Abhängigkeit von Westmächten vermeiden (Z. 10–13, Z. 35–38)
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Distanz auch zu Russland aufgrund politischer Differenzen wahren („Zwangsehe“, „rote Kameraden“): Gefahr politischer Einflussnahme bzw. Ausweitung russischer Revolution auf Deutsches Reich entgegenwirken (Z. 13–26)
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Absicherung guter Beziehungen zu Russland trotz deutschen Eintritts in Völkerbund (Z. 39–42)
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gutes Verhältnis zu Russland als Voraussetzung für selbständige Außenpolitik des Deutschen Reiches (Z. 45–48, Z. 58–60)
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Berliner Vertrag als Grundlage für neues Verhältnis zwischen Deutschland und Russland (Z. 31, Z. 35, Z. 57–60)
Verorte die in M 1 aufgeführten Informationen im Prozess der deutschen Außenpolitik in der Weimarer Republik. Bestimme Gründe für die Annäherung zwischen Deutschland und Sowjetrussland und führe diese argumentativ zusammen.
Leitlinien der deutschen Außenpolitik in der Weimarer Republik waren vor allem die Revision des Versailler Vertrages, die Lösung der Reparationsfrage und die Überwindung der außenpolitischen Isolation in Folge des Ersten Weltkrieges und des Versailler Vertrages.
Es gelang der deutschen Außenpolitik, sich schrittweise aus der Isolation zu lösen und wieder als gleichberechtigten Partner in das internationale Staatensystem zu integrieren.
Für eine historische Einordnung sind folgende Bezüge denkbar:
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Rapallo-Vertrag mit der Sowjetunion (1922): Überwindung der außenpolitischen Isolation; Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen, Verzicht auf Reparationsforderungen
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Dawes-Plan (1924): Koppelung der Reparationen an die deutsche Wirtschaftskraft; US-Kredit von 800 Millionen Goldmark als Wiederaufbauhilfe, um Voraussetzungen für Reparationsleistungen zu schaffen
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Aufnahme Deutschlands als gleichberechtigtes Mitglied in den Völkerbund (1926)
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Verträge von Locarno (1926): Anerkennung des territorialen Status quo im Westen, d. h. der durch den Versailler Vertrag fixierten Westgrenze Deutschlands; keine Garantie der Ostgrenzen
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Friedensnobelpreis für deutschen Außenminister Stresemann zusammen mit seinem französischen Amtskollegen Briand für die deutsch-französische Aussöhnung (1926)
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Young-Plan (1929): endgültige Festlegung der Zahlungen (112 Milliarden Reichsmark, zahlbar in 59 Jahresraten bis 1988)
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Hoover-Moratorium (1932): einjährige Unterbrechung der Zahlungen wegen der Weltwirtschaftskrise
Mögliche Gründe für die Annäherung zwischen Deutschland und Sowjetrussland:
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Befreiung aus außenpolitischer Isolation sowohl für Deutschland als auch für Sowjetrussland
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Nutzung der deutschen Orientierung nach Osten, um Westmächte zu weiteren Annäherungsschritten gegenüber Deutschland zu bewegen
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Revision des Versailler Vertrages (z. B. militärische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Sowjetrussland)
Prüfe Argumente für und wider eine Revision des Versailler Vertrages durch die deutsche Russlandpolitik der Weimarer Republik und formuliere ein begründetes Ergebnis.
In der Argumentation sollte die Zwiespältigkeit der deutschen Russlandpolitik in den 1920er Jahren bezüglich der außenpolitischen Isolation Deutschlands deutlich werden. Einerseits löst sich Deutschland mit der Annäherung an die Sowjetunion aus seiner außenpolitischen Isolation, andererseits vergrößert diese Annäherung zunächst den Abstand gegenüber den Westmächten. Letztlich bietet die Option einer Vertiefung der Beziehungen zu Russland für Deutschland in den 1920er Jahren immer wieder die Möglichkeit, die Annäherung an die Westmächte und damit einen endgültigen Ausweg aus der außenpolitischen Isolation zu realisieren. Deutschland laviert daher in dieser Zeit immer wieder zwischen Ost und West und revidiert zahlreiche außenpolitische Bestimmungen des Versailler Vertrages.
Mögliche Argumentationslinien können sein:
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Vertrag von Rapallo löste Deutschland einerseits aus außenpolitischer Isolation durch Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Russland (Revision außenpolitischer Isolation)
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andererseits verstärkte Vertrag von Rapallo kurzfristig deutsche außenpolitische Isolation im Westen, da Zusammenarbeit mit Russland von Westmächten zunächst als Affront und Deutschland als unzuverlässiger internationaler Partner wahrgenommen wurde („Rapallo-Komplex“)
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Ruhrbesetzung 1923 nicht als direkte Folge des Rapallo-Vertrages, aber zusätzlicher Baustein einer Verschlechterung der Beziehungen zu Westmächten
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„Angst vor Rapallo“ bei osteuropäischen Staaten (v. a. Polen): Gefahr einer erneuten Aufteilung Osteuropas zwischen Deutschland und Russland
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verstärkte Annäherung an Westmächte unter Stresemann auch deshalb möglich, weil weitere Annäherung zwischen Deutschland und Russland verhindert werden sollte (Revision der außenpolitischen Bestimmungen des Versailler Vertrages begünstigt)
Prüfe Argumente für und wider ein Zutreffen der im Zitat getroffenen Charakterisierung für das weitere Verhältnis zwischen Deutschland und Russland im 20. Jahrhundert. Untersuche treffende Beispiele und formuliere unter Abwägung von Argumenten und Gegenargumenten ein begründetes Ergebnis.
In dem Zitat wird vor allem der „Bluff-Charakter“ der Annäherung zwischen Deutschland und der Sowjetunion betont: Das enge Verhältnis nach außen trotz inhaltlicher Differenzen soll ein Gegengewicht gegen den Westen schaffen, um die eigene Verhandlungsposition zu verbessern.
Mögliche Argumentationslinien bezüglich des weiteren deutsch-russischen Verhältnisses im 20. Jahrhundert können sein:
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Grundsätzlich prägte ein wechselseitiges Misstrauen aufgrund ideologischer Gegensätze trotz zeitweiliger Annährungen die deutsch-sowjetischen Beziehungen.
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Die Situation für Deutschland nach Erstem Weltkrieg und Versailler Vertrag war ein außenpolitischer Ausnahmefall im 20. Jahrhundert, weshalb auch der Charakter der Beziehungen zu Russland in 1920er Jahren unter besonderen Vorzeichen stand.
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Der „Bluff“-Charakter der deutsch-russischen Annäherung, die vor allem auf Verbesserung eigener außenpolitischer Stellung ausgerichtet war, prägte die wechselseitigen Beziehungen bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges (z. B. Hitler-Stalin-Pakt).
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Der Vernichtungskrieg des NS-Regimes gegen die Sowjetunion ab Sommer 1941 entlarvte diesen Bluff und führte zu Millionen Opfern, gerade unter Zivilisten und vorrangig auf den Gebieten des heutigen Belarus und der Ukraine.
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Im „Großen Vaterländischen Krieg“ trug die Sowjetunion einen großen Teil der Last beim Sieg über das faschistische Deutschland.
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Mit Errichtung der Sowjetischen Besatzungszone hielt die deutsch-sowjetische Freundschaft auf dem Gebiet der späteren DDR Einzug, das Verhältnis zwischen Besatzern und Besetzten blieb aber in vielem ambivalent. „Utopistische Hoffnungen“ begleiteten den Aufbau des Sozialismus genauso wie die Ablehnung des oktroyierten Gesellschaftssystems.
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Die Gefahr politischer Einflussnahme aus dem kommunistischen Russland im Kalten Krieg war ein Grund für die Abkehr vom Bemühen um freundschaftliche Beziehungen zur Sowjetunion durch die BRD (Alleinvertretungsanspruch, Hallstein-Doktrin). Seit Adenauers Moskau-Besuch 1955 bestanden aber gegenseitige begrenzte diplomatische Beziehungen.
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Indirekt nützte der BRD die Gefahr einer Ausweitung des sowjetischen Einflussbereiches auf Westdeutschland bei ihrer Westintegration nach dem Zweitem Weltkrieg.
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Die Sondersituation der DDR als „Satellitenstaat“ Russlands nach dem Zweitem Weltkrieg beeinträchtigte ihre eigenständige Positionierung in der internationalen Politik.
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Die „Neue Ostpolitik“ unter Willy Brandt versuchte eine Annäherung zwischen Westdeutschland und der Sowjetunion unter Achtung gegenseitiger Interessen auf Augenhöhe (Moskauer Vertrag 1970).
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„Glasnost“ und „Perestroika“ in den 1980er Jahren unter Michail Gorbatschow veränderten noch einmal die Sicht auf die Sowjetunion: sowohl Gesellschaft und Medien in Westdeutschland als auch große Teile der Bevölkerung der DDR setzten Hoffnungen in eine Annäherung der unterschiedlichen Systeme.
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Nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze stand der Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands nur mit der Zustimmung der Sowjetunion offen und fand seinen Abschluss im „2+4-Vertrag“ am 12.September 1990 in Moskau.
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Nach der Wiedervereinigung und Transformation der Sowjetunion waren Deutschland und die neu gegründete Russische Föderation weiter um gute und freundschaftliche Beziehungen bemüht, intensivierten insbesondere unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (1998 – 2005) ihre Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Kultur und Politik.