Block 2
Leben in Freiheit und Verantwortung
Fasse die Aussagen von M 1 thesenartig mit eigenen Worten zusammen.
Stelle einen detaillierten Vergleich zwischen den zehn großen Freiheiten Ernst Langes und dem alttestamentlichen Dekalog an.
Formuliere auf der Grundlage deiner Erarbeitungsergebnisse aus Aufgabe 1 und Aufgabe 2 einen deiner Meinung nach für die Gegenwart angemessenen und passenden Dekalog und begründe deine Auswahl und Formulierung.
Die zeitgenössische württembergische Theologin Cornelie Class-Hähnel interpretiert das Gebot der Feiertagsheiligung: „Der Sonntag ist für uns Menschen da. Deshalb klingt für mich der Imperativ ‚Du sollst den Feiertag heiligen!‘ nicht streng, sondern er ist ein fürsorglicher und dringlicher Rat von Gott.“ Diskutiere ausgehend vom Zitat die Bedeutung der Feiertagsruhe für dein Leben selbst und für die moderne Gesellschaft.
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Christiane Tietz (geb. 1967) ist eine deutsche, in der Schweiz tätige evangelische Theologin.
Quelle: Christiane Tietz, Der Glaube an Gott und Gottes Gebote, in: Aus Glauben handeln – Ethik.
Ein evangelischer Glaubenskurs in 51 Kapiteln, Berlin 2013 (für Prüfungszwecke bearbeitet und gekürzt).
M 2: Die zehn großen Freiheiten
Der Theologe Ernst Lange (1927–1974) stellte sich der Frage, wie in der modernen Welt und unter den Bedingungen der urbanen Industriegesellschaft glaubwürdig von Gott geredet werden könne. Dazu müsste die Kirche sich einlassen auf das Leben, die Sprache und die Wirklichkeit der Gegenwart. E. Lange formuliert seine „Gebote“ so:
Quelle: Ernst Lange, Die zehn großen Freiheiten, Gelnhausen 1982.
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Die Betitelung als „Gebote Gottes“ klingt zunächst nach Unfreiheit (im Denken) und Enge, Fundamentalismus und Fanatismus, blindem Gehorsam gegenüber Gott, Fremdbestimmung, Unmündigkeit, Unvernunft und wirkt unpassend für die moderne Gesellschaft.
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Die Autorin kommt jedoch zum Schluss, dass das Gegenteil der Fall ist: Gottes Gebote orientieren sich am Wohl des Menschen und nehmen ihn als freies, vernünftiges Wesen ernst.
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Das christliche Verständnis der Gebote Gottes geht vom Doppelgebot der Liebe aus (Liebe zu Gott und zum Nächsten). Der Dekalog erläutert, was dieses Doppelgebot bedeutet und wie menschliches Zusammenleben gelingen kann.
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Die Bibel ist kein Nachschlagewerk für direkte Handlungsanweisungen und der Dekalog keine unverrückbare moralische Prinzipienliste. Vielmehr zeigt die Bibel zeit- und situationsbedingte Beispiele dafür, was Menschen als Gebot Gottes verstanden haben.
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Christliches Handeln orientiert sich daran, was dem Nächsten nützt. Dazu ist eine situationsgerechte Analyse mit Hilfe der Vernunft nötig. Wenn ein Handeln dem Nächsten nützt, kann es als Gebot Gottes verstanden werden. Gottes Gebote und vernünftige Einsicht stehen nicht im Widerspruch.
Formale Ebene
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Titel: „10 große Freiheiten“ vs. „10 Gebote“.
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Umfang: Bei Lange liegt im Material nur ein Auszug (4 Freiheiten) vor, der Dekalog umfasst 10 Gebote.
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Formulierung: „Du brauchst nicht …“ (Lange) vs. „Du sollst nicht …“ (Dekalog).
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Struktur bei Lange: I. Offenbarung Gottes mit Zusicherung und Nennung des Gebotes; II. Formulierung der Freiheit; III. Erläuterungen mit Beispielen und Schlussfolgerung. Der Dekalog formuliert die Gebote knapp als Geb- bzw. Verbot ohne größere Erläuterungen.
Inhaltliche Ebene
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E. Lange nimmt im vorliegenden Auszug Bezug auf die ersten vier Gebote des Dekalogs (keine anderen Götter, kein Bildnis, Name Gottes nicht missbrauchen, Feiertag heiligen).
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Jeder Abschnitt beginnt mit der Selbstoffenbarung Gottes als „dein Gott“ bzw. „der allmächtige Gott“, ähnlich wie Ex 20,2. Bei Lange wird diese Selbstoffenbarung durch Zusicherungen („ich will dein Helfer/Lehrer/Freund/Meister sein“) erweitert.
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Nach der Nennung des Gebotes erfolgt jeweils die Formulierung der Freiheit, die mit der anschließenden Erläuterung eine zeit- und situationsbedingte Interpretation des Gebotes darstellt.
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Die Formulierung „Du brauchst nicht …“ wirkt wie eine Ermunterung, sich von Druck und Zwängen der Gesellschaft frei zu machen und sich auf Gott zu stützen.
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Jede Freiheit wird mit vier Negativbeispielen untermauert (z.B. Angst vor Sternen, Menschen, Geld, Vergnügen; Einredenlassen durch Sektenprediger, Weltanschauungsapostel, Weltverbesserer, Egoisten; Bestechungsversuche Gottes; Hetze durch Arbeit, Vergnügungsjagd, Sorgen, Angst, etwas zu verpassen) und mit einer kurzen Begründung abgeschlossen (Sklaverei, falsches Bild, Missbrauch des Namens Gottes, Verlust der Lebensfreude).
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Aufwertend ist ein Bezug zur Argumentation von Ch. Tietz, die zu einer zeit- und situationsbezogenen Auslegung der Gebote Gottes animiert.
Ansätze zur inhaltlichen Füllung der Gebote auf zwischenmenschlicher Ebene
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Gleichheit aller Menschen (kein Rassismus, Akzeptanz von Andersdenkenden/Andersgläubigen, Gleichberechtigung von Mann und Frau).
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Freiheit für alle Menschen (Meinungsfreiheit, Demonstrationsfreiheit, Pressefreiheit).
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Respektvolles, friedvolles Miteinander (kein Krieg, kein Mobbing).
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Umwelt- und Klimaschutz (Tierschutz, nachhaltige Energiegewinnung).
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Mögliche zeitgemäße Formulierungen für die Gottesgebote (Glaube an den einen Gott, kein Bildnis, Name nicht missbrauchen, Feiertag heiligen).
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Formulierungen wie „Du darfst (nicht) …“, „Du brauchst (nicht) …“, „Du hast es nicht nötig …“, „Es ist dir (k)ein Bedürfnis …“ sind denkbar.
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Auch eine religions- und gotteskritische Position ist möglich, sofern sie begründet wird.
Zunächst sollte herausgearbeitet werden, dass der Autorin die Einhaltung der Feiertagsruhe keine Last, sondern eine Entlastung ist. Dies kann sie so empfinden, da ihr bewusst ist, dass Gott den Sonntag für uns Menschen ganz bewusst als Unterbrechung des Arbeitsalltags gesetzt hat, um notwendige Ruhepausen zu schaffen, damit wir uns nicht im pausenlosen Hetzen und Hasten durch den Alltag verlieren. Da die Autorin die Notwendigkeit des Wechsels von Arbeitsalltag und Ruhepausen offensichtlich für sich erkannt hat, kann sie den als Imperativ formulierten Auftrag zur Feiertagsruhe auch als fürsorglichen Rat empfinden.
Im nächsten Schritt sollte die Auffassung der Autorin diskutiert werden, darüber nachgedacht werden, wofür Feiertag/Ruhephasen in Familie und Gesellschaft notwendig und wichtig sind und wie sich Familienleben und gesellschaftliches Miteinander mit dem Wegfall derselben verändern würde. Eine klare Positionierung und stichhaltige, tiefgründige Begründung sollte erkennbar sein.