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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 3 – Prosa

Thema

Benno Pludra: Die Schwäne auf dem Wasser

Aufgabenstellung

  • Untersuche diesen Prosatext. Gliedere dabei deinen Text und beachte die folgenden Punkte besonders:

    Einleitung: Autor, Textsorte, Titel, Thema / Kernaussage; geraffte Darstellung des Inhalts

    Hauptteil: vier wesentliche Merkmale der Kurzgeschichte, belegt an Textbeispielen; drei sprachliche Mittel / Stilmittel und ihre Wirkung, belegt an Textbeispielen; die Figur und Entwicklung des Jungen

    Schluss: mögliche Aussage des Textes / mögliche Intention des Autors; mögliche Bedeutung für die heutige Zeit oder für dich selbst (Transfer)

  • Formuliere einen zusammenhängenden, gegliederten Text. Achte dabei auf korrekte Sprache und Rechtschreibung, beides wird bewertet.

50 P

Material

Die Schwäne auf dem Wasser

Benno Pludra

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Der kleine Junge hatte diesen Sommer schwimmen gelernt. Er war noch sehr klein und
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alle Leute bewunderten ihn. „Seht mal“ , sagten die Leute, „der kleine Junge kann
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schwimmen.“
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Zum ersten Mal schwamm er heute ganz allein. Kein Vater war dabei, niemand am Ufer
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sah ihn. Der See war groß und glatt, er lächelte im Sonnenschein. Seerosenfelder blüh-
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ten gelb und weiß. Zwischen den Seerosenfeldern, auf der blanken Wassergasse,
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schwamm der kleine Junge vom Ufer weg und hin zum Pfahl. Dort hielt er sich fest, das
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Kinn knapp über dem Wasser, und verschnaufte. Die Wiese am Ufer erschien ihm fern,
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die Büsche und Bäume ruhten reglos wie im Schlaf. Der kleine Junge war glücklich und
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stolz.
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„Ich habe keine Angst mehr“, sagte er zu sich selbst, „ich könnte sonst wohin und sonst
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wie weit noch schwimmen.“
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Nun sah er die Schwäne. Es waren drei und sie zogen gemächlich heran, zwischen den
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Seerosenfeldern die blanke Wassergasse herauf, leicht und ruhig wie Schiffe.
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Der kleine Junge blieb am Pfahl. Zwei Lehren hatte ihm sein Vater gegeben: „Den See-
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rosen weiche aus, den Schwänen komme nicht zu nahe, hüte dich, pass auf!“
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Die Schwäne begannen zu fressen. Sie beugten die hohen Hälse nieder und schnatter-
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ten mit den harten Schnäbeln flach durchs Wasser. Die schweren Schwingen waren auf-
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gestellt und sahen aus, als wären sie federleicht.
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Der kleine Junge klebte am Pfahl. Das Holz war glatt, von Algen bewachsen, und die
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Schwäne ließen sich Zeit. Sie gaben den Weg nicht frei, die blanke Wassergasse blieb
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versperrt.
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Der Junge fror. Er war klein und ein bisschen mager, darum fror er bald und wünschte,
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dass die Schwäne jetzt verschwinden möchten. Er überlegte auch, ob er die Seerosen-
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felder nicht umschwimmen sollte, doch er war schon lange im Wasser und fühlte sich
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nicht mehr so stark, seine Muskeln waren kalt. Der kleine Junge wagte nicht, die Seero-
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senfelder zu umschwimmen. Die Schwäne indessen glitten langsam näher. Sie fraßen
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nach links und rechts und glitten auf den kleinen Jungen zu.
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Er hörte ihre Schnäbel schnattern und wusste, dass diese Schnäbel zuschlagen konnten,
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heftig wie die Faust eines Mannes.
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Noch beachteten sie den kleinen Jungen nicht. Er verhielt sich still. Er fror immer mehr
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und die Schwäne lagen drei Schritt entfernt auf dem Wasser. Sie fraßen nicht mehr und
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sie rührten sich nicht. Ihre großen Körper schaukelten sanft.
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Der kleine Junge musste schwimmen. Es gab keine Wahl, er musste schwimmen – oder
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er würde versinken, hier am Pfahl, von keinem bemerkt. Warum rief er nicht um Hilfe?
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Es gab keine Hilfe. Kein Vater, niemand am Ufer sah ihn. Der kleine Junge musste
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schwimmen.
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Er sammelte all seinen Mut und zog die Füße an den Leib und stieß sich ab vom Pfahl.
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Das Wasser rauschte auf, eine Welle schoss voran, den Schwänen unter den weißen
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Bug.
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Sie äugten scheel, die Schnäbel aufrecht und abgewandt, und wichen lautlos zur Seite.
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Der kleine Junge aber schwamm. Sein Kopf war steil erhoben und hinten am Wirbel
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spießten die kurzen, blonden Haare hoch.

Aus: Pludra, Benno: Die Schwäne auf dem Wasser. In: Eines Tages. Geschichten von Überallher. Hg. von: Hans-Joachim Gelberg. Weinheim/Basel: Beltz und Gelberg 2002.

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