Block IV – Analyse und Interpretation
Theoretisch-schriftliche Aufgabe

Lucia Moholy
(1894-1989)
Meisterhäuser Dessau, Wohnzimmer Moholy-Nagy,
1927/28
Schwarzweißfotografie,
18 × 24 cm

Richard Hamilton
(1922-2011)
Was macht das Zuhause von heute nur so anziehend?, 1956
Collage auf Papier,
26 × 24,8 cm
Beschreibung
Schilder deine ersten Eindrücke und beschreibe die dargestellten Situationen beider Werke.
Analyse
Analysiere beide Werke im Hinblick auf die Aspekte Gegenstand, Komposition, Farbe sowie Raum und stelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus.
Interpretation
Interpretiere die Werke vergleichend. Berücksichtige dabei auch deine Sicht auf das Thema SEHNSUCHTSZIELE UND ZUFLUCHTSORTE.
Materialien:
beiliegende Reproduktionen, weißes Kopierpapier zum Schreiben (gestempelt)
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Beschreibung, Analyse und Interpretation der Werke
1. Lucia Moholy: Meisterhäuser Dessau, Wohnzimmer Moholy-Nagy, 1927/28
-
der Blick des Betrachters wird im ersten Werk in den Wohnbereich von Moholy-Nagy gelenkt
-
dieser Raum ist lichtdurchflutet und zeigt durchgängig moderne Klarheit, die von der sparsamen, auf Funktionalität ausgerichteten und geradlinigen Möblierung sowie einem ausgewogenen Hell-Dunkel-Kontrast wirkungsvoll unterstrichen wird
-
nichts erinnert hier mehr an die gute Stube zeitgleicher biederer Bürgerlichkeit oder die dunklen und beengten Unterkünfte des Proletariats
-
auf der rechten Seite ist der von Marcel Breuer entworfene Stahlrohrhocker vor einem Raumteiler zu erkennen; letzterer ist nicht nur Stauraum für Bücher, sondern er schirmt auch die dahinter befindliche Sitzecke vor neugierigen Blicken eines spontan zur Tür hereintretenden Besuchers ab
-
das schlichte, aber mit diversen Kissen unterschiedlicher Musterungen gefüllte und dadurch behaglich erscheinende Sofa befindet sich direkt an einer Wand, ein Fenster liegt offenbar gegenüber, denn Lichtreflektionen sind auf der großen Fläche deutlich
-
vor dem Sofa ist ein quadratischer Couchtisch zu sehen, auf dem eine Glasvase mit Tulpen sowie die berühmte Wagenfeld-Lampe stehen
-
nach links hin wird dieser Sitzbereich durch ein weiteres Möbelstück von Marcel Breuer, nämlich den Stahlrohrsessel, der wie der Hocker 1925 entstand, begrenzt
-
im hinteren Teil der Fotografie ist zudem noch ein Stahlrohrstuhl an den Tisch geschoben
-
hinter diesem steht ein mächtiger, durch kontrastierende Türen auffälliger Schrank in einer scheinbar extra dafür konzipierten Nische
-
an der danebenliegenden Wand befindet sich schließlich noch ein weiteres, ebenfalls mit Kissen dekoriertes Sofa, über ihm zeigt sich das einzige Bild im Raum: eine geometrische Abstraktion, die dunkel gerahmt ist
-
deren Motiv wiederholt sich offenbar an der Decke, wo sich zwei Schienen mit Leuchtröhren rechtwinklig kreuzen
-
die gesamte Komposition ist durch den Kontrast von Schrägen und Senkrechten bestimmt, zudem fällt Parallelität von Linien auf; der Stahlrohrhocker befindet sich im Goldenen Schnitt,
-
dezente Gruppierungen ordnen die Möbel
-
klare Hell-Dunkel-Kontraste weist die Schwarzweißfotografie schon durch das Interieur an sich auf: So zeigen sich im Regal und auch im Schrank bewusst nebeneinander gesetzte weiße und schwarze Flächen
-
das dunkle Sofa sowie der Couchtisch bilden einen scharfen Gegensatz zu den weißen Wänden
-
Graues bestimmt vor allem die durch das hereinströmende Sonnenlicht erhellten Möbel und Flächen wie die Stahlrohrklassiker und große Teile des eigentlich dunklen blanken Fußbodens; daneben zeigen aber auch einige Kissen diese Töne
-
die Räumlichkeit des fotografierten Interieurs wird durch diese Licht-Schatten-Spiele verstärkt, entsteht aber zumeist durch zentralperspektivische Linien
-
Lucia Moholy, die Dokumentarfotografin am Bauhaus, bietet hier Einblick in ihren Privatbereich: Mit ihrem Mann lebte sie in einem der Meisterhäuser in Dessau, die Prototypen für kostengünstiges und menschenwürdiges Wohnen sein sollten und aufgrund der sich anschließenden Krisenzeiten und politischen Umbrüche dann nicht mehr in die Massenproduktion gingen
-
in diesem Raum ist nichts zufällig – Architektur und Inneneinrichtung gehen Hand in Hand – sie tragen klar den Duktus der Stätte, in der sie auf dem Reißbrett entstanden sind, nämlich dem berühmtesten Kunstinstitut des 20. Jahrhunderts, dem Bauhaus, das von 1919 bis 1933 existierte
-
vor allem unter dem ersten Direktor, Walter Gropius, ruhte der Fokus darauf, Mobiliar in Massenproduktion gestalten zu können; dieses gehört noch heute zu den Designklassikern
-
es zeigt aufgrund neuartiger Materialien wie eben dem Stahlrohr, der klaren Farbigkeit sowie dem überall vorhandenem rechten Winkel eine bis dahin nicht dagewesene und noch heute gültige Modernität
-
dabei offenbart sich allerdings wenig Persönliches, nur die Tulpen und die zerdrückten Kissen zeugen etwas von der Anwesenheit und Vorliebe der Bewohner
-
Lucia Moholy schuf mit ihrer Fotografie ein Zeitdokument darüber, wie das Wohnen sein konnte und kontrastierte damit scharf die Realität in den Mietskasernen der Großstadt sowie das beschwerliche, unkomfortable Landleben
2. Richard Hamilton: Was macht das Zuhause von heute nur so anziehend?, 1956
-
die Collage von Richard Hamilton zeigt ebenfalls den Blick in einen Innenraum, welcher jedoch kein tatsächlicher, sondern ein erdachter ist und der mit diversen Versatzstücken aus dem Alltag der 50er Jahre sowie mit Menschen versehen ist
-
dadurch entsteht auf den ersten Blick im Gegensatz zu der ruhigen Wirkung der zuvor beschriebenen Fotografie der Moholy viel mehr Bewegung – das Auge findet keinen Halt
-
zudem erweckt die Kombination der einzelnen Bildelemente miteinander mehr eine neosurreale Anmutung als den Eindruck eines propagierten Wohnkonzeptes
-
der Betrachter gelangt schnell über das links unten angeschnittene Sofa, auf dem eine Zeitung liegt, und das daneben befindliche Tonbandgerät, welches sich auf dem Dielenboden befindet, in die Bildsituation: Wie bei Lucia Moholy ist es ein Wohnzimmer mit Sitzbereich
-
letzterer besteht aus zwei Couchen und beigestellten Tischchen, die sich auf einem stark gemusterten Teppich befinden
-
an der dahinterliegenden Wand steht neben einer Monstera auf einem der Beistelltische ein offensichtlich eingeschalteter Fernseher, auf ihm ist ein Obstkörbchen abgestellt
-
dieses stört den Blick auf das Fernsehbild ebenso wie die darüber aufgehängten sehr gegensätzlichen Werke, nämlich ein kostbar gerahmtes historisches Porträt und eine erzählerische Pop-Art-Malerei im schlichten schwarzen Rahmen
-
das Tischchen, das sich nach links hin anschließt, trägt eine Lampe mit großem zylindrischen Schirm, auf dem sich das Ford-Wappen befindet
-
anders als bei der dokumentarischen Bauhaus-Fotografie zeigen sich hier die Bewohner, ein spärlichst bekleidetes Paar
-
der Mann mit athletischem Körper hält einen Riesenlolli mit der Aufschrift Tootsie-Pop wie einen Tennisschläger in der rechten Hand; seine Frau besitzt ebenfalls eine ideale Figur und posiert mit extravagantem Glockenhut und teurem Schmuck auf dem am rechten Bildrand befindlichen Sofa, dabei hat sie die Möglichkeit, die vor ihr abgestellte Tasse Kaffee zu genießen
-
nach links oben führt eine Treppe in die nächst höhere Etage; auf deren oberen Stufen arbeitet eine elegante Putzfrau mit einem Staubsauger
-
hinter der Treppe weist ein breites geschlossenes Fenster auf die erlesene Wohngegend hin: Es ist ein Theater mit Leuchtreklame zu sehen
-
das überbordende Interieur zeigt Streuung, aber auch wie in dem Vergleichsbild Gruppierung und den Goldenen Schnitt, der hier durch die dominante Männerfigur betont wird
-
die Farbigkeit erinnert im Gegensatz zur Schwarzweißfotografie von Lucia Moholy an alte Sepia-Fotografien, denn Braun-, Beige- und Ockertöne dominieren, nur mitunter sind sie in ein kräftigeres Orange(rot) gehoben
-
schwarze Akzente befinden sich im Tonbandgerät, im Teppich, im Hinweispfeil auf die außerordentliche Länge des Staubsaugerrohres sowie im Nachthimmel; sie kontrastieren Weißes, das sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Gegenstände sowie in der Wand befindet
-
offensichtlich angestrebte Räumlichkeit wird vorwiegend durch Größenkontraste, aber auch durch perspektivische Linien erreicht, die aber nicht mit der Klarheit derer einer Fotografie verglichen werden können; Licht-Schatten-Modulation tragen die meisten Collageelemente in sich, diese lassen die Situation ebenfalls räumlich wirken
-
Richard Hamiltons Collage ist das erste Kunstwerk der Pop-Art, die bis in die 70er Jahre hinein den wirtschaftlichen Aufschwung im Westen zum Thema hatte
-
das Zuhause, das der Brite hier inszenierte, macht das auf besondere Art und Weise durch das Vorhandensein von Statussymbolen wie dem Tonbandgerät, dem Fernseher sowie dem leistungsstarken Staubsauger deutlich, auch die Bewohner führen offenbar ein Luxusleben
-
wenngleich Schlichtheit und Klarheit, die die Moholy favorisierte, hier keine Rolle mehr spielen, schaut der Künstler offenbar doch mit viel Ironie auf den Wohlstandsrausch
-
sein Titel, den er der Collage gab, ist eine Frage; der Betrachter kann sie nach Belieben beantworten oder einfach schweigen, wenn ihm des Guten tatsächlich zu viel ist