Kapitel 2
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„Es kann fast nicht fehlen“, sagte jener, „wer nur zu suchen versteht, wessen Herz recht
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innerlich hingezogen wird, der findet uralte Freunde dort und Herrlichkeiten, alles, was er am
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eifrigsten wünscht.“ – Mit diesen Worten stieg der Fremde schnell hinunter, ohne seinem
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Gefährten Lebewohl zu sagen, bald war er im Dickicht des Gebüsches verschwunden, und kurz
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nachher verhallte auch der Tritt seiner Füße. Der junge Jäger war nicht verwundert, er
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verdoppelte nur seine Schritte nach dem Runenberge zu, alles winkte ihm dorthin, die Sterne
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schienen dorthin zu leuchten, der Mond wies mit einer hellen Straße nach den Trümmern,
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lichte Wolken zogen hinauf, und aus der Tiefe redeten ihm Gewässer und rauschende Wälder zu
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und sprachen ihm Mut ein. Seine Schritte waren wie beflügelt, sein Herz klopfte, er fühlte eine
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so große Freudigkeit in seinem Innern, daß sie zu einer Angst emporwuchs. – Er kam in
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Gegenden, in denen er nie gewesen war, die Felsen wurden steiler, das Grün verlor sich, die
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kahlen Wände riefen ihn wie mit zürnenden Stimmen an, und ein einsam klagender Wind jagte
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ihn vor sich her. So eilte er ohne Stillstand fort, und kam spät nach Mitternacht auf einen
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schmalen Fußsteig, der hart an einem Abgrunde hinlief. Er achtete nicht auf die Tiefe, die unter
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ihm gähnte und ihn zu verschlingen drohte, so sehr spornten ihn irre Vorstellungen und
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unverständliche Wünsche. Jetzt zog ihn der gefährliche Weg neben eine hohe Mauer hin, die
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sich in den Wolken zu verlieren schien; der Steig ward mit jedem Schritte schmaler, und der
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Jüngling mußte sich an vorragenden Steinen festhalten, um nicht hinunterzustürzen. Endlich
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konnte er nicht weiter, der Pfad endigte unter einem Fenster, er mußte stillstehen und wußte
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jetzt nicht, ob er umkehren, ob er bleiben solle. Plötzlich sah er ein Licht, das sich hinter dem
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alten Gemäuer zu bewegen schien. Er sah dem Scheine nach, und entdeckte, daß er in einen
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alten geräumigen Saal blicken konnte, der wunderlich verziert von mancherlei Gesteinen und
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Kristallen in vielfältigen Schimmern funkelte, die sich geheimnisvoll von dem wandelnden
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Lichte durcheinanderbewegten, welches eine große weibliche Gestalt trug, die sinnend im
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Gemache auf und nieder ging. Sie schien nicht den Sterblichen anzugehören, so groß, so
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mächtig waren ihre Glieder, so streng ihr Gesicht, aber doch dünkte dem entzückten Jünglinge,
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daß er noch niemals solche Schönheit gesehn oder geahnet habe. Er zitterte und wünschte doch
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heimlich, daß sie zum Fenster treten und ihn wahrnehmen möchte. Endlich stand sie still, setzte
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das Licht auf einen kristallenen Tisch nieder, schaute in die Höhe und sang mit
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durchdringlicher Stimme:
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„Wo die Alten weilen,
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Daß sie nicht erscheinen?
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Die Kristallen weinen,
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Von demantnen Säulen
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Fließen Tränenquellen,
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Töne klingen drein;
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In den klaren hellen
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Schön durchsichtigen Wellen
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Bildet sich der Schein,
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Der die Seelen ziehet,
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Dem das Herz erglühet.
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Kommt ihr Geister alle
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Zu der goldnen Halle,
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Hebt aus tiefen Dunkeln
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Häupter, welche funkeln!
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Macht der Herzen und der Geister,
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Die so durstig sind im Sehnen,
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Mit den leuchtend schönen Tränen
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Allgewaltig euch zum Meister!“
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Als sie geendigt hatte, fing sie an sich zu entkleiden, und ihre Gewänder in einen kostbaren
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Wandschrank zu legen. Erst nahm sie einen goldenen Schleier vom Haupte, und ein langes
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schwarzes Haar floß in geringelter Fülle bis über die Hüften hinab; dann löste sie das Gewand
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des Busens, und der Jüngling vergaß sich und die Welt im Anschauen der überirdischen
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Schönheit. Er wagte kaum zu atmen, als sie nach und nach alle Hüllen löste; nackt schritt sie
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endlich im Saale auf und nieder, und ihre schweren schwebenden Locken bildeten um sie her
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ein dunkel wogendes Meer, aus dem wie Marmor die glänzenden Formen des reinen Leibes
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abwechselnd hervorstrahlten. Nach geraumer Zeit näherte sie sich einem andern goldenen
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Schranke, nahm eine Tafel heraus, die von vielen eingelegten Steinen, Rubinen, Diamanten und
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allen Juwelen glänzte, und betrachtete sie lange prüfend. Die Tafel schien eine wunderliche
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unverständliche Figur mit ihren unterschiedlichen Farben und Linien zu bilden; zuweilen war,
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nachdem der Schimmer ihm entgegenspiegelte, der Jüngling schmerzhaft geblendet, dann
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wieder besänftigten grüne und blau spielende Scheine sein Auge: er aber stand, die
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Gegenstände mit seinen Blicken verschlingend, und zugleich tief in sich selbst versunken. In
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seinem Innern hatte sich ein Abgrund von Gestalten und Wohllaut, von Sehnsucht und Wollust
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aufgetan, Scharen von beflügelten Tönen und wehmütigen und freudigen Melodien zogen durch
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sein Gemüt, das bis auf den Grund bewegt war: er sah eine Welt von Schmerz und Hoffnung in
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sich aufgehen, mächtige Wunderfelsen von Vertrauen und trotzender Zuversicht, große
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Wasserströme, wie voll Wehmut fließend. Er kannte sich nicht wieder, und erschrak, als die
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Schöne das Fenster öffnete, ihm die magische steinerne Tafel reichte und die wenigen Worte
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sprach: „Nimm dieses zu meinem Angedenken!“ Er faßte die Tafel und fühlte die Figur, die
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unsichtbar sogleich in sein Inneres überging, und das Licht und die mächtige Schönheit und der
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seltsame Saal waren verschwunden. Wie eine dunkele Nacht mit Wolkenvorhängen fiel es in
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sein Inneres hinein, er suchte nach seinen vorigen Gefühlen, nach jener Begeisterung und
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unbegreiflichen Liebe, er beschaute die kostbare Tafel, in welcher sich der untersinkende Mond
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schwach und bläulich spiegelte.
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Noch hielt er die Tafel fest in seinen Händen gepreßt, als der Morgen graute und er erschöpft,
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schwindelnd und halb schlafend die steile Höhe hinunterstürzte. –
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Die Sonne schien dem betäubten Schläfer auf sein Gesicht, der sich erwachend auf einem
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anmutigen Hügel wiederfand. Er sah umher, und erblickte weit hinter sich und kaum noch
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kennbar am äußersten Horizont die Trümmer des Runenberges: er suchte nach jener Tafel, und
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fand sie nirgends. Erstaunt und verwirrt wollte er sich sammeln und seine Erinnerungen
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anknüpfen, aber sein Gedächtnis war wie mit einem wüsten Nebel angefüllt, in welchem sich
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formlose Gestalten wild und unkenntlich durcheinanderbewegten. Sein ganzes voriges Leben
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lag wie in einer tiefen Ferne hinter ihm; das Seltsamste und das Gewöhnliche war so ineinander
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vermischt, daß er es unmöglich sondern konnte. Nach langem Streite mit sich selbst glaubte er
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endlich, ein Traum oder ein plötzlicher Wahnsinn habe ihn in dieser Nacht befallen, nur begriff
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er immer nicht, wie er sich so weit in eine fremde entlegene Gegend habe verirren können.
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Noch fast schlaftrunken stieg er den Hügel hinab, und geriet auf einen gebahnten Weg, der
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ihn vom Gebirge hinunter in das flache Land führte. Alles war ihm fremd, er glaubte anfangs, er
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würde in seine Heimat gelangen, aber er sah eine ganz verschiedene Gegend, und vermutete
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endlich, daß er sich jenseit der südlichen Grenze des Gebirges befinden müsse, welches er im
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Frühling von Norden her betreten hatte. Gegen Mittag stand er über einem Dorfe, aus dessen
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Hütten ein friedlicher Rauch in die Höhe stieg, Kinder spielten auf einem grünen Platze
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festtäglich geputzt, und aus der kleinen Kirche erscholl der Orgelklang und das Singen der
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Gemeine. Alles ergriff ihn mit unbeschreiblich süßer Wehmut, alles rührte ihn so herzlich, daß
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er weinen mußte. Die engen Gärten, die kleinen Hütten mit ihren rauchenden Schornsteinen,
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die gerade abgeteilten Kornfelder erinnerten ihn an die Bedürftigkeit des armen
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Menschengeschlechts, an seine Abhängigkeit vom freundlichen Erdboden, dessen Milde es sich
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vertrauen muß; dabei erfüllte der Gesang und der Ton der Orgel sein Herz mit einer nie
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gefühlten Frömmigkeit. Seine Empfindungen und Wünsche der Nacht erschienen ihm ruchlos
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und frevelhaft, er wollte sich wieder kindlich, bedürftig und demütig an die Menschen wie an
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seine Brüder schließen, und sich von den gottlosen Gefühlen und Vorsätzen entfernen. Reizend
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und anlockend dünkte ihm die Ebene mit dem kleinen Fluß, der sich in mannigfaltigen
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Krümmungen um Wiesen und Gärten schmiegte; mit Furcht gedachte er an seinen Aufenthalt
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in dem einsamen Gebirge und zwischen den wüsten Steinen, er sehnte sich, in diesem
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friedlichen Dorfe wohnen zu dürfen, und trat mit diesen Empfindungen in die menschenerfüllte
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Kirche.
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Der Gesang war eben beendigt und der Priester hatte seine Predigt begonnen, von den
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Wohltaten Gottes in der Ernte: wie seine Güte alles speiset und sättiget was lebt, wie wunderbar
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im Getreide für die Erhaltung des Menschengeschlechtes gesorgt sei, wie die Liebe Gottes sich
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unaufhörlich im Brote mitteile und der andächtige Christ so ein unvergängliches Abendmahl
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gerührt feiern könne. Die Gemeine war erbaut, des Jägers Blicke ruhten auf dem frommen
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Redner, und bemerkten dicht neben der Kanzel ein junges Mädchen, das vor allen andern der
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Andacht und Aufmerksamkeit hingegeben schien. Sie war schlank und blond, ihr blaues Auge
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glänzte von der durchdringendsten Sanftheit, ihr Antlitz war wie durchsichtig und in den
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zartesten Farben blühend. Der fremde Jüngling hatte sich und sein Herz noch niemals so
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empfunden, so voll Liebe und so beruhigt, so den stillsten und erquickendsten Gefühlen
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hingegeben. Er beugte sich weinend, als der Priester endlich den Segen sprach, er fühlte sich bei
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den heiligen Worten wie von einer unsichtbaren Gewalt durchdrungen, und das Schattenbild
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der Nacht in die tiefste Entfernung wie ein Gespenst hinabgerückt. Er verließ die Kirche,
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verweilte unter einer großen Linde, und dankte Gott in einem inbrünstigen Gebete, daß er ihn
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ohne sein Verdienst wieder aus den Netzen des bösen Geistes befreit habe.
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Das Dorf feierte an diesem Tage das Erntefest und alle Menschen waren fröhlich gestimmt;
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die geputzten Kinder freuten sich auf die Tänze und Kuchen, die jungen Burschen richteten auf
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dem Platze im Dorfe, der von jungen Bäumen umgeben war, alles zu ihrer herbstlichen
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Festlichkeit ein, die Musikanten saßen und probierten ihre Instrumente. Christian ging noch
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einmal in das Feld hinaus, um sein Gemüt zu sammeln und seinen Betrachtungen
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nachzuhängen, dann kam er in das Dorf zurück, als sich schon alles zur Fröhlichkeit und zur
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Begehung des Festes vereiniget hatte. Auch die blonde Elisabeth war mit ihren Eltern zugegen,
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und der Fremde mischte sich in den frohen Haufen. Elisabeth tanzte, und er hatte unterdes bald
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mit dem Vater ein Gespräch angesponnen, der ein Pachter war und einer der reichsten Leute im
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Dorfe. Ihm schien die Jugend und das Gespräch des fremden Gastes zu gefallen, und so wurden
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sie in kurzer Zeit dahin einig, daß Christian als Gärtner bei ihm einziehen solle. Dieser konnte
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es unternehmen, denn er hoffte, daß ihm nun die Kenntnisse und Beschäftigungen zustatten
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kommen würden, die er in seiner Heimat so sehr verachtet hatte.
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Jetzt begann ein neues Leben für ihn. Er zog bei dem Pachter ein und ward zu dessen Familie
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gerechnet; mit seinem Stande veränderte er auch seine Tracht. Er war so gut, so dienstfertig
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und immer freundlich, er stand seiner Arbeit so fleißig vor, daß ihm bald alle im Hause,
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vorzüglich aber die Tochter, gewogen wurden. Sooft er sie am Sonntage zur Kirche gehn sah,
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hielt er ihr einen schönen Blumenstrauß in Bereitschaft, für den sie ihm mit errötender
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Freundlichkeit dankte; er vermißte sie, wenn er sie an einem Tage nicht sah, dann erzählte sie
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ihm am Abend Märchen und lustige Geschichten. Sie wurden sich immer notwendiger, und die
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Alten, welche es bemerkten, schienen nichts dagegen zu haben, denn Christian war der
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fleißigste und schönste Bursche im Dorfe; sie selbst hatten vom ersten Augenblick einen Zug
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der Liebe und Freundschaft zu ihm gefühlt. Nach einem halben Jahre war Elisabeth seine
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Gattin. Es war wieder Frühling, die Schwalben und die Vögel des Gesanges kamen in das Land,
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der Garten stand in seinem schönsten Schmuck, die Hochzeit wurde mit aller Fröhlichkeit
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gefeiert, Braut und Bräutigam schienen trunken von ihrem Glücke. Am Abend spät, als sie in die
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Kammer gingen, sagte der junge Gatte zu seiner Geliebten: „Nein, nicht jenes Bild bist du,
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welches mich einst im Traum entzückte und das ich niemals ganz vergessen kann, aber doch
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bin ich glücklich in deiner Nähe und selig in deinen Armen.“