HT 3
Neutrinomassenbestimmung
Die experimentelle Untersuchung von Neutrinos stellt ein schwieriges Unterfangen dar. Es gilt heute als sicher, dass Neutrinos eine endliche Masse
Abbildung 1: Überblick über die elementaren Teilchen des Standardmodells
a)
Die drei unterschiedlichen Neutrinosorten gehören zur Teilchenart der Leptonen.
- Gib die elektrische Ladung
des Elektrons, des Myons und des Tauons sowie der jeweiligen zugehörigen Neutrinos an.
- Erläutere, warum ein direkter Nachweis von Neutrinos erheblich schwieriger ist als der Nachweis der anderen Leptonen.
b)
Alle aus Atomen aufgebaute Materie besteht lediglich aus drei der in Abbildung 1 dargestellten elektrisch geladenen Elementarteilchen.
(Deuterium).
- Erläutere, warum alle anderen elektrisch geladenen Elementarteilchen aus Abbildung 1 nicht in der heute existierenden atomaren Materie vorkommen.
- Gib an, aus wie vielen und welchen Elementarteilchen aus Abbildung 1 das Deuteriumatom
aufgebaut ist.
- Beschreibe, welche elementaren Wechselwirkungen für die Stabilität des
-Atoms verantwortlich sind.
c)
Neutrinos und ihre Antiteilchen treten ausschließlich bei Prozessen unter Beteiligung der schwachen Wechselwirkung auf. Ein typisches Beispiel für einen solchen Prozess ist der
-Zerfalls eines Neutrons in ein Proton. Dieser Umwandlungsprozess ist auf Quarkebene in Abbildung 2 dargestellt.
Teilaufgabe 2: Die Zerfallseigenschaften des Tritiums und das Energiespektrum seiner
Abbildung 2: Prozess der
-Umwandlung aufgrund der schwachen Wechselwirkung
- Beschreibe den in Abbildung 2 dargestellten Vorgang und gehen Sie dabei insbesondere auf die Bedeutung des
-Teilchens ein.
- Gib an, was sich an Abbildung 2 ändert, wenn anstelle des
-Zerfalls ein
-Zerfall dargestellt wird.
(5 + 8 + 5 Punkte)
a)
Das Wasserstoffisotop
(Tritium) ist ein
-Strahler mit der Zerfallsgleichung:
Die Abnahme der Anzahl
der Tritiumkerne in einer Probe als Funktion der Zeit wird durch das Zerfallsgesetz
beschrieben. Dabei bezeichnet
die Anfangszahl der Tritiumkerne und
die Zerfallskonstante des Tritiums.
Die Aktivität
der Probe ergibt sich aus der Ableitung von
nach der Zeit, also der Änderungsrate der Tritiumkerne
. Für die Aktivität
gilt das Abnahmegesetz
bestimmt und dann nach
erneut. Es zeigt sich, dass sich die Aktivität
der Probe um
gegenüber der ersten Messung reduziert hat.
Die Aktivität
- Zeige, dass für die Anfangsaktivität
der Probe folgender Zusammenhang gilt:
- Zeige, dass die Halbwertszeit
eines radioaktiven Nuklids wie folgt von dessen Zerfallskonstante
abhängt:
.
- Bestimme aus dieser Messung die Halbwertszeit
des Tritiums in Jahren.
b)
Da der
-Zerfall des Tritiums direkt in den Grundzustand des Tochternuklids
erfolgt, tritt bei diesem Prozess keine
-Strahlung auf. Somit verteilt sich bei diesem
-Zerfall die gesamte frei werdende Energie
auf die entstehenden Teilchen. Für die Gesamtenergie
des
-Zerfalls gilt dabei der folgende Zusammenhang:
.
Erläutere den angegebenen Zusammenhang zwischen den Massen und der Gesamtenergie des
-Zerfalls
.
c)
Ein gemessenes Energiespektrum der beim
-Zerfall des Tritiums entstehenden Elektronen ist in Abbildung 3 dargestellt.
Aufgrund des großen Massenunterschieds zwischen Elektron und Tochterkern kann der
-Kern aus dem
-Zerfall aufgrund der Impulserhaltung maximal
der kinetischen Energie des Elektrons
erhalten.
Teilaufgabe 3: Das KATRIN-Experiment und die Masse des Neutrinos
Für das Elektron-Antineutrino
Abbildung 3: Energiespektrum der Elektronen des Tritium
-Zerfalls
- Beschreibe den Verlauf des Energiespektrums der Elektronen in Abbildung 3.
- Begründe, dass das ansonsten nicht nachweisbare Antineutrino
erforderlich ist, um das Spektrum in Abbildung 3 zu erklären.
(11 + 4 + 6 Punkte)
a)
Berechnen Sie die bislang gültige obere Grenze für die Neutrinomasse
in der Maßeinheit „
“.
b)
Das Ziel des KATRIN-Experiments ist es, das hochenergetische Ende des Energiespektrums beim
-Zerfall des Tritiums sehr genau zu messen. Die Masse des zerfallenden Tritiumkerns
, die Masse des
-Kerns
sowie die Masse des Elektrons
sind sehr genau bekannt. Für die Annahme, dass das Antineutrino
masselos ist
, kann damit die Gesamtenergie des
-Zerfalls des Tritiums sehr genau bestimmt werden und sie ergibt sich zu
Abbildung 4 zeigt die Verläufe des Elektronen-Energiespektrums des
-Zerfalls im Bereich der Gesamtenergie
für die Annahme eines masselosen Antineutrinos
sowie für den Fall
. Bei einer Neutrinomasse
gilt für die maximal mögliche Energie
der Elektronen aus dem
-Zerfall
der dabei entstehenden Elektronen bestimmt werden.
Die Elektronen des
Abbildung 4: Einfluss der Neutrinomasse
auf das hochenergetische Ende des Elektronenspektrums beim
-Zerfall in der Nähe der Gesamtenergie
- Begründe den in Abbildung 4 dargestellten Unterschied zwischen der maximalen Elektronenenergie
beim
-Zerfall und
- Gib an, in welchem Energieintervall die maximale Energie
der Elektronen beim
-Zerfall des Tritiums zu erwarten ist.
Abbildung 5: Komponenten des KATRIN-Experiments
c)
Aus messtechnischen Gründen werden die Elektronen im Innern des Haupt-Spektrometers zudem durch ein stark inhomogenes Magnetfeld zum Elektronendetektor geführt.
weiter abgebremst und nur nach Überwinden dieser Gegenspannung im Elektronendetektor nachgewiesen. Die Gegenspannung im Haupt-Spektrometer kann zum jetzigen Zeitpunkt in Schritten von
stabilisiert eingestellt werden und soll in den nächsten Jahren durch weitere Verbesserungen am Experiment in Schritten von
variierbar sein.
- Begründe qualitativ, warum die kinetische Energie der Elektronen durch statische Magnetfelder prinzipiell nicht beeinflusst wird.
- Erläutere, warum diese Verbesserung der Einstellgenauigkeit der Gegenspannung
bei der Gegenfeldmethode zu genaueren Messergebnissen führt.
d)
Bereits heute grenzen die ersten vorläufigen Ergebnisse des KATRIN-Experiments die Ruheenergie des Elektron-Neutrinos auf
ein.
Beurteile diesen Erkenntnisfortschritt gegenüber dem Kenntnisstand vor dem KATRIN-Experiment.
Teilaufgabe 4: Die Bedeutung der Neutrinomasse für die Kosmologie
Nach heutigem Kenntnisstand der Kosmologie besitzt das kugelförmige Universum einen Radius von mindestens
(2 + 8 + 7 + 3 Punkte)
Weitere Optimierungen am KATRIN-Experiment werden zukünftig zu einer höheren Messgenauigkeit führen. Es besteht die Aussicht, dass es dann auch einen Messwert für die Neutrinomasse
(6 Punkte)
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Teillösung 1
Neutrinos durchqueren Materie leicht, ohne dabei signifikante Energieverluste oder Ablenkungen zu erfahren. Ihre Interaktion erfolgt dabei ausschließlich über die schwache Wechselwirkung. Da sie keine elektrische Ladung besitzen, werden sie weder von elektrischen Feldern noch von magnetischen Feldern beeinflusst.
a)
| Leptonen | Ladung q |
|---|---|
| Elektron | -e |
| Myon | -e |
| Tauon | -e |
| Elektron-Neutrino | 0 |
| Myon-Neutrino | 0 |
| Tauon-Neutrino | 0 |
b)
Alle anderen elektrisch geladenen Elementarteilchen sind viel massiver. Die schwereren Teilchen sind instabil und zerfallen durch die starke oder schwache Wechselwirkung in leichtere Teilchen wie Elektronen, u-Quarks und d-Quarks. Daher sind sie nicht langfristig in der Materie vorhanden.
Das Deuteriumatom
besteht aus einem Proton und einem Neutron. Das Proton ist zusammengesetzt aus zwei Up-Quarks und einem Down-Quark, das Neutron besteht aus einem Up-Quark und zwei Down-Quarks. In der Atomhülle befindet sich ein Elektron.
Für die Stabilität des Deuteriumatoms
sind die starke Wechselwirkung und die elektromagnetische Wechselwirkung verantwortlich. Die starke Wechselwirkung hält die Quarks im Proton und im Neutron zusammen und überwindet die elektrostatische Abstoßung der positiv geladenen Protonen im Atomkern. Die elektromagnetische Wechselwirkung sorgt für die Abstoßung zwischen den positiv geladenen Protonen im Kern, sodass diese nicht in einander fallen und bindet das Hüllenelektron an den Atomkern.
c)
Beim abgebildeten
wird ein Neutron in ein Proton umgewandelt, wobei ein Elektron und ein Antineutrino emittiert werden. Zuerst wird ein Down-Quark im Neutron in ein Up-Quark umgewandelt, wobei ein
Boson ausgetauscht wird. Das
Boson ist ein Vermittler der schwachen Wechselwirkung und ermöglicht die Umwandlung eines Down-Quarks in ein Up-Quark. Das
Boson ist instabil und zerfällt in ein Elektron und ein Antineutrino.
Beim
wird ein Proton in ein Neutron umgewandelt, wobei ein Positron und ein Elektron-Neutrino emittiert werden. Das
Boson ist auch bei diesem Zerfall der Vermittler der schwachen Wechselwirkung und ermöglicht die Umwandlung eines Up-Quarks in ein Down-Quark. Das
Boson ist ebenfalls instabil und zerfällt in ein Positron und in ein Elektron-Neutrino.
Teillösung 2:
a)
Für die Akivität A der Probe gilt:
Für die Halbwertszeit
der Probe gilt:
Die verbliebene Aktivität des Tritiums nach
beträgt:
Einsetzen in die Gleichung für die Halbwertszeit liefert:
b)
Es gilt
Hierbei entspricht
der Differenz zwischen der Masse des Anfangszustandes und der Masse der Endzustände des Zerfalls. Dies entspricht der Masse, die während des Zerfalls in Energie umgewandelt wird, wenn sich die Masse der beteiligten Teilchen ändert. Multipliziert mit
ergibt dies die Gesamtenergie, die in Form von kinetischer Energie der Teilchen und anderen Energien freigesetzt wird.
c)
Energiespektrum
Das Energiespektrum zeigt eine kontinuierliche Verteilung der Elektronenenergien im Bereich von
bis
Die y-Achse repräsentiert die Anzahl der detektierten Elektronen im Verhältnis zur maximal möglichen Anzahl.
Die rasche Erhöhung der Kurve auf den Wert 1 bei etwa
zeigt, dass die meisten Elektronen eine Energie von ungefähr
haben und die Zählrate ihr Maximum erreicht. Dies deutet darauf hin, dass Elektronen in diesem Energiebereich nahezu vollständig erfasst werden.
Die Kurve fällt nach dem Maximum zuerst steiler und dann gleichmäßiger ab, und ab etwa
nimmt die Zählrate für höhere Energien weniger stark ab.
Der Abfall der Kurve auf 0 bei
zeigt, dass Elektronen mit noch höheren Energien selten auftreten und die Zählrate für diese Energien stark abnimmt.
Erforderlichkeit des Antineutrinos
Das Energiespektrum in Abbildung 3 zeigt, dass die Elektronen aus dem
-Zerfall des Tritiums eine kontinuierliche Verteilung von Energien haben, die von
bis
reicht. Aufgrund der Energieerhaltung und Impulserhaltung sollten die Elektronen jedoch einen breiteren Bereich kinetischer Energien haben, wenn die gesamte Energie des Zerfalls auf sie übertragen würde. Da der Tochterkern
nur einen sehr kleinen Anteil, nämlich
der kinetischen Energie des Elektrons erhalten kann, bleibt ein Teil der Energie im Spektrum unsichtbar. Das Antineutrino trägt diese fehlende Energie und ist daher erforderlich, um das Spektrum in Abbildung 3 zu erklären.
Teillösung 3
a)
b)
Bei
wird die Gesamtenergie des Zerfalls aufgrund der kinetischen Energie, die dem Neutrino zugeführt wird, verringert. Diese kinetische Energie steht den Elektronen nicht mehr zur Verfügung, wodurch die maximal mögliche Energie
der Elektronen geringer ist als die Gesamtenergie
Für
gilt:
Die maximale Energie
der Elektronen ist in dem Intervall
c)
Die Elektronen erfahren in magnetischen Feldern die Lorentzkraft
Diese Kraft wirkt stets senkrecht zur Bewegungsrichtung der Elektronen. Die Lorentzkraft kann daher nur die Richtung ihrer Bewegung ändern, jedoch keine Arbeit an ihnen verrichten. Die Geschwindigkeit und damit die kinetische Energie des Elektrons im statischen Magnetfeld bleibt somit unverändert.
Die Verbesserung der Einstellgenauigkeit der Gegenspannung
führt zu genaueren Messergebnissen, da die abgebremsten Elektronen präziser kontrolliert werden können. Im Detektor werden nur Elektronen nachgewiesen, die über ausreichend hohe Maximalenergie verfügen, um das durch die Gegenspannung erzeugte Gegenfeld zu überwinden. Wenn die Gegenspannung groß genug ist und keine Elektronen mehr dieses Feld überwinden können, entspricht dies der maximalen Gegenspannung und somit der maximalen Energie der Elektronen. Je genauer die Einstellung der Gegenspannung ist, desto präziser kann folglich die maximale Energie der Elektronen ermittelt werden.
d)
Dieser Fortschritt in der Erkenntnis liefert eine wesentlich präzisere Obergrenze für die Neutrinomasse
Dadurch ist es möglich, den möglichen Massenbereich der Neutrinos genauer einzuschränken. Im Vergleich zur vorherigen Obergrenze für die Ruhemasse von Neutrinos von
hat sich die Messgenauigkeit um den Faktor 2 verbessert.
Teillösung 4
Für die Masse
der Neutrinos in einem Kubikzentimeter
gilt:
Die Berechnung der Anzahl der
aus denen das Universum besteht, ergibt:
Für die Neutrinonmasse
im Universum gilt:
Für den prozentualen Anteil der Neutrinomasse
von
gilt:
Die Neutrinos machen einen relevanten Anteil an der Masse des Universums aus.