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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 4

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„Nein“, sagte der Sohn, »ich erinnere mich ganz deutlich, daß mir eine Pflanze zuerst das
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Unglück der ganzen Erde bekannt gemacht hat, seitdem verstehe ich erst die Seufzer und
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Klagen, die allenthalben in der ganzen Natur vernehmbar sind, wenn man nur darauf hören
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will; in den Pflanzen, Kräutern, Blumen und Bäumen regt und bewegt sich schmerzhaft nur eine
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große Wunde, sie sind der Leichnam vormaliger herrlicher Steinwelten, sie bieten unserm Auge
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die schrecklichste Verwesung dar. Jetzt verstehe ich es wohl, daß es dies war, was mir jene
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Wurzel mit ihrem tiefgeholten Ächzen sagen wollte, sie vergaß sich in ihrem Schmerze und
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verriet mir alles. Darum sind alle grünen Gewächse so erzürnt auf mich, und stehn mir nach
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dem Leben; sie wollen jene geliebte Figur in meinem Herzen auslöschen, und in jedem Frühling
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mit ihrer verzerrten Leichenmiene meine Seele gewinnen. Unerlaubt und tückisch ist es, wie sie
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dich, alter Mann, hintergangen haben, denn von deiner Seele haben sie gänzlich Besitz
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genommen. Frage nur die Steine, du wirst erstaunen, wenn du sie reden hörst.“

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Der Vater sah ihn lange an, und konnte ihm nichts mehr antworten. Sie gingen schweigend
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zurück nach Hause, und der Alte mußte sich jetzt ebenfalls vor der Lustigkeit seines Sohnes
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entsetzen, denn sie dünkte ihm ganz fremdartig, und als wenn ein andres Wesen aus ihm, wie
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aus einer Maschine, unbeholfen und ungeschickt herausspiele. –

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Das Erntefest sollte wieder gefeiert werden, die Gemeine ging in die Kirche, und auch
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Elisabeth zog sich mit den Kindern an, um dem Gottesdienste beizuwohnen; ihr Mann machte
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auch Anstalten, sie zu begleiten, aber noch vor der Kirchentür kehrte er um, und ging
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tiefsinnend vor das Dorf hinaus. Er. setzte sich auf die Anhöhe, und sahe wieder die rauchenden
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Dächer unter sich, er hörte den Gesang und Orgelton von der Kirche her, geputzte Kinder
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tanzten und spielten auf dem grünen Rasen. „Wie habe ich mein Leben in einem Traume
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verloren!« sagte er zu sich selbst;“ Jahre sind verflossen, daß ich von hier hinunterstieg, unter
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die Kinder hinein; die damals hier spielten, sind heute dort ernsthaft in der Kirche; ich trat auch
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in das Gebäude, aber heut ist Elisabeth nicht mehr ein blühendes kindliches Mädchen, ihre
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Jugend ist vorüber, ich kann nicht mit der Sehnsucht wie damals den Blick ihrer Augen
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aufsuchen: so habe ich mutwillig ein hohes ewiges Glück aus der Acht gelassen, um ein
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vergängliches und zeitliches zu gewinnen.“

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Er ging sehnsuchtsvoll nach dem benachbarten Walde, und vertiefte sich in seine dichtesten
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Schatten. Eine schauerliche Stille umgab ihn, keine Luft rührte sich in den Blättern. Indem sah
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er einen Mann von ferne auf sich zukommen, den er für den Fremden erkannte; er erschrak,
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und sein erster Gedanke war, jener würde sein Geld von ihm zurückfordern. Als die Gestalt
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etwas näher kam, sah er, wie sehr er sich geirrt hatte, denn die Umrisse, welche er
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wahrzunehmen gewähnt, zerbrachen wie in sich selber; ein altes Weib von der äußersten
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Häßlichkeit kam auf ihn zu, sie war in schmutzige Lumpen gekleidet, ein zerrissenes Tuch hielt
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einige greise Haare zusammen, sie hinkte an einer Krücke. Mit fürchterlicher Stimme redete sie
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Christian an, und fragte nach seinem Namen und Stande; er antwortete ihr umständlich und
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sagte darauf: „Aber wer bist du?“ „Man nennt mich das Waldweib“, sagte jene, »und jedes Kind
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weiß von mir zu erzählen; hast du mich niemals gekannt?“ Mit den letzten Worten wandte sie
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sich um, und Christian glaubte zwischen den Bäumen den goldenen Schleier, den hohen Gang,
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den mächtigen Bau der Glieder wiederzuerkennen. Er wollte ihr nacheilen, aber seine Augen
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fanden sie nicht mehr.

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Indem zog etwas Glänzendes seine Blicke in das grüne Gras nieder. Er hob es auf und sahe die
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magische Tafel mit den farbigen Edelgesteinen, mit der seltsamen Figur wieder, die er vor so
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manchem Jahr verloren hatte. Die Gestalt und die bunten Lichter drückten mit der
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plötzlichsten Gewalt auf alle seine Sinne. Er faßte sie recht fest an, um sich zu überzeugen, daß
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er sie wieder in seinen Händen halte, und eilte dann damit nach dem Dorfe zurück. Der Vater
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begegnete ihm. „Seht“, rief er ihm zu, „das, wovon ich Euch so oft erzählt habe, was ich nur im
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Traum zu sehn glaubte, ist jetzt gewiß und wahrhaftig mein.“ Der Alte betrachtete die Tafel
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lange und sagte: „Mein Sohn, mir schaudert recht im Herzen, wenn ich die Lineamente dieser
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Steine betrachte und ahnend den Sinn dieser Wortfügung errate; sieh her, wie kalt sie funkeln,
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welche grausame Blicke sie von sich geben, blutdürstig, wie das rote Auge des Tigers. Wirf diese
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Schrift weg, die dich kalt und grausam macht, die dein Herz versteinern muß:

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Sieh die zarten Blüten keimen,
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Wie sie aus sich selbst erwachen,
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Und wie Kinder aus den Träumen
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Dir entgegen lieblich lachen.
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Ihre Farbe ist im Spielen
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Zugekehrt der goldnen Sonne,
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Deren heißen Kuß zu fühlen,
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Das ist ihre höchste Wonne:

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An den Küssen zu verschmachten,
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Zu vergehn in Lieb und Wehmut;
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Also stehn, die eben lachten,
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Bald verwelkt in stiller Demut.

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Das ist ihre höchste Freude,
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Im Geliebten sich verzehren,
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Sich im Tode zu verklären,
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Zu vergehn in süßem Leide.

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Dann ergießen sie die Düfte,
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Ihre Geister, mit Entzücken
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Es berauschen sich die Lüfte
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Im balsamischen Erquicken.

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Liebe kommt zum Menschenherzen,
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Regt die goldnen Saitenspiele,
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Und die Seele spricht: ich fühle
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Was das Schönste sei, wonach ich ziele,
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Wehmut, Sehnsucht und der Liebe Schmerzen.“

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„Wunderbare, unermeßliche Schätze“, antwortete der Sohn, „muß es noch in den Tiefen der
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Erde geben. Wer diese ergründen, heben und an sich reißen könnte! Wer die Erde so wie eine
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geliebte Braut an sich zu drücken vermöchte, daß sie ihm in Angst und Liebe gern ihr
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Kostbarstes gönnte! Das Waldweib hat mich gerufen, ich gehe sie zu suchen. Hier nebenan ist
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ein alter verfallener Schacht, schon vor Jahrhunderten von einem Bergmanne ausgegraben
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vielleicht, daß ich sie dort finde!“

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Er eilte fort. Vergeblich strebte der Alte, ihn zurückzuhalten, jener war seinen Blicken bald
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entschwunden. Nach einigen Stunden, nach vieler Anstrengung gelangte der Vater an den alten
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Schacht; er sah die Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt, und kehrte weinend um, in
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der Überzeugung, daß sein Sohn im Wahnsinn hineingegangen, und in alte gesammelte Wässer
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und Untiefen versunken sei.

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Seitdem war er unaufhörlich betrübt und in Tränen. Das ganze Dorf trauerte um den jungen
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Pachter, Elisabeth war untröstlich, die Kinder jammerten laut. Nach einem halben Jahre war
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der alte Vater gestorben, Elisabeths Eltern folgten ihm bald nach, und sie mußte die große
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Wirtschaft allein verwalten. Die angehäuften Geschäfte entfernten sie etwas von ihrem
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Kummer, die Erziehung der Kinder, die Bewirtschaftung des Gutes ließen ihr für Sorge und
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Gram keine Zeit übrig. So entschloß sie sich nach zwei Jahren zu einer neuen Heirat, sie gab
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ihre Hand einem jungen heitern Manne, der sie von Jugend auf geliebt hatte. Aber bald gewann
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alles im Hause eine andre Gestalt. Das Vieh starb, Knechte und Mägde waren untreu, Scheuren
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mit Früchten wurden vom Feuer verzehrt, Leute in der Stadt, bei welchen Summen standen,
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entwichen mit dem Gelde. Bald sah sich der Wirt genötigt, einige Äcker und Wiesen zu
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verkaufen; aber ein Mißwachs und teures Jahr brachten ihn nur in neue Verlegenheit. Es schien
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nicht anders, als wenn das so wunderbar erworbene Geld auf allen Wegen eine schleunige
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Flucht suchte; indessen mehrten sich die Kinder, und Elisabeth sowohl als ihr Mann wurden in
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der Verzweiflung unachtsam und saumselig; er suchte sich zu zerstreuen, und trank häufigen
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und starken Wein, der ihn verdrießlich und jähzornig machte, so daß oft Elisabeth mit heißen
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Zähren ihr Elend beweinte. So wie ihr Glück wich, zogen sich auch die Freunde im Dorfe von
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ihnen zurück, so daß sie sich nach einigen Jahren ganz verlassen sahn, und sich nur mit Mühe
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von einer Woche zur andern hinüberfristeten.

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Es waren ihnen nur wenige Schafe und eine Kuh übriggeblieben, welche Elisabeth oft selber
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mit den Kindern hütete. So saß sie einst mit ihrer Arbeit auf dem Anger, Leonore zu ihrer Seite
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und ein saugendes Kind an der Brust, als sie von ferne herauf eine wunderbare Gestalt kommen
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sahen. Es war ein Mann in einem ganz zerrissenen Rocke, barfüßig, sein Gesicht schwarzbraun
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von der Sonne verbrannt, von einem langen struppigen Bart noch mehr entstellt; er trug keine
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Bedeckung auf dem Kopf, hatte aber von grünem Laube einen Kranz durch sein Haar
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geflochten, welcher sein wildes Ansehn noch seltsamer und unbegreiflicher machte. Auf dem
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Rücken trug er in einem festgeschnürten Sack eine schwere Ladung, im Gehen stützte er sich
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auf eine junge Fichte.

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Als er näher kam, setzte er seine Last nieder, und holte schwer Atem. Er bot der Frau guten
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Tag, die sich vor seinem Anblicke entsetzte, das Mädchen schmiegte sich an ihre Mutter. Als er
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ein wenig geruht hatte, sagte er: „Nun komme ich von einer sehr beschwerlichen Wanderschaft
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aus dem rauhesten Gebirge auf Erden, aber ich habe dafür auch endlich die kostbarsten Schätze
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mitgebracht, die die Einbildung nur denken oder das Herz sich wünschen kann. Seht hier, und
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erstaunt!“ Er öffnete hierauf seinen Sack und schüttete ihn aus; dieser war voller Kiesel, unter
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denen große Stücke Quarz, nebst andern Steinen lagen. „Es ist nur“, fuhr er fort, „daß diese
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Juwelen noch nicht poliert und geschliffen sind, darum fehlt es ihnen noch an Auge und Blick;
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das äußerliche Feuer mit seinem Glanze ist noch zu sehr in ihren inwendigen Herzen begraben,
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aber man muß es nur herausschlagen, daß sie sich fürchten, daß keine Verstellung ihnen mehr
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nützt, so sieht man wohl, wes Geistes Kind sie sind.“ – Er nahm mit diesen Worten einen harten
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Stein und schlug ihn heftig gegen einen andern, so daß die roten Funken heraussprangen.
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„Habt ihr den Glanz gesehen?“ rief er aus; »so sind sie ganz Feuer und Licht, sie erhellen das
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Dunkel mit ihrem Lachen, aber noch tun sie es nicht freiwillig.“ – Er packte hierauf alles wieder
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sorgfältig in seinen Sack, welchen er fest zusammenschnürte. „Ich kenne dich recht gut“, sagte
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er dann wehmütig, »du bist Elisabeth.« Die Frau erschrak. „Wie ist dir doch mein Name
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bekannt“, fragte sie mit ahnendem Zittern. – „Ach, lieber Gott!“ sagte der Unglückselige, „ich
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bin ja der Christian, der einst als Jäger zu euch kam, kennst du mich denn nicht mehr?“

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Sie wußte nicht, was sie im Erschrecken und tiefsten Mitleiden sagen sollte. Er fiel ihr um den
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Hals, und küßte sie. Elisabeth rief aus: „O Gott! mein Mann kommt!“

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„Sei ruhig“, sagte er, „ich bin dir so gut wie gestorben; dort im Walde wartet schon meine
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Schöne, die Gewaltige, auf mich, die mit dem goldenen Schleier geschmückt ist. Dieses ist mein
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liebstes Kind, Leonore. Komm her, mein teures, liebes Herz, und gib mir auch einen Kuß, nur
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einen einzigen, daß ich einmal wieder deinen Mund auf meinen Lippen fühle, dann will ich euch
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verlassen.“

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Leonore weinte; sie schmiegte sich an ihre Mutter, die in Schluchzen und Tränen sie halb zum
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Wandrer lenkte, halb zog sie dieser zu sich, nahm sie in die Arme, und drückte sie an seine
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Brust. – Dann ging er still fort, und im Walde sahen sie ihn mit dem entsetzlichen Waldweibe
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sprechen.

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„Was ist euch?“ fragte der Mann, als er Mutter und Tochter blaß und in Tränen aufgelöst fand.
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Keine wollte ihm Antwort geben.

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Der Unglückliche ward aber seitdem nicht wieder gesehen.

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