Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

1
Ein junger Jäger saß im innersten Gebirge nachdenkend bei einem Vogelherde, indem das
2
Rauschen der Gewässer und des Waldes in der Einsamkeit tönte. Er bedachte sein Schicksal,
3
wie er so jung sei, und Vater und Mutter, die wohlbekannte Heimat, und alle Befreundeten
4
seines Dorfes verlassen hatte, um eine fremde Umgebung zu suchen, um sich aus dem Kreise
5
der wiederkehrenden Gewöhnlichkeit zu entfernen, und er blickte mit einer Art von
6
Verwunderung auf, daß er sich nun in diesem Tale, in dieser Beschäftigung wiederfand. Große
7
Wolken zogen durch den Himmel und verloren sich hinter den Bergen, Vögel sangen aus den
8
Gebüschen und ein Widerschall antwortete ihnen. Er stieg langsam den Berg hinunter, und
9
setzte sich an den Rand eines Baches nieder, der über vorragendes Gestein schäumend
10
murmelte. Er hörte auf die wechselnde Melodie des Wassers, und es schien, als wenn ihm die
11
Wogen in unverständlichen Worten tausend Dinge sagten, die ihm so wichtig waren, und er
12
mußte sich innig betrüben, daß er ihre Reden nicht verstehen konnte. Wieder sah er dann
13
umher und ihm dünkte, er sei froh und glücklich; so faßte er wieder neuen Mut und sang mit
14
lauter Stimme einen Jägergesang.

15
„Froh und lustig zwischen Steinen
16
Geht der Jüngling auf die Jagd,
17
Seine Beute muß erscheinen
18
In den grünlebendgen Hainen,
19
Sucht' er auch bis in die Nacht.
20
Seine treuen Hunde bellen
21
Durch die schöne Einsamkeit,
22
Durch den Wald die Hörner gellen,
23
Daß die Herzen mutig schwellen:
24
O du schöne Jägerzeit!

25
Seine Heimat sind die Klüfte,
26
Alle Bäume grüßen ihn,
27
Rauschen strenge Herbsteslüfte
28
Find't er Hirsch und Reh, die Schlüfte
29
Muß er jauchzend dann durchziehn.

30
Laß dem Landmann seine Mühen
31
Und dem Schiffer nur sein Meer,
32
Keiner sieht in Morgens Frühen
33
So Auroras Augen glühen,
34
Hängt der Tau am Grase schwer,
35
36
Als wer Jagd, Wild, Wälder kennet
37
Und Diana lacht ihn an,
38
Einst das schönste Bild entbrennet,
39
Die er seine Liebste nennet:
40
O beglückter Jägersmann!“

41
Während dieses Gesanges war die Sonne tiefer gesunken und breite Schatten fielen durch das
42
enge Tal. Eine kühlende Dämmerung schlich über den Boden weg, und nur noch die Wipfel der
43
Bäume, wie die runden Bergspitzen waren vom Schein des Abends vergoldet. Christians Gemüt
44
ward immer trübseliger, er mochte nicht nach seinem Vogelherde zurückkehren, und dennoch
45
mochte er nicht bleiben; es dünkte ihm so einsam und er sehnte sich nach Menschen. Jetzt
46
wünschte er sich die alten Bücher, die er sonst bei seinem Vater gesehn, und die er niemals
47
lesen mögen, sooft ihn auch der Vater dazu angetrieben hatte; es fielen ihm die Szenen seiner
48
Kindheit ein, die Spiele mit der Jugend des Dorfes, seine Bekanntschaften unter den Kindern,
49
die Schule, die ihm so drückend gewesen war, und er sehnte sich in alle diese Umgebungen
50
zurück, die er freiwillig verlassen hatte, um sein Glück in unbekannten Gegenden, in Bergen,
51
unter fremden Menschen, in einer neuen Beschäftigung zu finden. Indem es finstrer wurde, und
52
der Bach lauter rauschte, und das Geflügel der Nacht seine irre Wanderung mit
53
umschweifendem Fluge begann, saß er noch immer mißvergnügt und in sich versunken; er
54
hätte weinen mögen, und er war durchaus unentschlossen, was er tun und vornehmen solle.
55
Gedankenlos zog er eine hervorragende Wurzel aus der Erde, und plötzlich hörte er
56
erschreckend ein dumpfes Winseln im Boden, das sich unterirdisch in klagenden Tönen
57
fortzog, und erst in der Ferne wehmütig verscholl. Der Ton durchdrang sein innerstes Herz, er
58
ergriff ihn, als wenn er unvermutet die Wunde berührt habe, an der der sterbende Leichnam
59
der Natur in Schmerzen verscheiden wolle. Er sprang auf und wollte entfliehen, denn er hatte
60
wohl ehemals von der seltsamen Alrunenwurzel gehört, die beim Ausreißen so
61
herzdurchschneidende Klagetöne von sich gebe, daß der Mensch von ihrem Gewinsel
62
wahnsinnig werden müsse. Indem er fortgehen wollte, stand ein fremder Mann hinter ihm,
63
welcher ihn freundlich ansah und fragte, wohin er wolle. Christian hatte sich Gesellschaft
64
gewünscht, und doch erschrak er von neuem vor dieser freundlichen Gegenwart. »Wohin so
65
eilig?« fragte der Fremde noch einmal. Der junge Jäger suchte sich zu sammeln und erzählte,
66
wie ihm plötzlich die Einsamkeit so schrecklich vorgekommen sei, daß er sich habe retten
67
wollen, der Abend sei so dunkel, die grünen Schatten des Waldes so traurig, der Bach spreche in
68
lauter Klagen, die Wolken des Himmels zögen seine Sehnsucht jenseit den Bergen hinüber. „Ihr
69
seid noch jung“, sagte der Fremde, „und könnt wohl die Strenge der Einsamkeit noch nicht
70
ertragen, ich will Euch begleiten, denn Ihr findet doch kein Haus oder Dorf im Umkreis einer
71
Meile, wir mögen unterwegs etwas sprechen und uns erzählen, so verliert Ihr die trüben
72
Gedanken; in einer Stunde kommt der Mond hinter den Bergen hervor, sein Licht wird dann
73
wohl auch Eure Seele Lichter machen.“

74
Sie gingen fort, und der Fremde dünkte dem Jünglinge bald ein alter Bekannter zu sein. „Wie
75
seid Ihr in dieses Gebürge gekommen«, fragte jener, »Ihr seid hier, Eurer Sprache nach, nicht
76
einheimisch.„ – “ Ach darüber“, sagte der Jüngling, „ließe sich viel sagen, und doch ist es wieder
77
keiner Rede, keiner Erzählung wert; es hat mich wie mit fremder Gewalt aus dem Kreise meiner
78
Eltern und Verwandten hinweggenommen, mein Geist war seiner selbst nicht mächtig; wie ein
79
Vogel, der in einem Netz gefangen ist und sich vergeblich sträubt, so verstrickt war meine Seele
80
in seltsamen Vorstellungen und Wünschen. Wir wohnten weit von hier in einer Ebene, in der
81
man rund umher keinen Berg, kaum eine Anhöhe erblickte; wenige Bäume schmückten den
82
grünen Plan, aber Wiesen, fruchtbare Kornfelder und Gärten zogen sich hin, so weit das Auge
83
reichen konnte, ein großer Fluß glänzte wie ein mächtiger Geist an den Wiesen und Feldern
84
vorbei. Mein Vater war Gärtner im Schloß und hatte vor, mich ebenfalls zu seiner Beschäftigung
85
zu erziehen; er liebte die Pflanzen und Blumen über alles und konnte sich tagelang unermüdet
86
mit ihrer Wartung und Pflege abgeben. Ja er ging so weit, daß er behauptete, er könne fast mit
87
ihnen sprechen; er lerne von ihrem Wachstum und Gedeihen, so wie von der verschiedenen
88
Gestalt und Farbe ihrer Blätter. Mir war die Gartenarbeit zuwider, um so mehr, als mein Vater
89
mir zuredete, oder gar mit Drohungen mich zu zwingen versuchte. Ich wollte Fischer werden,
90
und machte den Versuch, allein das Leben auf dem Wasser stand mir auch nicht an; ich wurde
91
dann zu einem Handelsmann in die Stadt gegeben, und kam auch von ihm bald in das väterliche
92
Haus zurück. Auf einmal hörte ich meinen Vater von Gebirgen erzählen, die er in seiner Jugend
93
bereiset hatte, von den unterirdischen Bergwerken und ihren Arbeitern, von Jägern und ihrer
94
Beschäftigung, und plötzlich erwachte in mir der bestimmteste Trieb, das Gefühl, daß ich nun
95
die für mich bestimmte Lebensweise gefunden habe. Tag und Nacht sann ich und stellte mir
96
hohe Berge, Klüfte und Tannenwälder vor; meine Einbildung erschuf sich ungeheure Felsen, ich
97
hörte in Gedanken das Getöse der Jagd, die Hörner, und das Geschrei der Hunde und des
98
Wildes; alle meine Träume waren damit angefüllt und darüber hatte ich nun weder Rast noch
99
Ruhe mehr. Die Ebene, das Schloß, der kleine beschränkte Garten meines Vaters mit den
100
geordneten Blumenbeeten, die enge Wohnung, der weite Himmel, der sich ringsum so traurig
101
ausdehnte, und keine Höhe, keinen erhabenen Berg umarmte, alles ward mir noch betrübter
102
und verhaßter. Es schien mir, als wenn alle Menschen um mich her in der
103
bejammernswürdigsten Unwissenheit lebten, und daß alle ebenso denken und empfinden
104
würden, wie ich, wenn ihnen dieses Gefühl ihres Elendes nur ein einziges Mal in ihrer Seele
105
aufginge. So trieb ich mich um, bis ich an einem Morgen den Entschluß faßte, das Haus meiner
106
Eltern auf immer zu verlassen. Ich hatte in einem Buche Nachrichten vom nächsten großen
107
Gebirge gefunden, Abbildungen einiger Gegenden, und darnach richtete ich meinen Weg ein. Es
108
war im ersten Frühlinge und ich fühlte mich durchaus froh und leicht. Ich eilte, um nur recht
109
bald das Ebene zu verlassen, und an einem Abende sah ich in der Ferne die dunkeln Umrisse des
110
Gebirges vor mir liegen. Ich konnte in der Herberge kaum schlafen, so ungeduldig war ich, die
111
Gegend zu betreten, die ich für meine Heimat ansah; mit dem frühesten war ich munter und
112
wieder auf der Reise. Nachmittags befand ich mich schon unter den vielgeliebten Bergen, und
113
wie ein Trunkner ging ich, stand dann eine Weile, schaute rückwärts, und berauschte mich in
114
allen mir fremden und doch so wohlbekannten Gegenständen. Bald verlor ich die Ebene hinter
115
mir aus dem Gesichte, die Waldströme rauschten mir entgegen, Buchen und Eichen brausten
116
mit bewegtem Laube von steilen Abhängen herunter; mein Weg führte mich schwindlichten
117
Abgründen vorüber, blaue Berge standen groß und ehrwürdig im Hintergrunde. Eine neue Welt
118
war mir aufgeschlossen, ich wurde nicht müde. So kam ich nach einigen Tagen, indem ich einen
119
großen Teil des Gebürges durchstreift hatte, zu einem alten Förster, der mich auf mein
120
inständiges Bitten zu sich nahm, um mich in der Kunst der Jägerei zu unterrichten. Jetzt bin ich
121
seit drei Monaten in seinen Diensten. Ich nahm von der Gegend, in der ich meinen Aufenthalt
122
hatte, wie von einem Königreiche Besitz; ich lernte jede Klippe, jede Schluft des Gebürges
123
kennen, ich war in meiner Beschäftigung, wenn wir am frühen Morgen nach dem Walde zogen,
124
wenn wir Bäume im Forste fällten, wenn ich mein Auge und meine Büchse übte, und die treuen
125
Gefährten, die Hunde zu ihren Geschicklichkeiten abrichtete, überaus glücklich. Jetzt sitze ich
126
seit acht Tagen hier oben auf dem Vogelherde, im einsamsten Gebürge, und am Abend wurde
127
mir heut so traurig zu Sinne, wie noch niemals in meinem Leben; ich kam mir so verloren, so
128
ganz unglückselig vor, und noch kann ich mich nicht von dieser trüben Stimmung erholen.“

129
Der fremde Mann hatte aufmerksam zugehört, indem beide durch einen dunkeln Gang des
130
Waldes gewandert waren. Jetzt traten sie ins Freie, und das Licht des Mondes, der oben mit
131
seinen Hörnern über der Bergspitze stand, begrüßte sie freundlich: in unkenntlichen Formen
132
und vielen gesonderten Massen, die der bleiche Schimmer wieder rätselhaft vereinigte, lag das
133
gespaltene Gebürge vor ihnen, im Hintergrunde ein steiler Berg, auf welchem uralte verwitterte
134
Ruinen schauerlich im weißen Lichte sich zeigten. „Unser Weg trennt sich hier“, sagte der
135
Fremde, „ich gehe in diese Tiefe hinunter, dort bei jenem alten Schacht ist meine Wohnung: die
136
Erze sind meine Nachbarn, die Berggewässer erzählen mir Wunderdinge in der Nacht, dahin
137
kannst du mir doch nicht folgen. Aber siehe dort den Runenberg mit seinem schroffen
138
Mauerwerke, wie schön und anlockend das alte Gestein zu uns herblickt! Bist du niemals dorten
139
gewesen?“ „Niemals“, sagte der junge Christian, »ich hörte einmal meinen alten Förster
140
wundersame Dinge von diesem Berge erzählen, die ich töricht genug wieder vergessen habe;
141
aber ich erinnere mich, daß mir an jenem Abend grauenhaft zumute war. Ich möchte wohl
142
einmal die Höhe besteigen, denn die Lichter sind dort am schönsten, das Gras muß dorten recht
143
grün sein, die Welt umher recht seltsam, auch mag sich's wohl treffen, daß man noch manch
144
Wunder aus der alten Zeit da oben fände.“

Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!

monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?

SchulLV