Aufgabe 3.1 – Raumsonden
Das Prinzip des Ionenstrahlantriebs für Raumflugkörper wurde von dem Physiker Hermann Oberth bereits 1929 erstmals beschrieben.
Sowohl die ESA als auch die NASA haben derartige Antriebssysteme inzwischen bereits sehr erfolgreich getestet.
Die Abbildung zeigt als Beispiel die von einem Ionenstrahl angetriebene NASA-Sonde Deep Space 1 aus dem Jahr 1998 in einer künstlerischen Darstellung.
Hinweis:
Für alle Berechnungen und Modellierungen in der Prüfungsaufgabe wurden die Vorgaben und Zahlenwerte frei angenommen, diese orientieren sich zwar an der Realität, es lässt sich aber kein Anspruch auf Übereinstimmung ableiten.

Abb. 1
Quelle: NASA
Alle Raketentriebwerke arbeiten nach dem Rückstoßprinzip, bei dem ein durch eine Düse entgegen der Bewegungsrichtung gerichteter Antriebsstrahl die Rakete oder die Raumsonde vorwärts treibt. Der Antriebsstrahl wird z. B. bei konventionellen Triebwerken durch die Verbrennung von Treibstoff erzeugt. Der auch als Schub bezeichnete Kraftstoß auf die Raumsonde ist dabei von der Gesamtmasse der im Antriebsstrahl austretenden Teilchen je 1 Sekunde und deren Austrittsgeschwindigkeit abhängig.
Erläutere allgemein das Rückstoßprinzip und die genannten Aussagen physikalisch unter Nutzung Newton’scher Gesetze.
Ionenstrahl-Triebwerke gehören zu den elektrostatischen Antriebssystemen. Den Antriebsstrahl bilden Ionen. Die Beschleunigung dieser erfolgt durch ein elektrisches Feld. Die notwendige elektrische Energie wird über Solarzellen aus Sonnenenergie gewonnen.
Im Material 1 werden dir grundlegende Fakten zum Aufbau und zur Funktionsweise des Ionenstrahl-Triebwerkes genannt.
Erkläre das Funktionsprinzip des Triebwerkes. Gehe dabei auch auf physikalische Felder, wirkende Kräfte sowie Bewegungsarten der Teilchen ein (Material 1).
Die Sonde SMART-1 war die erste von einem Ionenstrahl-Triebwerk angetriebene Sonde der ESA. Sie erforschte den Erdmond. Das Triebwerk konnte mit der mitgeführten Stützmasse Xenon über den Zeitraum 60 Tage mit konstanter Leistung betrieben werden. Die Geschwindigkeit zum Zeitpunkt des Triebwerkstarts betrug Im Material 2 sind dir alle weiteren notwendigen Angaben gegeben.
Zwischen den Gitterelektroden 1 und 2 liegt die Spannung an, es gilt
Schätze den Betrag der Spannung
Begründe.
Ermittle die Geschwindigkeit für ein emittiertes -Ion in Bezug zur Sonde (nicht relativistisch). Nutze sowohl die Annahme, dass dieses
-Atom alle 8 Außenelektronen abgegeben hat – Ionisationsgrad
– als auch die bei Teilaufgabe 3a genannte Bedingung
[Kontrollergebnis: ]
Weise nach, dass die insgesamt im Mittel auf die Sonde durch die austretenden Ionen bewirkte Schubkraft beträgt.
Begründe, dass es unmöglich wäre die Sonde von der Erde aus zu starten.
Die Geschwindigkeit der Sonde soll unmittelbar nach dem Starten des Triebwerkes um vergrößert werden. Es wirkt ausschließlich die Schubkraft der Sonde als beschleunigende Kraft und der Masseverlust durch die austretenden Ionen ist zu vernachlässigen. Berechne die dafür notwendige Zeit.
Fachpraktischer Teil
Von der Aufsicht führenden Fachlehrkraft wird dir ein Computer bereitgestellt, auf dem die von dir im Unterricht genutzte Software zur Modellbildung installiert ist.
Das Ionenstrahl-Triebwerk einer Raumsonde wird mit Quecksilber betrieben. Unter Nutzung eines numerischen Modells (Material 3) soll die Bewegung der Sonde simuliert werden. Dieses Modell ist einschließlich der Startwerte bereits in der Datei eingetragen. Diese ist auf dem Rechner geöffnet.
Erläutere die Zeilen 1. und 4. des Modells.
Ermittle durch Simulation den von der Sonde nach 2,5 Jahren zurückgelegten Weg und die zu diesem Zeitpunkt erreichte Geschwindigkeit.
Drucke die zugehörigen Diagramme aus.
Behauptung:
Die erreichte Geschwindigkeit nach 2,5 Jahren ist umso kleiner, je größer der Ionisationsgrad ist.
Beurteile die Behauptung unter Nutzung des Modells.
Vergleiche konventionelle chemische Triebwerke, die auf der Verbrennung flüssiger oder fester Treibstoffe beruhen, und Ionenstrahl-Triebwerke bezüglich der mitzuführenden Masse an Treibstoff.
Lege zwei weitere Kriterien selbst fest und vergleiche beide Triebwerksarten bezüglich dieser Kriterien.
Material 1: Physikalisches Prinzip des Ionenstrahl-Triebwerks
Elektrostatische Antriebe werden aufgrund ihrer Arbeitsweise auch als Ionen- oder Plasmatriebwerke bezeichnet, die Abbildungen 2 und 3 zeigen das Prinzip.

Abb. 2
Quelle: ESA (leicht modifiziert),
https://www.esa.int/Space_in_Member_States/Austria/Ionentriebwerke_Der_Ritt_auf_geladenen_Teilchen

Abb. 3
Ionenstrahl-Triebwerke können Raumsonden über Jahre hinweg beschleunigen, so dass diese hohe Endgeschwindigkeiten erreichen. Sie benötigen dazu eine im Vergleich zu konventionellen chemischen Antrieben geringe Masse Treibstoff.
Als Arbeitsmedium werden z. B. kleinste Quecksilbertröpfchen oder auch Xenongasatome genutzt. In den letzten Jahren hat sich das Prinzip des Ionenantriebes mit Xenongas als Arbeitsmedium als zukunftsträchtig erwiesen. Xenon als Edelgas ist umweltfreundlich und auch leichter zu handhaben.
Funktionsprinzip:
Xenongas strömt ein. Die gitterförmigen Katoden emittieren durch Glühemission Elektronen, deren kinetische Energie ist unmittelbar nach der Emission im Mittel nahezu Diese sollen mit den
-Atomen wechselwirken. Es werden stets verschiedene Ionisationsgrade je Atom (z. B. einfach
oder bis zu achtfach
geladen) erzielt, also verschieden viele Außenelektronen je Atom abgelöst. Zwischen den Gitterelektroden 1 und 2 liegt die Spannung
an, es gilt
Es entsteht ein Plasma elektrisch positiv geladener -Ionen. Nach dem Austritt aus dem Triebwerk werden dem Plasma wieder Elektronen zugesetzt, um die
-Ionen zu neutralisieren und eine Aufladung des Raumflugkörpers zu verhindern.
Material 2: Angaben zur Sonde SMART-1
-
Die Masse der Sonde betrug zum Zeitpunkt des Zündens des Triebwerkes insgesamt
-
mitgeführte Stützmasse
Xenon (Treibstoff)
-
zwischen den Gitterelektroden anliegende Beschleunigungsspannung
-
Gesamtladung der im Zeitraum 60 Tage emittierten Ionen
-
Masse eines Xenon-Ions
-
Die notwendige Ionisationsenergie pro Valenzelektron der
-Atome beträgt
Es wird vereinfacht angenommen, dass diese Ionisationsenergie pro Valenzelektron für die erste, zweite, … bis zur achten Ionisation stets den gleichen Betrag hat.
Material 3: Modellbildung und Simulation
PROGRAMM: (Ionenstrahltriebwerk)
Startwerte:
|
Masse eines Quecksilber-Ions |
(Elektronenmasse vernachlässigt) |
|---|---|
|
Elementarladung |
|
|
Ionisationsgrad |
(z. B.
|
|
Gesamtmasse der Sonde zum Zeitpunkt des Zündens des Triebwerkes |
|
|
Geschwindigkeit der Sonde zum Zeitpunkt des Zündens des Triebwerkes |
|
|
Konstante Gesamtstromstärke der emittierten Quecksilber-Ionen |
|
|
Konstante Beschleunigungsspannung für die Quecksilber-Ionen |
|
|
Ein Quecksilber-Ion mit dem Ionisierungsgrad trägt die Ladung |
|
Der zurückgelegte Weg wird in die Einheit Astronomische Einheit umgerechnet, weil die Satelliten große Strecken zurücklegen sollen. Eine Astronomische Einheit entspricht dem mittleren Abstand Erde – Sonne.
Da Ionentriebwerke (Sonnenpaneele, Nuklearbatterie) sehr lange arbeiten sollen, wird die Zeit in die Einheit Jahr umgerechnet.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Wechselwirkungsgesetz:
Wirken zwei Körper wechselseitig aufeinander ein, so greift an beiden je eine Kraft an, diese Kräfte sind entgegengesetzt gerichtet und betragsgleich, also
Die zwei Körper sind in diesem Fall die Summe der jeweils im Zeitintervall ausgestoßenen verbrannten Teilchen sowie die Rakete. Der Kraftstoß, der in jedem Zeitintervall
auf die ausgestoßenen Teilchen wirkt, wirkt mit gleichem Betrag in die entgegengesetzte Richtung auf die Rakete und treibt diese vorwärts.
Der Kraftstoß berechnet sich nach und unter Nutzung des Newton'schen Grundgesetzes gilt
Der auf die Rakete wirkende Schub ist demnach direkt abhängig von der Gesamtmasse der im Antriebsstrahl austretenden Teilchen je 1 Sekunde.
Die Beschleunigung ist abhängig von der Geschwindigkeitsdifferenz zwischen Austrittsgeschwindigkeit des Antriebsstrahls und der Geschwindigkeit der Rakete, somit Beschleunigung und Kraftstoß sind bei konstantem Masseausstoß somit direkt proportional zueinander.
Xenongas strömt in das Triebwerk ein. Die Glühkatoden emittieren freie Elektronen. Im elektrischen Feld der Spannung werden die freien Elektronen beschleunigt und schöpfen Energie. Diese Energie muss größer sein als die notwendige Ablösearbeit für Xenon. Energiereiche Elektronen wechselwirken mit den Valenzelektronen des Xenons und lösen diese ab, es entsteht ein einfach positiv geladenes Xenon-Ion. Xenon ist ein Edelgas und hat 8 Valenzelektronen. Ein einfach positiv geladenes Xenon-Ion kann erneut mit freien Elektronen wechselwirken und somit auch einen höheren lonisationsgrad erreichen.
Für die an Gitter 2 anliegende Spannung gilt
Diese Spannung erzeugt ein elektrisches Feld. In diesem werden die lonen stark in Richtung dieses Gitters beschleunigt und treten auf Grund der erreichten hohen Geschwindigkeit und ihrer Trägheit als Ionenstrom aus dem Antriebssystem aus.
Im Material 2 ist die notwendige Ablösearbeit (Ionisationsenergie) pro Valenzelektron der -Atome mit
gegeben. Die an Gitter 1 anliegende Spannung muss somit größer sein als
Damit die Mehrfachionisationen möglich sind, sollte die anliegende Spannung z. B.
betragen.
Gleichsetzen von und
liefert mit
Einsetzen der Werte und Auflösen nach mit dem MMS liefert:
Mit folgt damit für den gesuchten Wert:
Es gilt und
d.h. insgesamt:
Einsetzen der Stützmasse und
sowie des Werts für
aus Aufgabenteil b liefert:
Die bewirkte Schubkraft ist somit deutlich kleiner als die Gewichtskraft der Sonde an der Erdoberfläche, was es unmöglich machen würde sie von der Erde aus zu starten.
Es gilt Einsetzen von
dem Wert
aus Aufgabenteil c sowie
aus Material 2 liefert:
Erläuterung Zeile 1.:
Die ionisierten Atome werden im elektrischen Feld von Gitter 2 beschleunigt, deren kinetische Energie beim Durchtritt durch Gitter 2 ist gleich der elektrischen Feldenergie, der Ansatz wird nach umgestellt und der Ionisationsgrad sowie die Relativgeschwindigkeit werden beachtet.
Erläuterung Zeile 4.:
Für den Impuls der Sonde zu Beginn eines Zeitintervalls gilt
Der Impuls am Ende des Zeitintervalls ist
mit
Simulation unter Nutzung der Software MOEBIUS:


Der nach 2,5 Jahren zurückgelegte Weg beträgt


Die nach 2,5 Jahren erreichte Geschwindigkeit beträgt
Simulation unter Nutzung der Software MOEBIUS:


Der Ionisationsgrad ändert die nach 2,5 Jahren erreichte Endgeschwindigkeit der Sonde um Da die Stromstärke konstant ist, sinkt mit zunehmendem lonisationsgrad der Massefluss und damit der antreibende Impuls. Die erreichte Geschwindigkeit nach 2,5 Jahren ist für
demnach kleiner als für
Die Behauptung entspricht damit dem Sachverhalt.
Bei Ionenstrahl-Triebwerken beträgt die Startmasse an Treibstoff z. B. bei konventionellen Triebwerken ist diese um ein Vielfaches größer, vielleicht sogar mehrere Tonnen. Mögliche weitere Kriterien sind:
-
Beschleunigung der Sonde
-
wirkende Schubkraft auf die Sonde
-
mögliche Betriebszeit
Bezüglich der genannten Kriterien gibt es quasi keine Gemeinsamkeiten. Bei konventionellen Triebwerken sind die Schubkraft und die Beschleunigung deutlich größer, die mögliche Betriebszeit ist um ein Vielfaches kleiner.