Block 2
Religion (als Phänomen) und die Religionen: Religion und religiöse Erfahrung
Fasse aus dem Interview das islamische Gottesverständnis M. Khorchides zusammen.
Vergleiche M. Khorchides fundamentales Verständnis vom Islam mit islamistisch-fundamentalistischen Positionen. Beginne die Ausführungen mit einer Abgrenzung der Begriffe „fundamental“ und „fundamentalistisch“.
Beurteile auf der Basis des Zitates und des Gesamttextes, welche Chancen und Grenzen ein zukünftiger islamischer Religionsunterricht in Deutschland haben könnte, gehe dabei besonders auf deine Erfahrungen aus dem evangelischen Religionsunterricht ein.
„Es muss ein Diskurs entstehen, und ein Diskurs braucht Institutionen, es muss gelehrt werden, die Studenten müssen es weitertragen. Ich sehe gute Chancen in der islamischen Theologie hier in Deutschland. Weil wir uns viel freier bewegen können. Aber es wird noch ein, zwei Generationen dauern.“ (Zeile 95ff)
Auszug aus dem ZEIT-Interview mit Mouhanad Khorchide
Mouhanad Khorchide wurde 1971 als Sohn palästinensischer Flüchtlinge im Libanon geboren. Die Familie zog später ins streng religiöse Saudi-Arabien, wo M. Khorchide die Schule besuchte. Da er als Ausländer dort nicht studieren durfte, kam M. Khorchide mit 18 Jahren nach Wien, studierte Soziologie und islamische Theologie und wurde österreichischer Staatsbürger. 2006 begann er seine akademische Laufbahn mit dem Schwerpunkt Islam in Europa. In seiner Doktorarbeit beschäftigte sich M. Khorchide mit den Einstellungen islamischer Religionslehrer in Österreich. Dabei stellte er unter anderem fest, dass gut 30 Prozent der Muslime rechtsstaatliche und demokratische Prinzipien ablehnten. Seit Juli 2010 hat M. Khorchide die Professur für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster inne. Hier werden islamische Religionslehrerinnen und Religionslehrer ausgebildet. 2012 erschien M. Khorchides Buch „Islam ist Barmherzigkeit – Grundzüge einer modernen Religion“.
1 archaisch: vor- und frühzeitlich
Quelle: Khorchide, Mouhanad, Gott ist kein Diktator. In: DIE ZEIT 41/2012. Online unter: http://www.zeit.de/2012/41/Mouhanad-Khorchide-Islam-Gewalt (letzter Zugriff: 27.06.2018), für Prüfungszwecke bearbeitet und gekürzt.
Islamische Gottesverständnis Khorchides
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Leitthese: Gott ist barmherzig und liebend – kein archaischer Stammesvater, kein Diktator, kein Buchhalter oder Richter („Islam ist Barmherzigkeit“).
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Koranischer Beleg: 113 von 114 Suren beginnen mit „Im Namen Gottes des Allbarmherzigen, des Allerbarmer s“ – Gott stellt sich als liebender Gott vor.
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Die Beziehung Gott–Mensch ist eine Liebesbeziehung (Analogie Mutter–Kind), nicht eine Herr-Knecht- bzw. Gehorsamsbeziehung.
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Kritik am verbreiteten Gottesbild: Gott werde als kontrollierende Instanz (Belohnung/Bestrafung), der Koran als Regelbuch / „Bedienungsanleitung“ / To-do-Liste gelesen – ein „Buchstabenglaube“, der Gott zum Buchhalter macht.
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Ursachen: politisch-historisch („Schatten Gottes auf Erden“; Machthaber und Salafisten profitierten von einem Islam als juristischem Regelwerk → Entmündigung der Gläubigen) und sprachlich-hermeneutisch (Koran im Hocharabisch des 7. Jh., schwer verständlich; Glaube oft auf Überlieferung gegründet, Rückgriff auf Theologen des 9./10. Jh.).
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Hölle/Paradies sind metaphorisch zu verstehen: die Hölle als Konfrontation mit den eigenen Verfehlungen, keine von außen kommende Strafe. Handle nicht aus Angst oder Belohnungshoffnung, sondern „das Gute um des Guten willen“ – Ziel ist innere Vollkommenheit und die Nähe/Gemeinschaft Gottes.
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Menschenbild: Betonung von Mündigkeit und Vernunft (der Koran selbst stelle diese in den Mittelpunkt); nötig sei eine Reform „von innen“, keine von außen übergestülpte (europäische) Aufklärung. Die Scharia als juristisches System widerspreche dem Islam, weil sie ihn auf ein Regelwerk reduziere.
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Methodisch argumentiert Khorchide konsequent aus dem Koran (Verweis auf rund 400 Koranstellen), um zu zeigen, dass dies keine private Meinung, sondern theologisch begründet ist.
Begriffsabgrenzung
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„fundamental“ = grundlegend, auf das Fundament / den Kern einer Religion bezogen (hier: Barmherzigkeit und Liebe Gottes als Wesen des Islam) – wertneutral bis positiv, Rückbesinnung auf das Wesentliche.
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„fundamentalistisch“ = ideologische Verabsolutierung meist wörtlich gelesener Glaubensinhalte: buchstäbliches Schriftverständnis, Absolutheits-/Alleingültigkeitsanspruch, Ablehnung von Pluralismus und Moderne, autoritäre Strukturen, Abgrenzung gegen Andersdenkende, ggf. Gewaltbereitschaft (Islamismus als politisierter, militanter Fundamentalismus).
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Khorchide ist also fundamental (Rückgriff auf den Kern), nicht fundamentalistisch.
Vergleich
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Gottesbild: Khorchide – liebender, barmherziger Gott (Liebesbeziehung) ↔ Fundamentalismus – fordernder, strafender Gott, dem absoluter Gehorsam gebührt (Herr-Knecht).
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Schriftverständnis: kontextuelle, theologisch verortende, metaphorische Lesart (Hermeneutik) ↔ wörtlich-buchstäblich, Koran als ahistorisches Gesetzbuch.
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Hölle/Strafe: metaphorisch (Konfrontation mit eigenen Verfehlungen) ↔ materielle Strafen/Belohnungen, Handeln aus Angst und Hoffnung.
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Recht/Scharia: Scharia als juristisches System widerspricht dem Islam (Reduktion) ↔ Scharia inkl. Körperstrafen als verbindlicher Maßstab des „wahren“ Muslimseins.
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Menschenbild: Mündigkeit, Vernunft, Eigenverantwortung, „das Gute um des Guten willen“ ↔ Entmündigung, Gehorsam, bloße Regelbefolgung.
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Verhältnis zu Moderne/Pluralismus: Reform von innen, Dialog, Vereinbarkeit mit Vernunft und Demokratie ↔ Ablehnung der Moderne, Absolutheitsanspruch, ggf. Gewalt.
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Nur formale Gemeinsamkeit: Beide berufen sich auf Koran und Islam – aber mit gegensätzlicher Hermeneutik. Khorchide wirft den Fundamentalisten vor, den Islam „auszuhöhlen“, indem sie sich auf Fassade und Äußerlichkeiten fokussieren (er kritisiert ebenso die „Liberalen“, die den Islam auf die Schahada reduzieren).
Chancen
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Akademische, wissenschaftlich-theologische Ausbildung von Religionslehrkräften (z. B. Münster) → reflektierte, an Barmherzigkeit, Vernunft und Mündigkeit orientierte Vermittlung; institutionelle Verankerung des Reformansatzes.
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Freiheitsraum: In Deutschland kann man sich „freier bewegen“ als in autoritären Kontexten – Voraussetzung für Diskurs, Pluralität und kritische Hermeneutik.
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Sprachliche Erschließung auf Deutsch macht Inhalte verständlich (gegen die Abhängigkeit von schwer zugänglichem Hocharabisch und bloßer Überlieferung); Aufbrechen des „Buchstabenglaubens“.
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Identität/Prävention: ein konfessioneller islamischer RU kann eine positive, selbstbestimmte religiöse Identität stiften und Radikalisierung vorbeugen.
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Vorbild ev. RU: mündigkeits-, vernunft- und dialogorientiert, historisch-kritisch, fördert eigenständige Urteilsbildung, Toleranz und die Verbindung von Glaube und Lebenswelt – ein Orientierungsmodell für einen islamischen RU.
Grenzen
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Zeit: Reform dauert „ein, zwei Generationen“; konservative/fundamentalistische Deutungen sind verbreitet (auch unter Jugendlichen).
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Trägerfrage (Art. 7,3 GG): Muslime sind organisatorisch heterogen – wer ist die „Religionsgemeinschaft“ als Partner? Einfluss konservativer Verbände bzw. ausländischer Staaten.
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Innerislamischer Widerstand: Khorchides Ansatz ist umstritten (Vorwurf, „Fremdes überzustülpen“); Reform muss „von innen“ kommen.
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Praktische Hürden: Ausbildungskapazitäten, Lehrkräfte- und Materialmangel, Qualitätssicherung; Spannung zwischen Bekenntnis und wissenschaftlicher Theologie.
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Auch der ev. RU steht unter Druck (Säkularisierung, Pluralisierung, sinkende Teilnahme) – kein idealisiertes Vorbild, Übertragbarkeit nur begrenzt.
Beurteilung
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Insgesamt überwiegen die Chancen, wenn institutionelle, personelle und gesellschaftliche Voraussetzungen geschaffen werden; ein an Mündigkeit, Vernunft und Dialog orientierter islamischer RU kann Integration und religiöse Selbstbestimmung fördern. Khorchides Zeithorizont ist realistisch; kurzfristig bleiben deutliche Grenzen. Eine begründete eigene Beurteilung mit konkretem Bezug zum ev. RU ist gefordert und aufwertend.