Lerninhalte in Physik
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HT 3

Nachweis und Eigenschaften extrem seltener Elemente

Insgesamt 10 chemische Elemente waren bereits in der Antike bekannt und bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden 73 weitere chemische Elemente entdeckt. Zwar gelang in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine immer bessere Sortierung dieser Elemente aufgrund ihrer Atommasse und wiederkehrender ähnlicher chemischer Eigenschaften, aber es fehlte dem damals noch unvollständigen Periodensystem eine zuverlässige „Nummerierung“ dieser Elemente. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelang es Physikerinnen und Physikern, durch die Entwicklung erklärungsstarker Atommodelle und neuer experimenteller Methoden die Reihenfolge der Elemente im Periodensystem durch ihre „Ordnungszahl \(Z\)“ eindeutig festzulegen. Einen wesentlichen Beitrag dazu lieferte die zu dieser Zeit entwickelte Röntgenspektroskopie.
Teilaufgabe 1: Physikalische Grundlagen der Röntgenspektroskopie
a)
  • Zeichne eine beschriftete Skizze zum Aufbau einer Röntgenröhre sowie ihrer elektrischen Beschaltung.
  • Erläutere die Funktionsweise einer Röntgenröhre, ohne dabei auf die atomaren Prozesse der Erzeugung der Röntgenstrahlung einzugehen.
b)
Abbildung 1 zeigt ein typisches Röntgenspektrum. Es besitzt zwei spektrale Anteile: das kontinuierliche Spektrum der Bremsstrahlung sowie die Linien der charakteristischen Röntgenstrahlung.
Erkläre die Entstehung der Bremsstrahlung sowie der charakteristischen Röntgenstrahlung anhand der zugehörigen elementaren Prozesse sowie einer geeigneten Modellvorstellung vom atomaren Aufbau des Anodenmaterials.
Wellenlänge-relative Intensität
c)
Eine einfache Möglichkeit der Aufnahme eines Röntgenspektrums ist die Drehkristallmethode. Abbildung 2 zeigt einen typischen Aufbau zur Durchführung dieser Messmethode.
nrw physik abi lk 2022 ht 3 abbildung 2 drehkristallmethode zur aufnahme eines röntgenspektrums
Abbildung 2: Drehkristallmethode zur Aufnahme eines Röntgenspektrums
Bei der Messung des Röntgenspektrums mit dieser Methode trifft die gebündelte Strahlung unter einem Winkel \(\vartheta\) auf einen Einkristall, dessen Oberfläche parallel zu seinen Netzebenen verläuft. Unter dem Winkel \(2 \vartheta\) zur Einfallsrichtung der Röntgenstrahlung misst ein Zählrohr die vom Einkristall gestreute Strahlung. Für die Wellenlänge \(\lambda\) der dort nachgewiesenen Röntgenstrahlung gilt die sogenannte Bragg-Bedingung:
\(n \cdot \lambda=2 \cdot d \cdot \sin \vartheta\) mit \(n=1,2,3, \ldots\)
Dabei bezeichnet \(d\) den Abstand benachbarter Netzebenen des Einkristalls.
  • Leite die Bragg-Bedingung anhand einer geeigneten Skizze her.
Bei der Messung eines Röntgenspektrums mit einem typischen Schulröntgengerät wird bei der Drehkristallmethode der Einkristall in gleichmäßigen Drehschritten \(\Delta \vartheta\), beginnend bei kleinen Winkeln bis zu \(\vartheta=45^{\circ}\), bewegt. Das Zählrohr wird dabei entsprechend um den doppelten Drehwinkel mitgeführt. Nach jedem Drehschritt wird für eine immer gleiche Zeit \(\Delta t\) die Zahl der Strahlungsereignisse im Zählrohr gemessen und für den jeweiligen Winkel \(\vartheta\) registriert.
  • Erkläre, warum für die Aufnahme eines Röntgenspektrums bei jedem Messwert die Messzeit \(\Delta t\) gleich sein muss.
Bei einer konkreten Messung mit einem LiF-Kristall (Netzebenenabstand \(d=0,201 \,\text{nm}\)) beträgt die Drehschrittweite \(\Delta \vartheta=0,2^{\circ}\). Die Messung beginnt bei \(\vartheta=3,0^{\circ}.\)
  • Gib an, wie viele Messpunkte bei dieser Messung erfasst werden.
  • Zeige, dass bei dieser Messung in erster Ordnung \(n=1\) der Wellenlängenbereich zwischen \(\lambda_{\min .}=2,10 \cdot 10^{-11} \,\text{m}\) und \(\lambda_{\max .}=2,84 \cdot 10^{-10} \,\text{m}\) abgedeckt wird.
Die Messung erfolgt bei einer Beschleunigungsspannung an der Röntgenröhre von \(U_{ B }=25,0 \,\text{kV}.\)
  • Untersuche begründet, ob das kurzwellige Ende des Röntgenspektrums unter den Bedingungen dieser Messung erfasst werden kann.
(6 + 4 + 14 Punkte)
Teilaufgabe 2: Sortierung des Periodensystems durch Bestimmung der Ordnungszahlen der Elemente
Nachdem sich in den 1910er-Jahren das Kern-Hülle-Atommodell etabliert hatte, gelang es, den Aufbau des Periodensystems mit der schrittweisen Auffüllung von Elektronenschalen in der Atomhülle zu verstehen. Die Ordnungszahl \(Z\) eines Elements bezeichnete dabei die Zahl der Elektronen in der Atomhülle und damit die Zahl der positiven Elementarladungen im Atomkern.
Anhand der zu dieser Zeit erstmals systematisch untersuchten charakteristischen Röntgenstrahlung verschiedener Elemente konnten die Energiedifferenzen zwischen den inneren Elektronenschalen eines Elements bestimmt werden. Damals wurde die heute noch verwendete Bezeichnung „K-, L-, M- .. Schale“ für die inneren Elektronenschalen eines Atoms eingeführt.
a)
Abbildung 3 zeigt das Spektrum der Röntgenstrahlung des Kupfers. Die beiden Linien in dem Spektrum sind die \(K _\alpha\) - und die \(K _\beta\)-Linie des Kupfers. Die genaue Wellenlänge der \(K _\alpha\)-Linie in diesem Spektrum beträgt \(\lambda_{ K \alpha}=0,154 \,\text{nm}.\) Abbildung 4 zeigt das vereinfachte Niveauschema eines Atoms mit den Übergängen der charakteristischen Röntgenlinien.
Diagramm Wellen
Abbildung 3
nrw physik abi lk 2022 ht 3 abbildung 4 vereinfachtes niveauschema eines atoms
Abbildung 4: Vereinfachtes Niveauschema eines Atoms
Bestimme anhand von \(\lambda_{ K \beta}\) aus Abbildung 3 die Energiedifferenz zwischen der L-Schale und der M-Schale im Kupferatom in der Einheit \(\text{keV}.\)
b)
Dem britischen Physiker H. Moseley gelang es bereits 1914 empirisch, den folgenden Zusammenhang zwischen den Wellenlängen der \(K _\alpha\)-Röntgenlinien der chemischen Elemente (bis zum Zirkon) und deren Ordnungszahl \(Z\) zu finden:
\(\sqrt{\dfrac{1}{\lambda_{K \alpha}}}=\sqrt{C} \cdot(Z-1).\)
Dabei bezeichnet \(\sqrt{ C }\) eine empirisch gefundene Proportionalitätskonstante mit der Maßeinheit \([\sqrt{C}]=1 \dfrac{1}{\sqrt{\text m}}\).
Tabelle 1 beinhaltet die von \(H\). Moseley gemessenen Wellenlängen der \(K _\alpha\)-Röntgenlinien einiger Elemente.
  • Zeige anhand einer grafischen Auswertung, dass die Messwerte in Tabelle 1 den oben angegebenen Zusammenhang bestätigen.
  • Bestimme anhand dieser grafischen Auswertung einen Wert für die Proportiona- litätskonstante \(\sqrt{C}.\)
  • Bestimme anhand dieser Auswertung und der Informationen aus Teilaufgabe 2a die Ordnungszahl \(Z\) von Kupfer.
(4 + 12 Punkte)
Teilaufgabe 3: Extrem seltene Elemente und ihre Entstehung
Aufgrund immer besserer chemischer Analyse- und Synthesemethoden sowie einer weiter verbesserten Röntgenspektroskopie gelang es bis 1930, fast alle chemischen Elemente mit einer Ordnungszahl kleiner als der des Wismut \((Z\lt83)\) in natürlich vorkommenden Mineralien zu entdecken und in das Periodensystem der Elemente einzusortieren. Lediglich die chemischen Elemente mit den Ordnungszahlen \(Z=43\) und \(Z=61\) konnten damals noch nicht nachgewiesen werden.
a)
Heute ist bekannt, dass das Element mit der Ordnungszahl \(Z=43\) (Technetium \(Tc\)) ausschließlich Isotope besitzt, welche radioaktiv zerfallen. Abbildung 5 zeigt einen Ausschnitt aus einer heutigen Nuklidkarte.
  • Gib die Zerfallsgleichungen der beiden \(Tc\) -Isotope mit den längsten Halbwertszeiten an.
Man nimmt an, dass bei der Entstehung der Erdmaterie vor etwa \(t_{ E }=5,0 \cdot 10^9 a\) eine gewisse Menge an Technetium mitentstanden ist.
  • Bestimme, welcher Anteil des Technetiumisotops mit der längsten Halbwertszeit nach „nur“ \(\dfrac{1}{20} t_{ E }\) von der ursprünglichen Menge noch existiert hat.
Im Jahr 1937 wurde das Element Technetium erstmals aus einer Molybdän-Folie chemisch extrahiert und röntgenspektroskopisch identifiziert. Diese Molybdän-Folie war zuvor an einem Teilchenbeschleuniger über einen langen Zeitraum mit hochenergetischen Deuteriumkernen ( \({ }^2 H-\)Kernen) beschossen worden.
  • Gib die Reaktionsgleichung einer möglichen Kernreaktion an, mit der ein Technetiumisotop in der Molybdän-Folie entstanden sein kann.
Erst 24 Jahre später konnte das natürliche Vorkommen von Technetium in winzigen Spuren in Uranerzen nachgewiesen werden. Es entsteht dort infolge einer extrem selten vorkommenden Spontanspaltung (sf) eines \({ }^{238} U\)-Kerns. Abbildung 6 zeigt die Zerfallsgleichung dieses natürlichen Vorgangs sowie die daraus resultierende Zerfallsreihe bis zum Technetium. Die in der Zerfallsreihe angegebenen Zeiten sind die Halbwertszeiten der entsprechenden Nuklide.
nrw physik abi lk 2022 ht 3 abbildung 6 entstehung von technetium in der natur
Abbildung 6: Entstehung von Technetium in der Natur
Erkläre qualitativ, warum zwar das \({ }^{99}Tc\) im Uranerz nachweisbar ist, die anderen Nuklide der Zerfallsreihe aus Abbildung 6 jedoch nicht.
b)
Genauso wie Technetium besitzt auch das Element mit \(Z=61\) (Promethium \(Pm\)) keine stabilen Isotope. Die \(Pm\)-Isotope mit den längsten Halbwertszeiten sind:
Isotop: \({ }^{145}\text{Pm}\) \({ }^{146}\text{Pm}\) \({ }^{147}\text{Pm}\)
Halbwertszeit \(\color{#fff}{t_H}\): \(17,71\,\text a\) \(5,534\,\text a\) \(2,625\,\text a\)
Tabelle 2: \(\scriptsize Pm\)-Isotope mit den längsten Halbwertszeiten
Dieses Element wurde erst 1947 im Zuge der chemischen Untersuchung der Spaltprodukte aus den ersten Kernreaktoren entdeckt. Abbildung 7 zeigt die relative Häufigkeit \(H\) der Spaltprodukte eines typischen Kernreaktors als Funktion von deren Massenzahl \(A.\)
nrw physik abi lk 2022 ht 3 abbildung 7 relative häufigkeit der spaltprodukte bei der kernspaltung von 235u
Abbildung 7: Relative Häufigkeit der Spaltprodukte bei der Kernspaltung von \(\scriptsize {}^{235}U\)
  • Beurteile anhand von Abbildung 7 qualitativ die relative Häufigkeit, mit der das Element Promethium in den Spaltprodukten eines Kernreaktors zu erwarten ist.
Im Vergleich zum Element Technetium ist das Element Promethium in der Erdkruste noch einmal deutlich seltener anzutreffen. Es entsteht auf natürlichem Wege in Uranerzen durch einen ähnlichen Spalt- und Zerfallsmechanismus wie in Abbildung 6. Man geht heute davon aus, dass es in der ganzen Erdkruste insgesamt lediglich \(m=0,570\,\text{kg}\) Promethium natürlichen Ursprungs gibt. Es handelt sich dabei praktisch ausschließlich um das Isotop \({ }^{147} Pm\).
  • Bestimme die Gesamtaktivität \(A_{\text {ges }}\) des natürlichen Promethiums in der Erdkruste in der Einheit \(Bq.\)
Hinweis: Du kannst davon ausgehen, dass \(147\text g\) natürliches Promethium etwa \(6,02\cdot10^{23}Pm\)-Atomen entsprechen.
(12 + 7 Punkte)
Teilaufgabe 4: Das extraterrestrische Vorkommen von Promethium
Heute ist bekannt, dass Promethium auf der Erde und damit wahrscheinlich auch in unserem Sonnensystem nur in verschwindend geringen Mengen natürlich vorkommt.
Durch Untersuchungen der optischen Absorptionsspektren einiger sehr spezieller Sterne weiß man heute aber auch, dass Promethium sowie die im Periodensystem benachbarten Elemente im Bereich der Oberfläche und der nahen Umgebung dieser Sterne in messbarer Menge vorhanden sind. Das Alter dieser seltenen speziellen Sterne ist etwa dem unserer Sonne vergleichbar (ca. \(5 \cdot 10^9 a\)).
a)
Begründe qualitativ, dass der Nachweis des Promethiums in diesen Sternen nur damit erklärt werden kann, dass dieses Element dort ständig neu erzeugt wird.
Eine der Theorien, die das dortige „viel häufigere“ Vorkommen der bei uns sehr seltenen chemischen Elemente erklären soll, geht davon aus, dass im Bereich der Oberfläche dieser besonderen Sterne eine hohe Konzentration von langlebigen Uranisotopen vorhanden ist. Diese langlebigen Uranisotope existieren dort seit der Sternentstehung und werden durch die dort reichlich vorhandenen freien Neutronen aus dem Inneren des Sterns permanent gespalten. Als Spaltprodukte bleiben dabei u.a. die seltenen Elemente in messbarer Menge zurück.
b)
Erläutere qualitativ, wie es experimentell möglich wäre, diese Theorie durch Beobachtungen zu bestätigen oder zu widerlegen.
(3 +3 Punkte)

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