Kapitel 3
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Wie vergnügt war die Familie, als sie nach einem Jahre durch eine kleine Tochter vermehrt
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wurde, welche man Leonora nannte. Christian wurde zwar zuweilen etwas ernster, indem er das
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Kind betrachtete, aber doch kam seine jugendliche Heiterkeit immer wieder zurück. Er
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gedachte kaum noch seiner vorigen Lebensweise, denn er fühlte sich ganz einheimisch und
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befriedigt. Nach einigen Monaten fielen ihm aber seine Eltern in die Gedanken, und wie sehr
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sich besonders sein Vater über sein ruhiges Glück, über seinen Stand als Gärtner und
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Landmann freuen würde; es ängstigte ihn, daß er Vater und Mutter seit so langer Zeit ganz hatte
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vergessen können, sein eigenes Kind erinnerte ihn, welche Freude die Kinder den Eltern sind,
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und so beschloß er dann endlich, sich auf die Reise zu machen und seine Heimat wieder zu
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besuchen.
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Ungern verließ er seine Gattin; alle wünschten ihm Glück, und er machte sich in der schönen
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Jahreszeit zu Fuß auf den Weg. Er fühlte schon nach wenigen Stunden, wie ihn das Scheiden
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peinige, zum erstenmal empfand er in seinem Leben die Schmerzen der Trennung; die fremden
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Gegenstände erschienen ihm fast wild, ihm war, als sei er in einer feindseligen Einsamkeit
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verloren. Da kam ihm der Gedanke, daß seine Jugend vorüber sei, daß er eine Heimat gefunden,
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der er angehöre, in die sein Herz Wurzel geschlagen habe; er wollte fast den verlornen
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Leichtsinn der vorigen Jahre beklagen, und es war ihm äußerst trühselig zumute, als er für die
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Nacht auf einem Dorfe in dem Wirtshause einkehren mußte. Er begriff nicht, warum er sich von
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seiner freundlichen Gattin und den erworbenen Eltern entfernt habe, und verdrießlich und
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murrend machte er sich am Morgen auf den Weg, um seine Reise fortzusetzen.
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Seine Angst nahm zu, indem er sich dem Gebirge näherte, die fernen Ruinen wurden schon
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sichtbar und traten nach und nach kenntlicher hervor, viele Bergspitzen hoben sich abgeründet
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aus dem blauen Nebel. Sein Schritt wurde zaghaft, er blieb oft stehen und verwunderte sich
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über seine Furcht, über die Schauer, die ihm mit jedem Schritte gedrängter nahe kamen. „Ich
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kenne dich Wahnsinn wohl“, rief er aus, „und dein gefährliches Locken, aber ich will dir
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männlich widerstehn! Elisabeth ist kein schnöder Traum, ich weiß, daß sie jetzt an mich denkt,
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daß sie auf mich wartet und liebevoll die Stunden meiner Abwesenheit zählt. Sehe ich nicht
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schon Wälder wie schwarze Haare vor mir? Schauen nicht aus dem Bache die blitzenden Augen
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nach mir her? Schreiten die großen Glieder nicht aus den Bergen auf mich zu?“ – Mit diesen
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Worten wollte er sich um auszuruhen unter einen Baum niederwerfen, als er im Schatten
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desselben einen alten Mann sitzen sah, der mit der größten Aufmerksamkeit eine Blume
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betrachtete, sie bald gegen die Sonne hielt, bald wieder mit seiner Hand beschattete, ihre
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Blätter zählte, und überhaupt sich bemühte, sie seinem Gedächtnisse genau einzuprägen. Als er
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näher ging, erschien ihm die Gestalt bekannt, und bald blieb ihm kein Zweifel übrig, daß der
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Alte mit der Blume sein Vater sei. Er stürzte ihm mit dem Ausdruck der heftigsten Freude in die
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Arme; jener war vergnügt, aber nicht überrascht, ihn so plötzlich wiederzusehen. „Kömmst du
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mir schon entgegen, mein Sohn?“ sagte der Alte, „ich wußte, daß ich dich bald finden würde,
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aber ich glaubte nicht, daß mir schon am heutigen Tage die Freude widerfahren sollte.“ –
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„Woher wußtet Ihr, Vater, daß Ihr mich antreffen würdet?“ – „An dieser Blume“, sprach der
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alte Gärtner; „seit ich lebe, habe ich mir gewünscht, sie einmal sehen zu können, aber niemals
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ist es mir so gut geworden, weil sie sehr selten ist, und nur in Gebirgen wächst: ich machte mich
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auf dich zu suchen, weil deine Mutter gestorben ist und mir zu Hause die Einsamkeit zu
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drückend und trübselig war. Ich wußte nicht, wohin ich meinen Weg richten sollte, endlich
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wanderte ich durch das Gebirge, so traurig mir auch die Reise vorkam; ich suchte beiher nach
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der Blume, konnte sie aber nirgends entdecken, und nun finde ich sie ganz unvermutet hier, wo
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schon die schöne Ebene sich ausstreckt; daraus wußte ich, daß ich dich bald finden mußte, und
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sieh, wie die liebe Blume mir geweissagt hat!“ Sie umarmten sich wieder, und Christian
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beweinte seine Mutter; der Alte aber faßte seine Hand und sagte: „Laß uns gehen, daß wir die
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Schatten des Gebirges bald aus den Augen verlieren, mir ist immer noch weh ums Herz von den
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steilen wilden Gestalten, von dem gräßlichen Geklüft, von den schluchzenden Wasserbächen;
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laß uns das gute, fromme, ebene Land besuchen.“
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Sie wanderten zurück, und Christian ward wieder froher. Er erzählte seinem Vater von seinem
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neuen Glücke, von seinem Kinde und seiner Heimat; sein Gespräch machte ihn selbst wie
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trunken, und er fühlte im Reden erst recht, wie nichts mehr zu seiner Zufriedenheit ermangle.
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So kamen sie unter Erzählungen, traurigen und fröhlichen, in dem Dorfe an. Alle waren über
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die frühe Beendigung der Reise vergnügt, am meisten Elisabeth. Der alte Vater zog zu ihnen,
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und gab sein kleines Vermögen in ihre Wirtschaft; sie bildeten den zufriedensten und
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einträchtigsten Kreis von Menschen. Der Acker gedieh, der Viehstand mehrte sich, Christians
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Haus wurde in wenigen Jahren eins der ansehnlichsten im Orte; auch sah er sich bald als den
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Vater von mehreren Kindern.
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Fünf Jahre waren auf diese Weise verflossen, als ein Fremder auf seiner Reise in ihrem Dorfe
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einkehrte, und in Christians Hause, weil es die ansehnlichste Wohnung war, seinen Aufenthalt
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nahm. Er war ein freundlicher, gesprächiger Mann, der vieles von seinen Reisen erzählte, der
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mit den Kindern spielte und ihnen Geschenke machte, und dem in kurzem alle gewogen waren.
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Es gefiel ihm so wohl in der Gegend, daß er sich einige Tage hier aufhalten wollte; aber aus den
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Tagen wurden Wochen, und endlich Monate. Keiner wunderte sich über die Verzögerung, denn
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alle hatten sich schon daran gewöhnt, ihn mit zur Familie zu zählen. Christian saß nur oft
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nachdenklich, denn es kam ihm vor, als kenne er den Reisenden schon von ehemals, und doch
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konnte er sich keiner Gelegenheit erinnern, bei welcher er ihn gesehen haben möchte. Nach
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dreien Monaten nahm der Fremde endlich Abschied und sagte: „Liebe Freunde, ein
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wunderbares Schicksal und seltsame Erwartungen treiben mich in das nächste Gebirge hinein,
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ein zaubervolles Bild, dem ich nicht widerstehen kann, lockt mich; ich verlasse euch jetzt, und
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ich weiß nicht, ob ich wieder zu euch zurückkommen werde; ich habe eine Summe Geldes bei
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mir, die in euren Händen sicherer ist als in den meinigen, und deshalb bitte ich euch, sie zu
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verwahren; komme ich in Jahresfrist nicht zurück, so behaltet sie, und nehmet sie als einen
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Dank für eure mir bewiesene Freundschaft an.“
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So reiste der Fremde ab, und Christian nahm das Geld in Verwahrung. Er verschloß es
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sorgfältig und sah aus übertriebener Ängstlichkeit zuweilen wieder nach, zählte es über, ob
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nichts daran fehle, und machte sich viel damit zu tun. „Diese Summe könnte uns recht glücklich
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machen“, sagte er einmal zu seinem Vater, „wenn der Fremde nicht zurückkommen sollte, für
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uns und unsre Kinder wäre auf immer gesorgt.“ „Laß das Gold“, sagte der Alte, „darinne liegt
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das Glück nicht, uns hat bisher noch gottlob nichts gemangelt, und entschlage dich überhaupt
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dieser Gedanken.“
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Oft stand Christian in der Nacht auf, um die Knechte zur Arbeit zu wecken und selbst nach
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allem zu sehn; der Vater war besorgt, daß er durch übertriebenen Fleiß seiner Jugend und
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Gesundheit schaden möchte: daher machte er sich in einer Nacht auf, um ihn zu ermahnen,
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seine übertriebene Tätigkeit einzuschränken, als er ihn zu seinem Erstaunen bei einer kleinen
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Lampe am Tische sitzend fand, indem er wieder mit der größten Emsigkeit die Goldstücke
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zählte. „Mein Sohn“, sagte der Alte mit Schmerzen, „soll es dahin mit dir kommen, ist dieses
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verfluchte Metall nur zu unserm Unglück unter dieses Dach gebracht? Besinne dich, mein
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Lieber, so muß dir der böse Feind Blut und Leben verzehren.“ – „Ja“, sagte Christian, „ich
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verstehe mich selber nicht mehr, weder bei Tage noch in der Nacht läßt es mir Ruhe; seht, wie
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es mich jetzt wieder anblickt, daß mir der rote Glanz tief in mein Herz hineingeht! Horcht, wie
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es klingt, dies güldene Blut! das ruft mich, wenn ich schlafe, ich höre es, wenn Musik tönt, wenn
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der Wind bläst, wenn Leute auf der Gasse sprechen; scheint die Sonne, so sehe ich nur diese
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gelben Augen, wie es mir zublinzelt, und mir heimlich ein Liebeswort ins Ohr sagen will: so muß
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ich mich wohl nächtlicherweise aufmachen, um nur seinem Liebesdrang genugzutun, und dann
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fühle ich es innerlich jauchzen und frohlocken, wenn ich es mit meinen Fingern berühre, es
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wird vor Freuden immer röter und herrlicher; schaut nur selbst die Glut der Entzückung an!“ –
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Der Greis nahm schaudernd und weinend den Sohn in seine Arme, betete und sprach dann:
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„Christel, du mußt dich wieder zum Worte Gottes wenden, du mußt fleißiger und andächtiger
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in die Kirche gehen, sonst wirst du verschmachten und im traurigsten Elende dich verzehren.“
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Das Geld wurde wieder weggeschlossen, Christian versprach sich zu ändern und in sich zu
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gehn, und der Alte ward beruhigt. Schon war ein Jahr und mehr vergangen, und man hatte von
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dem Fremden noch nichts wieder in Erfahrung bringen können; der Alte gab nun endlich den
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Bitten seines Sohnes nach, und das zurückgelassene Geld wurde in Ländereien und auf andere
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Weise angelegt. Im Dorfe wurde bald von dem Reichtum des jungen Pachters gesprochen, und
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Christian schien außerordentlich zufrieden und vergnügt, so daß der Vater sich glücklich pries,
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ihn so wohl und heiter zu sehn: alle Furcht war jetzt in seiner Seele verschwunden. Wie sehr
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mußte er daher erstaunen, als ihn an einem Abend Elisabeth beiseit nahm und unter Tränen
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erzählte, wie sie ihren Mann nicht mehr verstehe, er spreche so irre, vorzüglich des Nachts, er
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träume schwer, gehe oft im Schlafe lange in der Stube herum, ohne es zu wissen, und erzähle
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wunderbare Dinge, vor denen sie oft schaudern müsse. Am schrecklichsten sei ihr seine
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Lustigkeit am Tage, denn sein Lachen sei so wild und frech, sein Blick irre und fremd. Der Vater
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erschrak und die betrübte Gattin fuhr fort: „Immer spricht er von dem Fremden, und
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behauptet, daß er ihn schon sonst gekannt habe, denn dieser fremde Mann sei eigentlich ein
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wunderschönes Weib; auch will er gar nicht mehr auf das Feld hinausgehn oder im Garten
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arbeiten, denn er sagt, er höre ein unterirdisches fürchterliches Ächzen, sowie er nur eine
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Wurzel ausziehe; er fährt zusammen und scheint sich vor allen Pflanzen und Kräutern wie vor
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Gespenstern zu entsetzen“ – „Allgütiger Gott!“ rief der Vater aus, »ist der fürchterliche Hunger
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in ihn schon so fest hineingewachsen, daß es dahin hat kommen können? So ist sein
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verzaubertes Herz nicht menschlich mehr, sondern von kaltem Metall; wer keine Blume mehr
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liebt, dem ist alle Liebe und Gottesfurcht verloren.“
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Am folgenden Tage ging der Vater mit dem Sohne spazieren, und sagte ihm manches wieder,
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was er von Elisabeth gehört hatte; er ermahnte ihn zur Frömmigkeit, und daß er seinen Geist
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heiligen Betrachtungen widmen solle. Christian sagte: „Gern, Vater, auch ist mir oft ganz wohl,
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und es gelingt mir alles gut; ich kann auf lange Zeit, auf Jahre, die wahre Gestalt meines Innern
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vergessen, und gleichsam ein fremdes Leben mit Leichtigkeit führen: dann geht aber plötzlich
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wie ein neuer Mond das regierende Gestirn, welches ich selber bin, in meinem Herzen auf, und
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besiegt die fremde Macht. Ich könnte ganz froh sein, aber einmal, in einer seltsamen Nacht, ist
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mir durch die Hand ein geheimnisvolles Zeichen tief in mein Gemüt hineingeprägt; oft schläft
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und ruht die magische Figur, ich meine sie ist vergangen, aber dann quillt sie wie ein Gift
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plötzlich wieder hervor, und wegt sich in allen Linien. Dann kann ich sie nur denken und fühlen,
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und alles umher ist verwandelt, oder vielmehr von dieser Gestaltung verschlungen worden. Wie
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der Wahnsinnige beim Anblick des Wassers sich entsetzt, und das empfangene Gift noch
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giftiger in ihm wird, so geschieht es mir bei allen eckigen Figuren, bei jeder Linie, bei jedem
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Strahl, alles will dann die inwohnende Gestalt entbinden und zur Geburt befördern, und mein
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Geist und Körper fühlt die Angst; wie sie das Gemüt durch ein Gefühl von außen empfing, so
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will es sie dann wieder quälend und ringend zum äußern Gefühl hinausarbeiten, um ihrer los
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und ruhig zu werden.“
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„Ein unglückliches Gestirn war es“, sprach der Alte, „das dich von uns hinwegzog; du warst
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für ein stilles Leben geboren, dein Sinn neigte sich zur Ruhe und zu den Pflanzen, da führte dich
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deine Ungeduld hinweg, in die Gesellschaft der verwilderten Steine: die Felsen, die zerrissenen
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Klippen mit ihren schroffen Gestalten haben dein Gemüt zerrüttet, und den verwüstenden
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Hunger nach dem Metall in dich gepflanzt. Immer hättest du dich vor dem Anblick des Gebirges
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hüten und bewahren müssen, und so dachte ich dich auch zu erziehen, aber es hat nicht sein
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sollen. Deine Demut, deine Ruhe, dein kindlicher Sinn ist von Trotz, Wildheit und Übermut
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verschüttet.“