Aufgabe 1
Erörterung eines literarischen Textes
Thema
Jenny Erpenbeck (* 1967): Heimsuchung (2008)
Aufgabenstellung
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Arbeite die Argumentation des Textes von Bettina Bannasch heraus und bestimme die Position der Verfasserin. (ca. 30 %)
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Setze dich mit der Position Bettina Bannaschs auseinander. Erörtere dabei, inwiefern man von einem „Spannungsverhältnis von ‚Geschichte‘ und ‚Natur‘“ (Z. 40) sprechen kann. (ca. 70 %)
Beachte, dass der Schwerpunkt der Gewichtung auf der zweiten Teilaufgabe liegt.
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Anmerkungen zu Jenny Erpenbecks Roman Heimsuchung (2015, Auszug)
Bettina Bannasch
1 Pathos: intensives Gefühl, insb. auch dessen sprachlicher Ausdruck.
Bannasch, Bettina: Der Garten Eden in zwölf quadratischen Kapiteln. Anmerkungen zu Jenny Erpenbecks Roman Heimsuchung (2008). In: Stephanie Catani, Friedhelm Marx (Hrsg.):
Über Grenzen. Texte und Lektüren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Göttingen 2015, S. 31–47, 31–35.
Bettina Bannasch (* 1965) ist Literaturwissenschaftlerin und lehrt an der Universität Augsburg.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Teilaufgabe 1
Ausgangsthese und sprachliche Gestaltung
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Bettina Bannasch beginnt mit der zentralen These, dass in Jenny Erpenbecks Roman Heimsuchung Geschichte und Natur einander gegenübergestellt werden. Diese Gegenüberstellung wird direkt zu Beginn formuliert, wenn es heißt, „der Geschichte“ (Z. 1) werde „die Natur gegenübergestellt“ (Z. 1).
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Zugleich schränkt Bannasch diese These sofort ein. Der Roman trete mit einem „entschiedenen Misstrauen gegen jedes Natürlichkeits-Pathos“ (Z. 1f.) auf. Damit macht sie deutlich, dass die Natur nicht einfach romantisiert oder idealisiert wird.
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Als Begründung führt Bannasch zunächst die Sprache des Romans an. Diese sei „betont nüchtern“ (Z. 3) und „an die Sprache von Wissenschaft, Buchhaltung und Rechtsprechung“ (Z. 3f.) angelehnt. Dadurch entsteht kein gefühliger Naturton, sondern eine sachliche Darstellung.
Prolog und Epilog als Rahmen des Spannungsverhältnisses
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Danach verweist Bannasch auf den Prolog und den Epilog. Der Prolog führe eine Zeit ein, in der das Grundstück am See noch nicht von der Geschichte berührt worden sei (vgl. Z. 7–9). Er durchmesse in starker Raffung Jahrtausende und Jahrhunderte von der Eiszeit bis in die Neuzeit (vgl. Z. 9–12). Dadurch erscheint die menschliche Geschichte nur als kurzes Zwischenspiel innerhalb eines viel größeren natürlichen Zeitraums.
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Der Epilog greift dieses Szenario nach Bannasch im Kleinen wieder auf. Nachdem das Haus abgerissen wurde, gleiche die Landschaft wieder „für einen kurzen Moment wieder sich selbst“ (Z. 14–16). Daraus entwickelt Bannasch die Vorstellung, dass Natur und menschengemachte Geschichte in ein Spannungsverhältnis treten (vgl. Z. 19–21).
Kapitelstruktur, Gärtnerfigur und Bannaschs Ergebnis
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Anschließend beschreibt Bannasch die Struktur des Romans. Die einzelnen Kapitel zeichnen „im nüchternen Ton einer Chronik“ (Z. 22) die Geschichte des Grundstücks nach und orientieren sich an der Abfolge der Eigentümer. Jedem Eigentümer-Kapitel ist ein Kapitel über den Gärtner „zur Seite gestellt“ (Z. 24–26).
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Der Gärtner erscheint als besondere Figur, weil über ihn selbst nur wenig mitgeteilt wird. Er ist ein Außenseiter, den Kindern zugänglich und gelegentlich sogar ihr Verbündeter (vgl. Z. 27–29). Sein „fischiger Blick“ (Z. 31f.) verbindet ihn mit Klara, die nach dem Verkauf des geteilten Grundstücks ins Wasser ging (vgl. Z. 33f.).
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Am Ende fasst Bannasch ihre Position zusammen: Die „ineinander verzahnte Anordnung“ (Z. 39) von Eigentümer- und Gärtner-Kapiteln konstruiere im Roman ein Spannungsverhältnis von „Geschichte“ (Z. 39f.) und „Natur“ (Z. 39f.). Dieses Verhältnis scheine sich durch den Prolog dem Natürlichen zuzuneigen (vgl. Z. 40–43).
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Bannaschs Position lautet also: Der Roman stellt Geschichte und Natur einander gegenüber, vermeidet aber eine einfache Naturverklärung. Entscheidend ist für sie, dass der ganze Roman von einem Spannungsverhältnis zwischen menschengemachter Geschichte und natürlichem Verlauf der Dinge bestimmt wird.
Teilaufgabe 2
Prolog und Epilog: Natur als größerer Rahmen der Geschichte
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Bettina Bannaschs Position, dass man in Jenny Erpenbecks Roman Heimsuchung von einem Spannungsverhältnis von Geschichte und Natur sprechen kann, ist grundsätzlich überzeugend. Der Roman stellt nach Bannasch die Geschichte der Natur gegenüber, ohne diese Gegenüberstellung jedoch zu einem einfachen Gegensatz zu machen. Genau darin liegt die Stärke ihrer Deutung: Natur erscheint nicht bloß als harmonischer Gegenraum zur menschlichen Geschichte, sondern als ambivalente Größe, die die Geschichte rahmt, überdauert und zugleich mit ihr verbunden bleibt.
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Für Bannaschs Position spricht zunächst die besondere Rolle von Prolog und Epilog. Der Prolog führt eine Zeit ein, in der das Grundstück am See noch nicht von der Geschichte berührt worden ist (vgl. Z. 7–9). In einer starken zeitlichen Raffung werden Jahrtausende und Jahrhunderte durchmessen, von der Eiszeit bis in die Neuzeit (vgl. Z. 9f.). Dadurch erscheint die menschliche Geschichte im Vergleich zur Natur als etwas nur Vorübergehendes. Die Landschaft existiert lange vor den Menschen und ihren Behausungen und bleibt zunächst „unbehelligt“ (Z. 11), bevor sie einem kurzen Zwischenspiel mit Menschen ausgesetzt wird. Schon hier wird also ein Spannungsverhältnis sichtbar: Die Natur steht für lange Dauer, während die Geschichte des Menschen nur als begrenzter Eingriff erscheint.
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Auch der Epilog stützt diese Deutung. Bannasch erklärt, dass der Epilog das Szenario des Prologs im Kleinen wieder aufgreift. Nachdem das Haus abgerissen wurde, gleiche die Landschaft „für einen kurzen Moment wieder sich selbst“ (Z. 14–16). Die menschliche Geschichte, die sich in Besitz, Bebauung und Nutzung des Grundstücks zeigt, verschwindet damit nicht spurlos, wird aber durch die Natur relativiert. Die Natur scheint die menschliche Ordnung zu überdauern. In diesem Sinne ist Bannaschs These nachvollziehbar, dass konkrete Zeitgeschichte und Natur in ein Spannungsverhältnis geraten, das den gesamten Roman bestimmt (vgl. Z. 19–21).
Kapitelstruktur und Gärtnerfigur als Ausdruck des Spannungsverhältnisses
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Ein weiteres Argument für Bannaschs Position ist die Struktur des Romans. Die einzelnen Kapitel zeichnen „im nüchternen Ton einer Chronik“ (Z. 22) die Geschichte des Grundstücks nach und orientieren sich an der Abfolge der Eigentümer. Damit wird Geschichte vor allem als Besitzgeschichte sichtbar: Menschen kommen, beanspruchen das Grundstück, verändern es und verschwinden wieder.
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„Jedem dieser Eigentümer-Kapitel“ (Z. 24f.) ist jedoch ein Kapitel über den Gärtner „zur Seite gestellt“ (Z. 24–26), dessen Geschichte fortlaufend erzählt wird. Diese „ineinander verzahnte Anordnung“ (Z. 39) von Eigentümer- und Gärtner-Kapiteln konstruiert nach Bannasch das Spannungsverhältnis von „Geschichte“ (Z. 39f.) und „Natur“ (Z. 39f.). Die Eigentümer stehen eher für geschichtliche Veränderungen, Besitzverhältnisse und menschliche Ordnungen, während der Gärtner stärker mit der Landschaft und der Kontinuität des Grundstücks verbunden ist.
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Besonders deutlich wird dieses Spannungsverhältnis an der Figur des Gärtners. Über ihn selbst wird nur „das Allernötigste mitgeteilt“ (Z. 27–28); er lebt als Außenseiter, ist nur den Kindern zugänglich und gelegentlich sogar ihr Verbündeter (vgl. Z. 27–29). Seine Schweigsamkeit und sein „fischiger Blick“ (Z. 31–32) heben ihn von den anderen Figuren ab. Bannasch deutet diesen Blick als Verbindung zu Klara, die nach dem Verkauf des geteilten Grundstücks ins Wasser ging (vgl. Z. 33f.).
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Auch der Gärtner verschwindet nach dem Verlust des Grundstücks an die Erbengemeinschaft aus dem Westen schließlich im Schnee (vgl. Z. 36–38). Damit werden sowohl Klara als auch der Gärtner mit Naturbildern verbunden, nämlich mit Wasser und Schnee. Die Natur nimmt die Spuren der Menschen auf und lässt sie verschwinden. Dadurch wird sie zu einer Gegenkraft zur menschlichen Besitz- und Gewaltgeschichte.
Einschränkung: Keine einfache Naturverklärung
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Allerdings darf man Bannaschs These nicht zu einfach verstehen. Das Spannungsverhältnis bedeutet nicht, dass Geschichte nur negativ und Natur nur positiv dargestellt wird. Bannasch betont ausdrücklich, dass der Roman mit einem „entschiedenen Misstrauen gegen jedes Natürlichkeits-Pathos“ (Z. 1f.) auftritt. Auch die Sprache des Romans ist „betont nüchtern“ (Z. 3) und an „Wissenschaft, Buchhaltung und Rechtsprechung“ (Z. 3–4) angelehnt. Dadurch wird verhindert, dass Natur romantisch verklärt wird. Der Roman entwirft also keinen einfachen Gegensatz zwischen zerstörerischer Geschichte und heiler Natur.
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Gerade Klaras Verschwinden zeigt diese Ambivalenz. Sie verschwindet nach einem patriarchalen Gewaltakt des Grundstückverkaufs „in der Natur“ (Z. 34–36). Die Natur erscheint hier nicht als friedlicher Schutzraum, sondern als Ort des Verschwindens und der Auslöschung. Auch beim Gärtner verlieren sich die Spuren im Schnee (vgl. Z. 36–38). Natur kann also zwar als Gegenkraft zur menschlichen Geschichte erscheinen, sie ist aber nicht einfach tröstlich oder erlösend. Sie bewahrt nicht unbedingt die Menschen, sondern lässt ihre Spuren verschwinden.
Abwägung und Schlussurteil
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Daher ist der Begriff Spannungsverhältnis besonders passend. Er vermeidet eine zu einfache Gegenüberstellung. Geschichte und Natur stehen einander gegenüber, sind aber zugleich miteinander verschränkt. Die menschliche Geschichte greift in die Natur ein, etwa durch Eigentum, Bebauung, Verkauf und Gewalt. Gleichzeitig überdauert die Natur diese Eingriffe und nimmt menschliche Spuren wieder in sich auf.
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Das Verhältnis neigt sich, wie Bannasch formuliert, dem Natürlichen zu, weil der Prolog die lange Zeitspanne der Natur zu einer Momentaufnahme zusammenzieht (vgl. Z. 40–43). Dennoch bleibt diese Natur ambivalent und wird nicht idealisiert. Gerade deshalb ist Bannaschs Deutung überzeugend: Sie beschreibt kein schlichtes Gegeneinander, sondern eine komplexe Verschränkung von natürlicher Dauer und menschlicher Geschichte.
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Insgesamt ist Bannaschs Position überzeugend. Man kann von einem Spannungsverhältnis von Geschichte und Natur sprechen, weil der Roman die Geschichte des Grundstücks immer vor dem Hintergrund einer größeren natürlichen Dauer erzählt. Dieses Verhältnis zeigt sich in Prolog und Epilog, in der Kapitelstruktur und in der Figur des Gärtners. Gleichzeitig muss man berücksichtigen, dass die Natur im Roman nicht als heile Gegenwelt erscheint. Sie ist vielmehr eine Kraft, die menschliche Geschichte relativiert, überdauert und teilweise auslöscht. Gerade diese komplexe Verschränkung macht Bannaschs Deutung tragfähig.