Block 2 — Gott und Transzendenz
„Glauben wir alle an denselben Gott?“
Erarbeite die Antwort des Verfassers aus Material 1.
Erkläre ausgehend vom Text und darüber hinaus verschiedene Aspekte des Transzendenzbegriffs.
H. Hempelmann schreibt: „Wer die Welt der Religionen kennt, der weiß, dass diese mainstream-Überzeugung – wir glauben doch alle an denselben Gott! – weder das Selbstverständnis einer konkreten Religion trifft noch ihren Lebensvollzug.“
Erörtere die Aussage des Autors im Hinblick auf das Gottesbild im Christentum und einer weiteren Religion deiner Wahl. Gehe dabei insbesondere auf zentrale Eigenschaften und die Rolle Gottes in der jeweiligen Religion ein.
Setze die Aussage der Inschrift am Hauptgebäude der Universität Rostock (Material 2) „Es gibt viele Lehren, aber nur eine Wahrheit“ in Bezug zur Kernaussage des Textes Material 1 und berücksichtige die Ergebnisse zu den Teilaufgaben 1 bis 3.
Weiter lernen mit SchulLV Plus!
monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1: Heinzpeter Hempelmann — Glauben wir alle an denselben Gott?
Heinzpeter Hempelmann (geb. 1954) ist ein deutscher evangelischer Theologe und Philosoph.
1Animismus: Glaube an die Allbeseeltheit der Natur.
2evident: offenkundig, klar ersichtlich.
Material 2: Hauptgebäude der Universität Rostock
Die Universität Rostock wurde im Jahre 1419 gegründet und ist damit die älteste Universität im Ostseeraum. Das Hauptgebäude der Universität Rostock wurde zwischen 1867 und 1870 erbaut. Das Portal trägt die lateinische Inschrift:
„DOCTRINA MULTIPLEX VERITAS UNA“
„Die Lehre (ist) vielfältig, die Wahrheit (aber nur) eine“

Weiter lernen mit SchulLV Plus!
monatlich kündbarSchulLV Plus-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?-
Heinzpeter Hempelmann verneint in seinem Text „Glauben wir alle an denselben Gott?“ diese Frage in ihrer pauschalen Form. Die Behauptung, alle Religionen glaubten im Grunde dasselbe, wirke zwar tolerant und entlastend. Sie werde aber den unterschiedlichen Gottesvorstellungen der Religionen, ihrem Selbstverständnis und ihrer gelebten Praxis nicht gerecht.
-
Religiöse Vielfalt als Ausgangspunkt: Hempelmann beschreibe zunächst, dass Menschen heute verschiedenen Religionen begegneten: im Alltag, in den Medien und auf Reisen. Als Beispiele nenne er den Islam, den tibetischen Buddhismus, Stammesreligionen und den Animismus, also den Glauben an eine beseelte Natur. Diese Vielfalt werfe die Frage auf, wie sich die Religionen zueinander verhielten und was an ihnen wahr sei (Z. 1–17).
-
Entlastung durch Gleichsetzung: Vielen Menschen fehle es an Wissen über die eigene und über fremde Religionen. Deshalb griffen sie zu einer pragmatischen Lösung: Sie gingen davon aus, dass es bei allen Religionen „im Grunde, im Kern“ um dasselbe gehe. Diese Annahme entlaste „ganz kolossal“: Die mühsame Auseinandersetzung mit den einzelnen Religionen und mit der Frage nach ihrer Wahrheit entfalle (Z. 17–22).
-
Zudem scheine die Gleichsetzung Toleranz zu ermöglichen. Wer allen Religionen denselben Status und dieselbe Wahrheit zuspreche, scheine genau die Haltung zu zeigen, die in einer multireligiösen Gesellschaft angemessen sei. Hempelmann beschreibe diese „verführerische Kraft“ der Antwort, ohne ihr zuzustimmen (Z. 23–33).
-
Kritik an vermeintlicher Selbstverständlichkeit: Dass eine Überzeugung einleuchtend wirke, mache sie noch nicht richtig. Die Gleichsetzung aller Religionen erscheine heute ebenso selbstverständlich wie früher die Auffassung, allein der christliche Glaube sei wahr – solange andere Religionen nicht im Blick gewesen seien (Z. 30–33). Wo etwas selbstverständlich scheine, frage niemand mehr nach. Mit Karl Jaspers warne Hempelmann deshalb: Gerade in den Selbstverständlichkeiten lauerten die großen Irrtümer (Z. 34–38).
-
Unterschiedliche Gottesvorstellungen: Hempelmann fordere dazu auf, die Religionen selbst zu fragen, ob sie diese Überzeugung teilten. Ihre Gottesvorstellungen unterschieden sich stark: Es gebe den Glauben an einen einzigen Gott, an die Dreieinigkeit, an viele Götter oder, wie im Hinduismus, an Brahman als das eine göttliche Prinzip. Dies seien „sehr gegensätzliche, sich ausschließende Positionen“ (Z. 43–44). Wer sie alle für Varianten desselben halte, mache die Religionen in ihrer Geschichte bedeutungslos (Z. 39–48).
-
Konkrete Offenbarung und Bindung: Religion entstehe nach Hempelmann dort, wo sich etwas Göttliches gezeigt habe, wo es also in die menschliche Wirklichkeit eingetreten sei. Heilige Orte, die Erinnerung daran und der Kult knüpften an diese Offenbarung an. Die Beziehung „zu diesem meinem Gott“ binde Glaubende „absolut“ (Z. 56–57). Sie könnten deshalb nicht so tun, als sei ihr Gott nur eine von vielen austauschbaren Varianten (Z. 49–63).
-
Antwort des Verfassers: Hempelmann beantwortet die Ausgangsfrage ablehnend: Die Unterstellung „Wir glauben doch alle an denselben Gott!“ sei „gleichmacherisch“ und lasse den „nötigen Respekt gegenüber dem Fremden wie dem Eigenen“ vermissen (Z. 64–66). Respekt vor einer Religion verlange, ihren „Anspruch auf Manifestation des Göttlichen“ ernst zu nehmen, statt ihn „in einer billigen Überzeugung einzuebnen“ (Z. 61–63). Ob es neben dem eigenen Gott noch andere göttliche Wirklichkeiten gibt, lässt Hempelmann offen: Das könne und wolle der Glaubende „gar nicht beurteilen“ (Z. 58–59).
-
Transzendenz geht auf das lateinische „transcendere“ zurück und bedeutet „übersteigen“ oder „überschreiten“. Religiös bezeichnet der Begriff eine Wirklichkeit, die über die endliche Welt hinausgeht und über die Menschen nicht verfügen können. Immanenz (lat. „immanere“: darin bleiben) meint dagegen das, was innerhalb der Welt und der menschlichen Erfahrung bleibt. Die Unterscheidung ist nicht räumlich gemeint: Ein transzendenter Gott wohnt nicht einfach an einem sehr weit entfernten Ort im Universum.
-
Transzendenz im Text: Nach Hempelmann entsteht Religion dort, „wo etwas Göttliches in die menschliche Wirklichkeit eingetreten ist“ (Z. 52–53). Das Göttliche ist also nicht selbst Teil dieser Welt, sondern tritt gleichsam von außen in sie ein und zeigt sich in ihr. Ein solches Sich-Zeigen an bestimmten Orten und in bestimmten Ereignissen wird als Offenbarung bezeichnet.
-
Offenbarung und persönliche Begegnung: Der Satz „Gott, mein Gott, ist mir hier begegnet“ (Z. 59) verbindet Transzendenz mit einer persönlichen Erfahrung. Aus Sicht des Glaubens geht die Begegnung von Gott aus: Er ist keine bloße Idee des Menschen, sondern kommt von sich aus auf ihn zu. Diese Deutung ist allerdings kein Beweis für alle: Dass ein Mensch eine Erfahrung als Begegnung mit Gott versteht, belegt nicht für jeden nachprüfbar, dass sie tatsächlich von Gott ausgeht.
-
Unverfügbarkeit und Absolutheit: „Und dieser Gott ist Gott. Wie komme ich dazu, ihn klein zu machen […]?“ (Z. 60–61). Hempelmann betont damit, dass Gott nicht zu einer beliebig austauschbaren Größe gemacht werden darf. Transzendenz heißt hier: Gott lässt sich von Menschen weder einordnen noch beherrschen. Glaubende sind an ihn gebunden, weil er selbst Anspruch auf sie erhebt, und nicht nur, weil sie eine bestimmte Tradition bevorzugen.
-
Transzendenz und Immanenz im Christentum: Gott wird als Schöpfer verstanden, der nicht Teil seiner Schöpfung ist. Zugleich kann er ihr nahe sein und sich in ihr offenbaren. Die Inkarnation, also die Menschwerdung des göttlichen Wortes in Jesus Christus (Joh 1,14), verbindet beide Aspekte besonders deutlich: Der transzendente Gott wird nach christlichem Glauben in menschlicher Geschichte erfahrbar. Trotz dieser Nähe bleibt Gott transzendent: Er ist immer größer als das, was Menschen von ihm erkennen.
-
Philosophische Erkenntnisgrenzen: Für Immanuel Kant ist „transzendent“, was jenseits jeder möglichen Erfahrung liegt. Gott kann deshalb nicht wie ein Gegenstand in der Welt erkannt und auch nicht mit der theoretischen Vernunft bewiesen werden. Das heißt aber nicht, dass Gott widerlegt wäre. Es heißt nur, dass Gott kein Gegenstand gesicherten Wissens sein kann. Nicht zu verwechseln ist „transzendent“ mit „transzendental“: Dieser Begriff bezeichnet bei Kant die Bedingungen, unter denen Erkenntnis überhaupt möglich ist.
-
Religiöse Praxis und Erfahrung: Durch Gebet, Meditation und Kontemplation können sich Menschen für eine transzendente Wirklichkeit öffnen. Im Gebet bringen Christinnen und Christen zum Beispiel Dank, Bitte oder Klage vor Gott. Mystische Traditionen wie die christliche Mystik oder der Sufismus im Islam suchen eine Erfahrung, die das alltägliche Erleben von sich selbst und der Welt übersteigt. Im Buddhismus führt die Meditation über das alltägliche Bewusstsein hinaus, ohne sich an einen persönlichen Gott zu richten. Solche Praktiken können Wege zu religiöser Erfahrung sein. Sie machen Transzendenz aber nicht verfügbar und garantieren keine bestimmte Erfahrung.
-
Sprache und Deutung: Wer über Transzendenz spricht, verwendet oft Bilder und Symbole, weil sich das, was alle Erfahrung übersteigt, nicht vollständig beschreiben lässt. Die Rede von Gott als Vater drückt beispielsweise Beziehung und Vertrauen aus, ohne ihn auf einen menschlichen Vater zu reduzieren. Für den Vergleich der Religionen bedeutet das: Unterschiedliche Gottesbilder können damit zusammenhängen, dass Menschen Gott nur begrenzt erkennen. Daraus folgt aber noch nicht, dass alle Gottesbilder dasselbe meinen.
-
Ergebnis: Der Begriff Transzendenz umfasst also drei Aspekte: eine Wirklichkeit, die über die Welt hinausgeht, die Grenzen menschlicher Erkenntnis und die Möglichkeit, dieser Wirklichkeit im Glauben zu begegnen. Hempelmann betont vor allem den dritten Aspekt: Gott zeigt sich in einer konkreten Offenbarung und bindet die Glaubenden persönlich. Göttliche Transzendenz schließt Nähe in der Welt nicht aus, verhindert aber die Gleichsetzung Gottes mit einem vollständig verfügbaren Gegenstand oder Begriff.
-
Hempelmanns Aussage lässt sich am Christentum und Islam erörtern. Dabei helfen zwei Fragen. Erstens: Lehren beide Religionen dasselbe über Gott? Zweitens: Können sie trotz unterschiedlicher Lehren denselben Gott meinen? Ein Vergleich verdeutlicht den Unterschied: Zwei Menschen können ganz Verschiedenes über dieselbe Person erzählen und trotzdem dieselbe Person meinen. Mit dieser Unterscheidung lässt sich Hempelmanns Kritik ernst nehmen, ohne Gemeinsamkeiten von vornherein auszuschließen.
-
Christliches Gottesbild: Nach christlichem Bekenntnis ist Gott der eine Schöpfer. Er erhält die Welt und begegnet den Menschen liebend, gerecht und barmherzig. Die Trinität (Dreieinigkeit) beschreibt diesen einen Gott als Vater, Sohn und Heiligen Geist. Gemeint sind nicht drei Götter, sondern ein Gott in drei Personen. So nennt der Taufauftrag Vater, Sohn und Heiligen Geist in einem Atemzug (Mt 28,19).
-
Jesus Christus und Erlösung: Jesus wird im christlichen Glauben als wahrer Mensch und wahrer Gott bekannt. In seiner Menschwerdung, seinem Tod und seiner Auferstehung zeigt sich, wie sehr Gott sich den Menschen zuwendet. Gott ist damit nicht nur Schöpfer und Richter der Welt: Er versöhnt die Menschen mit sich und schenkt neues Leben. Für die evangelische Tradition ist die Rechtfertigung aus Gnade durch Glauben zentral: Anerkennung vor Gott wird nicht durch religiöse oder moralische Leistung verdient (vgl. Röm 3,23–28).
-
Islamisches Gottesbild: Im Islam steht der Tauhid, die uneingeschränkte Einheit und Einzigkeit Gottes, im Mittelpunkt. Allah ist Schöpfer, Erhalter und Richter, zugleich barmherzig und dem Menschen zugewandt. „Allah“ ist einfach das arabische Wort für Gott; auch arabischsprachige Christen beten zu „Allah“. Der Name allein macht also keinen Unterschied. Entscheidend ist, wie Gott verstanden wird: Sure 112 betont seine Einzigkeit und Unvergleichbarkeit und weist die Vorstellung zurück, Gott habe gezeugt oder sei gezeugt worden.
-
Offenbarung und Rolle Jesu im Islam: Für Muslime ist der Koran Gottes Offenbarung, die Muhammad empfangen und verkündet hat. Muhammad ist ein Prophet, aber nicht Gott. Auch Jesus wird im Islam hoch geachtet: als Gesandter Gottes und als Messias. Er gilt aber nicht als Sohn Gottes oder als Mensch gewordener Gott. Sure 4,171 würdigt Jesus und lehnt zugleich die Dreieinigkeit ab. In der Frage, wer Jesus ist, unterscheiden sich Christentum und Islam damit grundlegend.
-
Lebensvollzug: Diese Unterschiede prägen auch das religiöse Leben. Christinnen und Christen feiern Taufe und Abendmahl als Zeichen ihrer Gemeinschaft mit Christus, beten das Vaterunser und richten ihr Handeln an der Gottes- und Nächstenliebe aus. Im Islam prägen die fünf Säulen den Alltag: Glaubensbekenntnis (Schahada), fünfmal tägliches Gebet (Salat), Pflichtabgabe für Bedürftige (Zakat), Fasten im Ramadan (Saum) und Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch). Sie drücken die Hingabe an Gott aus, die das Wort „Islam“ bezeichnet. Im muslimischen Gebet wird Gottes Einheit bekräftigt; christliche Gottesdienste beginnen dagegen oft „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Für Glaubende sind diese Formen deshalb mehr als austauschbare Gewohnheiten.
-
Zustimmung zu Hempelmann: Dreieinigkeit oder strenge Einheit Gottes, Menschwerdung Gottes in Jesus oder deren Ablehnung: Diese Gegensätze sind keine unwichtigen Spielarten derselben Sache. Beide Religionen beanspruchen, durch ihre Offenbarung etwas Entscheidendes über Gott zu wissen. Wer diese Unterschiede übergeht, nimmt weder das Selbstverständnis noch den gelebten Glauben der Religionen ernst, wie Hempelmann betont (Z. 49–63). Seine Kritik an einer inhaltlichen Gleichsetzung überzeugt daher.
-
Gemeinsamkeiten und Einwände: Beide Religionen glauben an einen einzigen Gott (Monotheismus) und berufen sich auf Abraham. In beiden ist Gott der Schöpfer, transzendent, barmherzig und gerecht. Die Menschen sind ihm verantwortlich und sollen beten, Bedürftigen helfen und verantwortlich leben. Der Koran betont sogar ausdrücklich gegenüber Juden und Christen, dass ihr Gott und der Gott der Muslime einer ist (Sure 29,46). Deshalb lässt sich gut begründen, dass unterschiedliche Gottesbilder trotzdem denselben Gott meinen können. Dass alle Lehren über Gott gleich wären, folgt daraus aber nicht.
-
Abwägung: Unterschiedliche Beschreibungen schließen nicht aus, dass dasselbe Gegenüber gemeint ist. Umgekehrt beweisen gemeinsame Eigenschaften aber auch nicht, dass es wirklich derselbe Gott ist. Ähnliche Erfahrungen von Geborgenheit oder göttlicher Nähe reichen als Beweis ebenfalls nicht aus. Außerdem gibt es innerhalb beider Religionen unterschiedliche Auffassungen darüber, wie sie zueinander stehen. Hempelmanns Kritik sollte deshalb nicht zu einer ebenso pauschalen Behauptung führen, Christen und Muslime könnten unter keinen Umständen denselben Gott meinen.
-
Fazit: Hempelmann hat recht, wenn er kritisiert, dass die Glaubensinhalte gleichgesetzt und konkrete Traditionen missachtet werden. Zu weit ginge es aber, aus unterschiedlichen Gottesvorstellungen zu folgern, dass zwingend verschiedene Götter gemeint seien. Christentum und Islam teilen grundlegende Bezüge auf den einen Gott, unterscheiden sich aber in wesentlichen Aussagen über seine Offenbarung und sein Verhältnis zu Jesus Christus. Ein respektvoller Dialog kann an die Gemeinsamkeiten anknüpfen und die Unterschiede offen benennen. Denn Toleranz heißt nicht, dass alle dasselbe glauben müssen.
-
Die Inschrift „DOCTRINA MULTIPLEX VERITAS UNA“ am Hauptgebäude der Universität Rostock stellt den vielen Lehren die eine Wahrheit gegenüber. Material 2 übersetzt sie mit „Die Lehre (ist) vielfältig, die Wahrheit (aber nur) eine“. Auf die Religionen bezogen stellt sich die Frage: Verweisen die verschiedenen religiösen Lehren auf dieselbe göttliche Wirklichkeit, oder widersprechen sich ihre Wahrheitsansprüche? Genau um diese Spannung zwischen religiöser Vielfalt und der Behauptung eines gemeinsamen Gottes geht es auch bei Hempelmann.
-
Bezug zu Aufgabe 1: Hempelmann kritisiere die Annahme, alle Religionen seien im Kern gleich, weil sie konkrete Offenbarungen, Bindungen und Lebensformen einebne (Z. 49–66). Die Inschrift sagt aber nur, dass es eine Wahrheit gibt. Sie behauptet nicht, dass jede Lehre gleich viel wert oder richtig ist. Deshalb widerspricht sie Hempelmann nicht zwangsläufig. Wer an der einen Wahrheit festhält, kann zugleich respektieren, dass Menschen unterschiedliche, sogar unvereinbare Antworten auf die Wahrheitsfrage geben.
-
Pluralistische Deutung: Religiös lässt sich die eine Wahrheit als die eine göttliche Wirklichkeit verstehen, die von den Religionen jeweils unterschiedlich erfasst wird. Dafür spricht der Transzendenzbegriff aus Aufgabe 2: Gott übersteigt alle menschlichen Begriffe, deshalb kann keine Beschreibung ihn vollständig erfassen. Ein bekanntes Bild dafür ist das Gleichnis von den Blinden und dem Elefanten: Jeder ertastet nur einen Teil und hält ihn für das Ganze. Diese Deutung kann Offenheit fördern, weil sie dazu anregt, auch Einsichten anderer Religionen ernst zu nehmen.
-
Grenze dieser Deutung: Dass Menschen Gott nur unvollständig erkennen, heißt aber nicht, dass alle Religionen dieselbe Wirklichkeit beschreiben oder gleichermaßen recht haben. Das Elefantenbild setzt zudem jemanden voraus, der das Ganze überblickt – doch diesen Standpunkt hat kein Mensch. Der Vergleich aus Aufgabe 3 zeigt, dass Christentum und Islam sowohl Gemeinsamkeiten als auch zentrale Gegensätze aufweisen. Die Aussagen „Jesus ist der Mensch gewordene Gott“ und „Jesus ist nicht Gott“ lassen sich nicht einfach zu derselben Aussage erklären. Wer mit der Inschrift begründet, alle Unterschiede seien nebensächlich, den trifft Hempelmanns Vorwurf der Gleichmacherei. Die pluralistische Deutung ist also eine mögliche eigene Position, gibt aber nicht Hempelmanns Kernaussage wieder.
-
Exklusive und inklusive Deutungen: Die eine Wahrheit lässt sich auch exklusivistisch verstehen: Nur eine Religion besitzt die entscheidende Wahrheit, alle widersprechenden Lehren irren. Eine inklusivistische Sicht findet auch in anderen Religionen Wahres, beurteilt es aber vom Maßstab der eigenen Offenbarung aus. Beide Sichtweisen nehmen Wahrheitsansprüche ernst. Sie können den Dialog aber erschweren, wenn die andere Religion nur an eigenen Maßstäben gemessen und ihr Selbstverständnis überhört wird. Welche Deutung zutrifft, lässt die Inschrift selbst offen.
-
Einheit Gottes und Vielfalt der Gottesbilder: Aus den Aufgaben 2 und 3 ergibt sich: Ob die Religionen denselben Gott meinen, ist eine andere Frage als die, ob sie dasselbe über ihn sagen. Christen und Muslime können sich auf den einen Schöpfer beziehen, ohne in der Frage der Dreieinigkeit oder der Offenbarung übereinzustimmen. Diese Unterscheidung nimmt sowohl Gottes Transzendenz als auch die konkrete Glaubensbindung ernst. Zugleich vermeidet sie die unbegründete Behauptung, alle Religionen verwendeten letztlich nur verschiedene Namen für dasselbe.
-
Säkulare Deutung im Universitätskontext: Die Inschrift lässt sich auch als Auftrag an Wissenschaft und Lehre verstehen. Die vielen Fächer einer Universität untersuchen mit unterschiedlichen Methoden verschiedene Seiten der Wirklichkeit. Gemeinsam ist ihnen der Anspruch, Erkenntnisse sorgfältig zu begründen. Die Vielfalt der Zugänge bedeutet nicht, dass jede Behauptung gleich gut begründet ist. Beobachtungen, nachvollziehbare Argumente und öffentliche Kritik dienen dazu, Aussagen zu prüfen und Irrtümer zu korrigieren. Wie geprüft wird, hängt vom Fach ab: Ein physikalisches Experiment funktioniert anders als die Auslegung eines Gedichts.
-
Wahrheitssuche und Freiheit: Die eine Wahrheit ist dabei ein Ziel der Suche, kein Besitz: Niemand verfügt schon über das vollständige Wissen. Forschung braucht deshalb die Freiheit, konkurrierende Erklärungen zu prüfen und Ergebnisse zu korrigieren. Die Ausrichtung auf Wahrheit zeigt auch: Verschwörungsmythen, Fake News oder sogenannte „alternative Fakten“ lassen sich nicht mit dem Hinweis auf Meinungsvielfalt rechtfertigen, denn sie halten einer sachlichen Prüfung nicht stand. Glaubensaussagen über Gott lassen sich allerdings nicht wie naturwissenschaftliche Beobachtungen überprüfen, denn sie beziehen sich auf eine transzendente Wirklichkeit.
-
Eigene Position und Fazit: Die Inschrift überzeugt als Einladung, trotz verschiedener Lehren gemeinsam nach Wahrheit zu suchen. Hempelmann ergänzt: Dabei dürfen die einzelnen Religionen nicht zu austauschbaren Ausdrucksformen gemacht werden. Die Einheit der Wahrheit begründet weder die Gleichheit aller Lehren noch das Recht einer Gruppe, sich jeder kritischen Prüfung zu entziehen. Eine verantwortliche Haltung sucht deshalb nach Wahrheit und bleibt zugleich bescheiden, was das eigene Wissen angeht: Sie hält an gut begründeten Überzeugungen fest, respektiert den Glauben anderer und spricht Gemeinsamkeiten wie Widersprüche offen an.