Der Architekt
Die Figur des Architekten in Jenny Erpenbecks Roman Heimsuchung ist eine ambivalente und vielschichtige Persönlichkeit, deren Lebensweg und Handlungen eng mit der wechselhaften deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts verflochten sind. Er steht exemplarisch für Anpassung, Mitläufertum und persönliche Interessen, aber auch für Verdrängung und moralische Fragwürdigkeit.
Der Architekt als Eigner und Betrüger
- Zu Beginn erscheint der Architekt als wohlhabender, bürgerlicher Mann, der sich einen Lebenstraum erfüllt: Er erwirbt eine Parzelle am See, um für sich und seine Frau ein Haus zu bauen. Das Haus ist für ihn mehr als nur ein Wohnort – es ist Ausdruck von Heimat, Stabilität und Identität.
- Doch bereits hier zeigen sich erste charakterliche Schwächen: Aus Angst, im Falle eines Scheiterns wieder Eigentum an seine geschiedene Exfrau zu verlieren, trägt er seine neue Partnerin – damals noch seine Verlobte – als Eigentümerin in den Grundbuchvertrag ein. Es wird deutlich, dass seine Entscheidungen von Eigennutz geprägt sind und er zu Manipulationen neigt, wenn sie seinen Interessen dienen.
- Die Tatsache, dass er seine Exfrau mit der neuen Partnerin betrogen hat, bestätigt sein doppeltes Spiel – sowohl im Privaten als auch später im Politischen.
Politische Anpassung und moralische Ambivalenz
- Die zweite, besonders kritische Facette seines Charakters zeigt sich in seiner Rolle während der NS-Zeit. Der Architekt ist Mitglied der Reichskulturkammer und bekennt sich auf dem Aufnahmeformular zur "arischen Abstammung", obwohl seine familiäre Herkunft dies nicht lückenlos belegen kann. Diese bewusste Selbstverleugnung dient allein dem Zweck, seine berufliche Karriere nicht zu gefährden.
- Er bewirbt sich bei Albert Speer, um am ideologisch aufgeladenen Projekt "Welthauptstadt Germania" mitzuarbeiten – ein Vorhaben, das untrennbar mit den grausamen Herrschaftsmechanismen des Nationalsozialismus verbunden ist.
- Sein Verhalten offenbart eine opportunistische Grundhaltung: Für den beruflichen Erfolg nimmt er stillschweigend die Gewalt und die menschenverachtenden Prinzipien des Regimes in Kauf.
- Gleichzeitig zeigt sich jedoch auch eine widersprüchliche Seite: Der Architekt hilft einer jüdischen Familie, dem Tuchfabrikanten, bei der Flucht. Doch auch dieses Verhalten wirkt nicht altruistisch, da er gleichzeitig vom Leid dieser Familie profitiert, indem er das Nachbargrundstück zu einem günstigen Preis erwirbt.
- Er wendet sich also scheinbar gegen das System, nutzt es aber zugleich für seine Zwecke. Diese Ambivalenz macht ihn zu einem klassischen Mitläufer, der nicht aktiv ideologisch handelt, aber moralisch fragwürdige Entscheidungen trifft, solange sie ihm selbst nutzen.
Flucht und Verlust zur DDR-Zeit
- In der DDR gerät der Architekt erneut unter Druck. Ein kleiner Gesetzesverstoß – der Kauf von westlichen Schrauben für ein Bauprojekt – zwingt ihn zur Flucht mit seiner Frau in den Westen. Diese Episode macht deutlich, wie instabil seine Position trotz allen Bemühens um Anpassung letztlich ist.
- Sein Lebenswerk, das Haus, muss er zurücklassen. Die Parzelle, die ihm so viel bedeutet hat, geht vorübergehend verloren. In seiner Vergangenheit verstrickt, scheitert er nun an einem System, dem er nicht mehr entkommen kann.
- Die Rückführung des Grundstücks an den ursprünglichen Besitzer erfolgt erst nach seinem Tod – ein symbolischer Akt, der seine Lebenslüge und seine Machtlosigkeit postum entlarvt.
Charakterliche Deutung
- Der Architekt steht in Jenny Erpenbecks Heimsuchung für eine bürgerliche Existenz, die von Besitz, Sicherheit und Kontrolle geprägt ist. Er möchte sich selbst verwirklichen, lässt dabei aber skrupellose Strategien walten – im Privaten wie im Politischen.
- Seine Haltung ist nicht durchdrungen von einer klaren ethischen Linie, sondern von Angst vor Verlust, dem Streben nach Sicherheit und dem Wunsch nach Zugehörigkeit. Er passt sich wechselnden politischen Systemen an, verdrängt Schuld und Verantwortung und handelt, wo immer möglich, zu seinem eigenen Vorteil.
- Dabei erscheint er weder als überzeugter Täter noch als Widerständler – vielmehr als ein Mensch, der sich dem jeweiligen System beugt, solange es ihm erlaubt, seine persönliche Vision von Leben, Heimat und Erfolg zu verfolgen.
Fazit
- Die Figur des Architekten ist zentral für die thematische Tiefe von Heimsuchung, denn sie verkörpert die enge Verflechtung von privater Lebensgeschichte mit der großen Geschichte des 20. Jahrhunderts – vom Nationalsozialismus über die DDR bis zur Wiedervereinigung.
- Sein Lebensweg zeigt, wie politische Systeme individuelle Biografien formen und wie Schuld, Erinnerung und Vergessen ineinandergreifen. Der Architekt ist ein Paradebeispiel für das Scheitern moralischer Integrität in Zeiten historischer Umbrüche.