Block 4 – Gedichtinterpretation
Thema
Ulla Hahn: Am Schreibtisch (2021)
Sarah Marie: Der Wandteppich (2025)
Aufgabenstellung
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Interpretiere das Gedicht Am Schreibtisch von Ulla Hahn. (ca. 60 %)
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Vergleichen Sie das Gedicht Am Schreibtisch von Ulla Hahn mit dem Gedicht Der Wandteppich von Sarah Marie im Hinblick auf das Thema der
Selbstfindung. Beziehe dabei neben inhaltlichen auch sprachliche und formale Aspekte ein. (ca. 40 %)
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Am Schreibtisch (20211)
Ulla Hahn (*1947)
1 von Ulla Hahn vermutlich früher verfasst.
Hahn, Ulla: stille trommeln. Neue Gedichte aus zwanzig Jahren. München: Penguin Verlag 2021, S. 19.
Der Wandteppich (2025)
Sarah Marie (*1999)
Sarah Marie: ZWISCHENMENSCHLICHES. Gedichte und Texte. München: Lago 2025, S. 40 f.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Teilaufgabe 1
Einleitung
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Das Gedicht Am Schreibtisch von Ulla Hahn, das 2021 veröffentlicht wurde, setzt sich mit dem schöpferischen Prozess des Schreibens und der Existenz des Schreibenden zwischen Anfang, Stillstand, Bewegung und Ende auseinander. Gleichzeitig hinterfragt das lyrische Ich seine eigene Identität im Spannungsfeld von Kreativität, Vergänglichkeit und Selbstentfremdung.
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Schreiben erscheint dabei nicht als geradliniger Vorgang, sondern als fortwährende Suche, die zwischen Aufbruch und Stillstand, Hoffnung und Zweifel sowie Anfang und Ende schwankt.
Hauptteil
Sprechsituation, Aufbau und Inhalt
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Das Gedicht wird von einem reflektierenden lyrischen Ich gesprochen, das über sein gegenwärtiges Erleben schöpferischer Momente nachdenkt und dabei sowohl auf Vergangenes zurückblickt als auch mögliche zukünftige Entwicklungen betrachtet. Auffällig ist die wiederholte Verwendung des Personalpronomens „Du“. Dadurch scheint sich das lyrische Ich an ein gedankliches Gegenüber zu richten. Zugleich können die Fragen als eine Form des Selbstgesprächs verstanden werden. Es handelt sich somit um ein fragendes, monologisch sprechendes lyrisches Ich, das sich zwischen Aufbruchsstimmung und Selbstzweifel befindet.
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Zu Beginn wird der Beginn eines schöpferischen Prozesses mit einer Zugreise verbunden. Die Aussage „Du steigst am Morgen in den ersten Zug“ (V. 1) vermittelt zunächst Aufbruch und Bewegung. Der Schreibprozess erscheint wie der Beginn einer Reise, deren Ziel noch nicht vollständig feststeht. Das Einfallen des ersten Satzes wird mit dem befreienden „Licht im Juni“ verglichen (vgl. V. 1–5). Dadurch erhält der Anfang des Schreibens etwas Leichtes und Euphorisches.
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Schon kurz darauf wird allerdings deutlich, dass diese anfängliche Begeisterung nicht dauerhaft bestehen bleibt. Das lyrische Ich erkennt, dass nach der Euphorie des Beginns eine nächste, schwierigere Phase des Schreibprozesses erreicht wird (vgl. V. 5–9). Der Satz entwickelt sich weiter und beginnt sich zu verselbstständigen. Gleichzeitig ist der anfängliche Schwung verloren. Das Bild des ICE, der „längst über alle Berge“ ist (V. 8), lässt erkennen, dass eine Möglichkeit möglicherweise bereits verpasst wurde.
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Im folgenden Abschnitt richtet sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf die unklare Identität des lyrischen Ichs. Mit der Frage „Was ist das Wesen bin ich Wo / bin ich Wer hat mich im / Blick Wer von woher Wer / schaut wie der Vogel fliegt Wer wie / ich fliehe Wer hebt / die Hand zur Abfahrt Wer erwartet / dich“ (vgl. V. 10–16) setzt eine intensive Selbstbefragung ein. Die Identität erscheint nicht eindeutig oder abgeschlossen, sondern muss immer wieder neu gesucht und bestimmt werden. Gleichzeitig bleibt auch der Schaffensprozess selbst zwischen Anfang und Ende unsicher (vgl. V. 10–17).
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Am Ende richtet sich der Blick auf die Endlichkeit des Schreibens und des menschlichen Lebens. Die Frage, ob man eingestiegen wäre, wenn man das Ziel bereits gekannt hätte, verweist auf verpasste Möglichkeiten und Entscheidungen. Schließlich bleibt nur „der letzte / Satz auf deiner letzten Seite / in dieser Tag für Tag zerlegten Ewigkeit“ (V. 17–19). Damit wird der einzelne Schreibprozess mit dem gesamten menschlichen Leben verbunden. Sowohl Gedanken als auch kreatives Schaffen und letztlich das Leben selbst sind begrenzt (vgl. V. 17–19).
Sprachliche und formale Gestaltung
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Die formale Gestaltung unterstützt die ambivalente Reflexion des lyrischen Ichs über das Schreiben als existenzielle Erfahrung. Das gesamte Gedicht besteht aus einer einzigen fließenden Strophe mit 19 Versen. Dadurch entsteht der Eindruck eines längeren Gedankenflusses, bei dem einzelne Überlegungen unmittelbar ineinander übergehen.
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Die Verslängen variieren deutlich. Zusammen mit den zahlreichen Versbrüchen entsteht der Eindruck spontaner und nicht vollständig geordneter Gedanken. Ein regelmäßiges Reimschema ist nicht erkennbar. Dadurch nähert sich die Sprache stärker dem natürlichen Denken und inneren Sprechen an.
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Auch die zahlreichen Enjambements unterstützen diesen Eindruck. Gedanken enden häufig nicht mit dem Vers, sondern werden im nächsten weitergeführt. Dadurch wird das fortlaufende Nachdenken des lyrischen Ichs formal nachgebildet. Gleichzeitig fehlt weitgehend die Interpunktion. Dies lässt die Aussagen unabgeschlossen erscheinen und verdeutlicht, dass auch die Suche des lyrischen Ichs nach sich selbst zu keinem eindeutigen Ende gelangt.
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Besonders auffällig ist die Darstellung des Schreibprozesses als existenzieller Aufbruch. Schon die Metapher „Du steigst am Morgen in den ersten Zug“ (V. 1) verbindet das Schreiben mit einer Reise. Der Beginn eines Textes wird damit zugleich zu einem neuen Lebensabschnitt oder einer Bewegung ins Unbekannte.
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Der Vergleich mit dem „Licht im Juni“ (V. 2 f.) vermittelt kreative Energie und die Sinnhaftigkeit literarischen Schaffens. Der Einfall eines neuen Satzes wirkt hell, befreiend und hoffnungsvoll.
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Daneben fällt die häufige Wiederholung von Begriffen aus dem Bereich des Anfangs auf. „in einen Anfang“ (V. 4), „fängst an“ (V. 4), „aller Anfang“ (V. 7) und „Anbeginn“ (V. 9) heben den Wert und gleichzeitig die Notwendigkeit immer neuer Anfänge hervor. Schreiben wird damit als Prozess sichtbar, bei dem jeder neue Gedanke einen erneuten Aufbruch verlangt.
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Zugleich erscheint das Schreiben als Prozess der Selbstfindung. Bereits der Titel „Am Schreibtisch“ bezeichnet den Ort, an dem die kreative Tätigkeit und zugleich die Selbstreflexion stattfinden. Der Schreibtisch wird damit zu einem symbolischen Ort, an dem das lyrische Ich nicht nur Texte, sondern gewissermaßen auch sich selbst zu verstehen versucht.
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Eine Rahmung des Gedichts entsteht außerdem durch den zentralen Begriff „Satz“, der sowohl zu Beginn in V. 2 als auch gegen Ende in V. 18 vorkommt. Anfang und Ende des Schreibens werden dadurch miteinander verbunden. Gleichzeitig besteht eine deutliche Antithetik zwischen den Wortfeldern Anfang und Ende (vgl. z. B. V. 4, 9 bzw. V. 9, 17 f.). Dadurch erscheint der Schreibprozess wie das menschliche Leben als Bewegung zwischen Beginn und Abschluss.
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Dass kontinuierliches und zielgerichtetes Schreiben schwierig ist, zeigt sich erneut an der Zugmetaphorik (vgl. V. 8, 14 f., 16). Der Zug kann für Möglichkeiten, Bewegung und Entscheidungen stehen. Zugleich besteht immer die Gefahr, einen Zug und damit eine Gelegenheit zu verpassen.
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Auch die Metapher des Sich-Verwickelns in V. 3 f. macht diese Schwierigkeiten deutlich. Der zunächst befreiende Satz führt in einen „Anfang“, in den sich das lyrische Ich „wickelt“. Der kreative Prozess kann damit zunehmend kompliziert werden. Schließlich ist die anfängliche Motivation und Schaffenskraft nicht mehr in gleicher Weise vorhanden (vgl. V. 6–8).
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Beim Gedanken an verpasste Möglichkeiten kommt es außerdem zu einem Wechsel vom Indikativ in den Konjunktiv (vgl. V. 16 f.). Die Frage „dich wärst du denn eingestiegen“ verweist auf eine Möglichkeit, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Der Konjunktiv verdeutlicht damit die Unmöglichkeit, verpasste Chancen nachträglich doch noch zu nutzen.
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Am Ende steht das Paradoxon „in dieser Tag für Tag zerlegten Ewigkeit“ (V. 19). „Ewigkeit“ bezeichnet eigentlich etwas Unbegrenztes, wird hier jedoch in einzelne Tage „zerlegt“. Dadurch wird die Spannung zwischen dem Wunsch nach Dauer und der tatsächlichen Begrenztheit menschlicher Existenz besonders deutlich.
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Das Schreiben wird zugleich als mögliche Form von Selbstfindung und Lebensbewältigung problematisiert. Der Schreibtisch im Titel fungiert als Symbol für kreatives Handeln und Arbeiten. Gleichzeitig bietet auch das Schreiben keine endgültige Sicherheit über die eigene Identität.
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Die hyperbolische Redewendung, der „ICE [sei] längst über alle Berge“ (V. 8), vermittelt das Gefühl, eine Chance verpasst zu haben. Zugleich verweist der besonders schnelle ICE auf eine beschleunigte und unaufhaltsame Zeit, die sich nicht anhalten lässt.
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Eine auffällige Wirkung besitzt auch das auf Alltagserfahrungen anspielende Zeugma „wie / erste Liebe anfängt oder Haarausfall“ (V. 4 f.). Zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen – die emotionale Erfahrung der ersten Liebe und die körperliche Erfahrung des Haarausfalls – werden miteinander verbunden. Dadurch entsteht eine überraschende und teilweise komische Wirkung. Gleichzeitig werden intime und zugleich universelle Erfahrungen des menschlichen Lebens miteinander kontrastiert und ihre Ambivalenz sichtbar gemacht.
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Besonders deutlich ist die Unsicherheit der Selbstreflexion in der Häufung der Fragen an sich selbst (vgl. V. 10–16). Das lyrische Ich sucht nach Antworten darauf, wer es ist, wo es sich befindet und von wem es wahrgenommen wird. Die Akkumulation der Fragen lässt diese Suche zunehmend dringlich erscheinen.
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Zusätzlich wird das Interrogativpronomen „Wer“ mehrfach wiederholt (vgl. V. 11, 12, 13, 14, 15). Die Wiederholung erzeugt einen rhythmischen Nachdruck und verdeutlicht die existenzielle Suche nach einer Antwort auf die Frage nach der eigenen Identität.
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Auch Zeitlichkeit und Vergänglichkeit gehören zu den zentralen Themen des Gedichts. Die Zeitangaben werden zunehmend abstrakter: Am Anfang steht mit „am Morgen“ (V. 1) eine konkrete Tageszeit. Mit „im Juni“ (V. 3) wird der Zeitraum größer, bevor am Ende „Tag für Tag“ und schließlich die „Ewigkeit“ genannt werden (V. 19). Diese zunehmende Abstraktion illustriert den Zeitenlauf, den Kreislauf und die Fortschreibung des menschlichen Lebens.
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Daneben häufen sich Verben der Bewegung wie „steigst“ (V. 1), „fliegt“ (V. 13) und „fliehe“ (V. 14). Sie vermitteln das Gefühl eines fortdauernden Weitergehens und einer Aktivität. Stillstand scheint kaum möglich zu sein. Das Leben und der Schreibprozess bewegen sich ständig weiter.
Deutung
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Insgesamt stellt Ulla Hahn eine Ambivalenz menschlicher Existenz zwischen Aktivität und Passivität dar. Auf der einen Seite stehen Schreiben, Handeln und Aufbruch. Das lyrische Ich beginnt etwas Neues, steigt in einen Zug und setzt sich kreativ mit der Welt auseinander. Auf der anderen Seite stehen Beobachten, Zweifeln und das Gefühl, Möglichkeiten verpasst zu haben.
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Dadurch entsteht eine existenzielle Suche nach Identität und Selbstfindung. Das lyrische Ich befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen Anfang und Ende, Bewegung und Stillstand sowie Aktivität und Ruhe. Eine endgültige Antwort auf die Frage nach dem eigenen Ich erhält es nicht.
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Zugleich zeigt das Gedicht das Schreiben als fortlaufenden Prozess und macht die damit verbundenen Schwierigkeiten deutlich. Kreativität kann zunächst euphorisch und befreiend wirken, anschließend jedoch in Unsicherheit und Zweifel übergehen. Das Schreiben ermöglicht Selbstreflexion, führt jedoch nicht zwangsläufig zu einer endgültigen Selbstgewissheit.
Fazit
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Ulla Hahns Gedicht „Am Schreibtisch“ verbindet den Prozess des Schreibens mit der Suche nach der eigenen Identität und mit der Vergänglichkeit des Lebens. Die Reise- und Bewegungsmetaphorik, die offenen Fragen sowie die freie formale Gestaltung verdeutlichen, dass Selbstfindung kein abgeschlossener Vorgang ist. Der Mensch bewegt sich vielmehr immer wieder zwischen Neuanfang und Ende, Handeln und Zweifeln sowie dem Wunsch nach Orientierung und der Erfahrung des Vergehens von Zeit.
Teilaufgabe 2
Einleitung
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Sowohl Ulla Hahns Am Schreibtisch als auch Sarah Maries 2025 erschienenes Gedicht „Der Wandteppich“ beschäftigen sich mit dem Thema der Selbstfindung.
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Beide Texte zeigen, wie ein lyrisches Ich beziehungsweise ein lyrischer Sprecher versucht, die eigene Identität und das eigene Leben zu verstehen. Dabei bestehen wichtige Gemeinsamkeiten, zugleich unterscheiden sich die Gedichte deutlich darin, wie dieser Prozess erlebt und sprachlich gestaltet wird.
Hauptteil
Gemeinsamkeiten: Selbstfindung als fortlaufender Prozess
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Eine erste Gemeinsamkeit besteht darin, dass die Identitätssuche durch äußere Objekte angestoßen wird. Bei Hahn sind dies insbesondere der Schreibtisch und der Zug. Der Schreibtisch steht für den kreativen Prozess, während Zug und ICE Bewegung, Lebensweg und mögliche Entscheidungen symbolisieren. Bei Marie übernimmt der Wandteppich eine ähnliche Funktion. Durch seine Betrachtung beginnt der lyrische Sprecher, über seine eigene Lebensgeschichte und Identität nachzudenken.
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In beiden Gedichten verschiebt sich die Aufmerksamkeit zunehmend von der Außenwelt auf die introspektive Reflexion eigener Empfindungen und der eigenen Identität. Äußere Gegenstände bilden lediglich den Ausgangspunkt. Entscheidend ist anschließend, was sie im Inneren der jeweiligen Sprechinstanz auslösen.
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Darüber hinaus wird in beiden Texten die eigene Identität mit einem schöpferischen beziehungsweise gestaltenden Vorgang verbunden. Bei Hahn geschieht dies durch das Schreiben. Das Entstehen eines Satzes wird gleichzeitig zur Suche nach dem eigenen Ich. Bei Marie bildet dagegen das Weben die zentrale Metapher. Einzelne Fäden und Flicken verbinden sich zu einem Wandteppich und damit zu einem Bild für die aus verschiedenen Erfahrungen zusammengesetzte Identität.
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Beide Gedichte stellen Selbstfindung außerdem nicht als einmalige Erkenntnis, sondern als fortlaufenden und intensiven Prozess dar. Identität entsteht im Verlauf des Lebens immer wieder neu und wird durch verschiedene Erfahrungen beeinflusst.
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Gemeinsam ist den Gedichten schließlich die Verwendung bildhafter und symbolischer Strukturen zur Identitätsfindung. Die Reise mit dem Zug beziehungsweise der aus Fäden und Flicken bestehende Teppich machen abstrakte Fragen nach dem eigenen Ich anschaulich und verständlich.
Unterschiede in der inhaltlichen Gestaltung
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Trotz dieser Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die beiden Gedichte deutlich. Bei Ulla Hahn beginnt die Selbstreflexion aus einer flüchtigen und unruhigen Situation heraus. Zugfahrt, Bewegung und das schnelle Vergehen von Möglichkeiten bestimmen die Wahrnehmung. Die Reflexion entsteht somit als Reaktion auf eine bewegte Realität. Bei Sarah Marie bildet dagegen die ruhige Betrachtung des Wandteppichs den Ausgangspunkt. Das lyrische Sprechen entwickelt sich aus einem geordneten und strukturierten Betrachten eines verwobenen Geflechts.
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Entsprechend erscheint die Selbstfindung bei Hahn als fragmentarischer und sprunghafter Suchprozess. Die Fragen folgen schnell aufeinander, Gedanken brechen ab und werden weitergeführt. Das lyrische Ich befindet sich in einem Durcheinander und findet keine endgültige Antwort. Bei Marie wird die Selbstfindung dagegen nachvollziehbarer und systematischer entwickelt. Die verschiedenen Flicken des Wandteppichs führen schrittweise zu einem Verständnis der eigenen Vielschichtigkeit.
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Ein weiterer Unterschied betrifft die Art der Identitätsbildung. Bei Hahn entsteht der Prozess vor allem durch aktives Tun, nämlich durch das Schreiben. Das lyrische Ich gestaltet selbst etwas und versucht gerade dadurch, sich zu erkennen. Bei Marie erfolgt die Selbstfindung stärker durch Betrachten, Interpretieren und Erkennen. Der bereits vorhandene Wandteppich wird betrachtet und seine verschiedenen Bestandteile werden als Ausdruck der eigenen Lebensgeschichte verstanden.
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Dadurch ergibt sich auch ein unterschiedliches Ergebnis. Hahns lyrisches Ich erkennt vor allem seine Unsicherheit, Vergänglichkeit und brüchige Identität. Die Fragen bleiben offen und eine endgültige Selbstdefinition gelingt nicht. Der lyrische Sprecher bei Marie erkennt dagegen, dass seine Identität aus vielen unterschiedlichen Teilen und Erfahrungen besteht. Diese Vielschichtigkeit wird zunehmend akzeptiert.
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Auch die Bedeutung anderer Menschen unterscheidet sich. Hahns lyrisches Ich konzentriert sich weitgehend auf eine von anderen Menschen unabhängige Selbstreflexion. Bei Marie spielt dagegen die Abgrenzung vom Rat anderer eine zentrale Rolle. Im Wandteppich finden sich zahlreiche Ratschläge wie „Tu es einfach“ (V. 13), „Denk gut nach“ (V. 15), „Sei ohne Scham ganz du“ (V. 17) oder „werd stets dein Bestes selbst“ (V. 18). Der Sprecher erkennt schließlich, dass solche Ratschläge nur begrenzt helfen und dass die eigene Identität selbst gefunden werden muss.
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Damit unterscheidet sich auch die Wahrnehmung der Außenwelt. Bei Hahn erscheint diese entfremdet und teilweise chaotisch. Zug, ICE und Bewegung vermitteln eine Welt, die schwer kontrollierbar ist. Bei Marie wirkt der Wandteppich dagegen als stabile Orientierungshilfe. Die verschiedenen Teile lassen sich betrachten, ordnen und miteinander in Beziehung setzen.
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Ein weiterer Gegensatz betrifft die Zeit. Bei Hahn erscheint sie flüchtig und unkontrollierbar. Der ICE fährt davon, Chancen können verpasst werden und das Leben bewegt sich unaufhaltsam auf den „letzten Satz“ zu. Bei Marie sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dagegen stärker miteinander verzahnt. Der Wandteppich bewahrt vergangene Geschichten, hängt in der Gegenwart an der Wand und ermöglicht gleichzeitig einen Blick auf den zukünftigen eigenen Weg.
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Damit führt Hahns Gedicht zu einem existenziellen Sich-Infragestellen, während Maries Text stärker auf Einsicht und Selbstanerkennung hinausläuft. Der Sprecher darf schließlich den eigenen Weg finden und „anders weiterschreiben“ (V. 32).
Unterschiede in Sprache und Form
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Die unterschiedliche Gestaltung der Selbstfindung zeigt sich besonders deutlich in Sprache und Form. Hahns Gedicht besitzt fragmentarische und teilweise zersplitterte Verse. Die zahlreichen Versbrüche und die fehlende Interpunktion spiegeln Orientierungslosigkeit und innere Zerrissenheit wider. Bei Marie wirken die Verse insgesamt kontinuierlicher und fließender. Dadurch entsteht stärker der Eindruck eines geordneten Nachdenkens über die eigene Identität.
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Auch der Rhythmus unterscheidet sich. Bei Hahn ist er unregelmäßig und abrupt. Dies passt zu einem lyrischen Ich, das sucht, zweifelt und sich selbst immer wieder infrage stellt. Bei Marie wirkt der Rhythmus vergleichsweise gleichmäßiger und fließender. Dadurch wird der schrittweise Prozess der Erkenntnis unterstützt.
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Hahns Ton ist insgesamt nachdenklich, fragend und melancholisch-reflexiv. Vor allem die vielen Fragen machen die innere Unruhe des lyrischen Ichs sichtbar. Maries Sprache ist dagegen stärker feststellend und von einer gewissen Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit geprägt. Der Sprecher gelangt zunehmend zu klaren Erkenntnissen über sich und den Einfluss der Ratschläge anderer.
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Besonders auffällig ist außerdem die unterschiedliche Metaphorik. Hahn verwendet vor allem Bewegungs- und Reisemetaphorik. Zug, ICE und Vogel stehen für Bewegung, Flüchtigkeit und die Schwierigkeit, einen festen Standort zu finden. Auch der überraschende Vergleich von „erste[r] Liebe“ und „Haarausfall“ (vgl. V. 4 f.) verstärkt die innere Zwiespältigkeit.
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Marie verwendet dagegen überwiegend Textilmetaphorik. Teppich, Flicken und Fäden stehen für Ordnung, Struktur und zugleich die Vielschichtigkeit des eigenen Lebens. Unterschiedliche Erinnerungen und Ratschläge sind wie einzelne Fäden miteinander verwoben und bilden gemeinsam ein Ganzes.
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Schließlich dominieren bei Hahn offene Fragen. Sie zeigen die existenzielle Suche des lyrischen Ichs und seine Unsicherheit. Bei Marie stehen dagegen detaillierte und beobachtende Beschreibungen im Mittelpunkt. Der Wandteppich und seine einzelnen Flicken werden betrachtet und interpretiert, wodurch sich nach und nach eine zusammenhängende Wahrnehmung der eigenen Identität entwickelt.
Schluss
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Beide Gedichte reflektieren das Spannungsfeld zwischen innerer Welt und äußerem Rahmen und zeigen, dass Selbstfindung durch die Auseinandersetzung mit äußeren Erfahrungen angestoßen werden kann. Während Hahns lyrisches Ich zwischen Bewegung, Vergänglichkeit und Unsicherheit nach sich selbst sucht, gelangt der Sprecher bei Marie stärker zu Akzeptanz und einem Verständnis seiner Vielschichtigkeit.
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Damit zeigen die Gedichte unterschiedliche Möglichkeiten, eine Balance zwischen Existenzangst und Akzeptanz zu finden. Bei Hahn bleibt die Angst vor Vergänglichkeit und verpassten Möglichkeiten deutlich bestehen. Marie entwickelt dagegen stärker die Einsicht, dass die vielen unterschiedlichen Erfahrungen und Erinnerungen zum eigenen Leben gehören.
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Beide Texte verarbeiten zudem Zeitlichkeit und Vergänglichkeit im Kontext des eigenen Lebens. Hahn betont dabei die unaufhaltsam vergehende Zeit, während Marie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wie einzelne Fäden miteinander verbindet.
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Insgesamt setzen sich beide Gedichte mit der Vielschichtigkeit der eigenen Erfahrung und Erinnerung auseinander, zeigen dabei jedoch unterschiedliche Wege und Formen der Selbstfindung: Während „Am Schreibtisch“ Selbstfindung als offenen, fragmentarischen und von Zweifeln geprägten Suchprozess darstellt, führt „Der Wandteppich“ stärker zu einer geordneten Erkenntnis und zur Akzeptanz der eigenen, aus vielen verschiedenen Teilen zusammengesetzten Identität.