Block 1
Gott und Transzendenz
Erläutere den Begriff und die theologische Bedeutung der Theodizee und gehe dabei auf die Frage ein, warum sich das Theodizee-Problem nicht in allen Religionen stellt.
Entfalte die in den biblischen Stellen M 1 angeführten Thesen zur Theodizee und vergleiche diese mit dir bekannten Theodizee-Deutungen.
Erarbeite aus dem Text M 2 die Position von Hans Jonas und fasse die Argumentation zusammen.
Der Bibelwissenschaftler Jürgen Ebach (* 1945) schreibt:
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„Jeder Versuch, die Theodizeefrage zu beantworten, bezeugt Zynismus oder Blindheit (oder beides). Noch zynischer und blinder wäre einzig, die Theodizee als Frage zu beseitigen.“
Erörtere diese Aussagen vor dem Hintergrund deiner erarbeiteten Erkenntnisse genauer und nimm abschließend Stellung.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?M 1 Hiob – die Antworten des Alten Testaments auf die Theodizee
Texte hier in der Übersetzung der Lutherbibel von 2017.
Quelle: https:www.bibleserver.com/LUT/Hiob
Bei der Bearbeitung von M 1 gelten beim Zitieren die biblischen Kapitel- und Versangaben z. B. Hiob 36,5-6. Aus diesem Grunde wurde bei M 1 bewusst auf die Zeilenangaben verzichtet. Die Zahlen im Text sind biblische Kapitel- und Versangaben und keine Zeilenangaben.
Das Zitat von Jürgen Ebach wurde entnommen aus: Nicht den Frieden, sondern das Schwert!? – Drängende Fragen an Texte, die von Gewalt sprechen. Quelle: https://www.bibel-in-gerechter-sprache.de (Aktualität geprüft am 14.09.2022)
M 2 Hans Jonas: Gedanken über Gott. Drei Versuche.
Quelle: Jonas, Hans: Gedanken über Gott. Drei Versuche. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1994. S. 42-45, für Prüfungszwecke bearbeitet.
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Begriff der Theodizee: Zusammensetzung aus den Begriffen θεός, theós = Gott und δίκη, díkē = Gerechtigkeit
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der ursprünglich französische Begriff geht auf den Philosophen und Vordenker der Aufklärung Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) zurück
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im allgemeinen Sinn ist damit das Problem gemeint, ob bzw. wie sich der Gottesbegriff bzw. der Glauben an Gott im Angesicht des individuellen und des globalen Leids rechtfertigen lässt
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die Theodizee umfasst die verschiedenen Versuche einer Antwort auf die Frage, wie die Existenz von Leid im umfassenden Sinn mit der Annahme eines allmächtigen, allwissenden und allguten Gottes vereinbart sein kann
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besonders ausgeprägt stellt sich das Theodizee-Problem in den monotheistischen Religionen, die eben die Allmacht Gottes und den Willen zur Güte Gottes im besonderen Maße betonen
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insbesondere für das Juden- und Christentum bleibt diese Problematik nach den Schrecken der Shoa (vgl. Theologie nach Auschwitz) essentiell und drängend
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Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens stellt sich beispielsweise im Buddhismus nicht, da dieser sich auf keine allmächtige Gottheit beruft, in buddhistischer Sicht ist des Menschen Situation in der Welt durch ihn selbst verursacht und Ausdruck seines Karmas
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Textstelle |
Zusammenfassung (inhaltlich/theologisch) |
Zuordnung zu einer Theodizee-Deutung |
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Hiob 1 |
Prolog: Exposition, Himmelsszene I („Wette“ Gottes mit dem Satan), Hiobs Verluste (Besitz, Kinder), Hiobs Annahme des Leids ohne Auflehnung gegen Gott. Lobpreis Gottes ohne die Frage nach dem Warum zu stellen. |
Gott „prüft“ den Glauben und die Rechtschaffenheit der Frommen durch das Leid. |
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Hiob 2 |
Prolog: Himmelsszene II, Erweiterung der „Wette“. Der Satan darf Hiob mit Krankheit schlagen, ohne ihn aber zu töten. Seine Frau fordert ihn auf Gott zu verfluchen, Hiob aber hält an seinem Glauben fest, seine Freunde besuchen ihn, um ihn zu trösten. |
Gott „prüft“ den Glauben und die Rechtschaffenheit der Frommen durch das Leid. |
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5, 17f. |
Dialoge der Freunde mit Hiob, jeweils lange Reden, auf die immer eine Entgegnung Hiobs folgt. |
Leid ist eine Form göttlicher Erziehung zum Wohl des Individuums und der Gemeinschaft. |
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33, 14-19 |
Elihu-Reden: als vierter Redner betont dieser Gottes Allmacht und Größe. Er stellt infrage, dass der Mensch überhaupt das Recht hat, göttliches Handeln zu beurteilen. Allmacht und Güte Gottes werden als zusammengehörig verstanden. |
Gott warnt den Menschen durch Leid vor Sünde und Fehlern. |
M 2 Zusammenfassung
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Am Beginn des Textes wird zuerst einmal das Attribut der Macht bzw. der Unbegrenztheit von Macht auf rein logisch-philosophischer Ebene beschrieben bzw. im Anschluss daran verworfen. Allmacht habe keinen Gegenstand, auf den sie wirken könne, sie sei daher widerstandslos und damit ontologisch nicht denkbar. Macht wird von Jonas als „Verhältnisbegriff“ bestimmt und metaphysisch begründet nur als „geteilt“ akzeptiert. (Z 1-17)
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Der zweite Teil des Textes bezieht nun die theologischen und religiösen Einwände gegen den Begriff der unbegrenzten Allmacht mit ein. Hier erweitert er die Fragestellung auf die drei wesentlichen traditionellen Attribute Gottes: absolute Güte, absolute Macht und absolute Verstehbarkeit. Sogleich taucht dabei die These auf, dass diese in einem solchen Spannungsverhältnis zueinander stünden, „dass jede Verbindung von zweien von ihnen das dritte ausschließt.“ Güte und Verstehbarkeit stehen für Jonas aus der jüdischen Theologie heraus nicht zur Disposition, da vor allem die Versteh- und Erfahrbarkeit Gottes (in aller menschlichen Begrenzung natürlich, von der auch Jonas ausgeht) die Grundlage der jüdischen Lehre und der Tora bilden. Er nennt die die Aufgabe dieses Attributes sogar einen „unannehmbaren“ Begriff von Gott. (Z 18-34)
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Der dritte und abschließende Absatz bezieht sich daher auf den einzig übrigbleibenden Begriff, der „nach Auschwitz“ nicht mehr haltbar sei – den der Allmacht Gottes. Gottes „Gutsein“ muss nach Jonas vereinbar sein mit der Existenz von Auschwitz, mit der Existenz des Übels und des Leides überhaupt und dies ist denkbar nur in der Aufgabe des Attributs der Allmacht Gottes. Da der Begriff der Allmacht bereits zu Beginn des Textes philosophisch „dekonstruiert“ wurde, ist diese Schlussfolgerung in sich für Jonas folgerichtig. (Z 35-43)
Teilthese 1: Alle Versuche, die Theodizeefrage zu beantworten (also auch die biblischen Antworten des Hiob-Buches und auch die Deutungen von Hans Jonas) sind zynisch und/oder blind. Zynisch hieße also im heutigen Gebrauch des Wortes mitleidlos, bewusst verletzend und paradox, blind wohl eher völlig fehlgehend, falsch und sinnlos.
Teilthese 2: Noch „schlimmer“, also falscher, menschenverachtender oder sinnloser wäre es nur noch, die Frage nach der Theodizee gar nicht mehr zu stellen, bzw. diese zu ignorieren.
Hier müsste ein genaueres Eingehen auf die Argumentationskraft, Schlüssigkeit und vor allem auf die Intentionen der durch die Texte M 1 und M 2 gegebenen Antworten auf die Theodizee erfolgen – sind diese (ja sehr verschiedenen) Ansätze den Glauben an Gott im Angesicht des Leides zu „retten“ tatsächlich menschenfeindlich, im Ganzen falsch und destruktiv? (vgl. 1. These)
Gerade die Diskussionen um die Aufgabe der Kategorie der Allmacht Gottes (M 2 Hans Jonas) zugunsten eines „mitleidenden“, „wehrlosen“ Gottes, eines Gottes, der sich in der Schöpfung selbst begrenzt und „ent-machtet“ hat und/oder der den Menschen appellativ in die Verantwortung für das Leid des Nächsten ruft, sind sowohl in der jüdischen, als auch in der christlichen Theologie bis in die Gegenwart immer wieder wirkmächtig und zahlreich geblieben. Namentlich benannt seien in diesem Zusammenhang die Theologen und Theologinnen Elie Wiesel, Eberhard Jüngel, Dorothee Sölle, Johannes Brantschen, Emanuel Levinas, Jean Baptist Metz und Hans Küng – eventuell können die Prüflinge hier auf Wissen aus dem Unterricht gezielt zurückgreifen und damit die 1. These von Jürgen Ebach infrage stellen.
Ebenso verhält es sich mit der modernen „Wiederaufnahme“ der theologischen Thesen des Hiob-Buches, die die aufrechte Autonomie des Menschen in der Person des Hiob begrüßen, der sich ein einfachen Logik des antiken Vergeltungsschemas seiner Freunde widersetzt und sowohl auf seiner Schuldlosigkeit, als auch auf seinem Recht der Gottes(an)klage besteht. Trotzdem bleibt im Hiob-Buch dabei die Würdigung der Machtfülle des Schöpfergottes möglich, der liebendes Gegenüber und damit lobens-wert bleibt. Sowohl die Angebote der Materialien M 1 und M 2, als auch das Wissen zu verschiedenen traditionellen und/oder modernen Antworten auf die Theodizee sollte in der Auseinandersetzung mit den Thesen Ebachs erkennbar werden.
Die Erörterung der 2. Teilthese kann und sollte auch Bezüge auf die Erkenntnisse der 1. Aufgabe enthalten, da die grundsätzliche Frage nach der Rechtfertigung des Glaubens „nach Auschwitz“ eben tatsächlich für die jüdische und die christliche Theologie eine essentielle Frage war und ist. Das Ignorieren oder Verschweigen der Theodizee wäre also tatsächlich praktisch weder möglich, noch theologisch und/oder menschlich zu rechtfertigen, der Glaube würde am „Fels des Atheismus“ (Georg Büchner) zerschellen.
Es wird nicht erwartet, dass die Prüflinge in der zur Verfügung stehenden Zeit alle hier aufgeführten Aspekte aufnehmen bzw. bearbeiten. Werden andere, doch ebenso sinnvolle an die Thesen und Texte anknüpfende und sie fundiert auswertende Akzente gesetzt, können diese Teile der Hinweise für die Lehrkraft ersetzen. Die methodischen und inhaltlichen Vorkenntnisse und Voraussetzungen der individuellen Lerngruppe sind bei der Bewertung mit einzubeziehen.