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Heimat

In Jenny Erpenbecks Roman Heimsuchung wird der Begriff „Heimat“ in vielfältiger Weise thematisiert, hinterfragt und gebrochen. Heimat ist hier kein statischer Ort, sondern ein emotional aufgeladener und individuell geprägter Erfahrungsraum, der eng mit Flucht, Verlust, Erinnerung und Identität verbunden ist. Die Figuren des Romans entwickeln jeweils eigene Konzepte von Heimat, die in der Struktur und Sprache des Textes deutlich sichtbar werden. Im Folgenden werden zentrale Perspektiven auf das Thema Heimat gegliedert und interpretiert.

1. Heimat als Besitz und Kontrolle

  • Für den Architekten ist Heimat zunächst an materielle Bedingungen gebunden: Grund, Boden, Haus.
  • Heimat ist für ihn etwas, das geplant und kontrolliert wird: „Heimat planen, das ist sein Beruf.“ (R 35.13f.)
  • Der Akt des Bauens wird zur Geste der Aneignung: Die Landschaft wird durch sein Tun geformt, ja sogar unterworfen.
  • Die Vorstellung, Heimat müsse „besessen“ werden, schlägt ins Gegenteil um: Besitz wird zur Falle.
  • Als ihm bewusst wird, dass seine Heimat (das Haus, der See) ihn gefangen hält, reflektiert er bitter: „Mehr und mehr betrachtet er jetzt auch die Nachteile des Besitzes, bedauert mit Bitterkeit, ein Stück Land und keinen fliegenden Teppich zu besitzen.“ (R 39.11)

2. Heimat als Verlust – gebrochene Zugehörigkeit

  • Heimat erscheint in vielen Fällen als nicht verfügbar.
  • Der Rotarmist hat durch Gewalt und Vertreibung seine Herkunft verloren: „Freiwillig hat er sich gemeldet mit fünfzehn, nachdem seine Mutter, sein Vater und seine Schwester von den Deutschen umgebracht worden waren.“ (R 90.6ff.)
  • Für ihn ist Heimat untrennbar mit Trauma und Hass verbunden – er kämpft nicht für ein Land, sondern gegen das, was ihm genommen wurde.
  • Auch Doris verliert ihre Heimat – sie versteckt sich im Warschauer Ghetto, flüchtet sich in Erinnerungen an die Landschaft am See: „Während die Dunkelheit so groß ist, dass das Mädchen nicht einmal erkennen kann, wo sie aufhört, erscheinen in ihrem Kopf Erinnerungen an Tage, an denen das ganze Bickfeld mit Farben ausgefüllt war bis an die Ränder.“ (R 76.2ff.)
  • Heimat wird hier zum inneren Sehnsuchtsbild, das in scharfem Kontrast zur Realität steht.

3. Heimat als Kindheit und Identitätsort

  • Für die unberechtigte Eigenbesitzerin ist das Haus am See Kindheitsort und Rückzugsraum.
  • Der Verlust des Hauses bedeutet für sie nicht nur materiellen Verlust, sondern eine Existenzkrise.
  • Sie weigert sich, den Schlüssel abzugeben, versteckt sich im Schrank – sie wird buchstäblich zum „Hausgeist“ (vgl. R 174.4 ff.).
  • Ihr Gefühl von Heimat ist mit Erinnerung, Zugehörigkeit und Herkunft verbunden.
  • Auch ihr Vater, der sich in der Landschaft Russlands fremd fühlte, spiegelt ihre Entwurzelung wider: „Vielleicht hätte sie gerne ihr Leben dort verbracht. So ist die unerfüllte Sehnsucht dieser einen Heimat über die Jahre größer geworden.“ (vgl. R 179 ff.)

4. Heimat als Haltung – das Konzept der Schriftstellerin

  • Die Schriftstellerin entwickelt einen nicht-ortsgebundenen Heimatbegriff.
  • Heimat ist für sie keine geografische, sondern eine geistige Kategorie, ein Zustand der Integrität.
  • Ihre Schreibmaschine wird zur Projektionsfläche: „Mit dieser Schreibmaschine hatte sie all die Worte getippt, die die deutschen Barbaren zurückverwandeln sollten in Menschen und die Heimat in Heimat.“ (R 109.22 ff.)
  • Ihre Vorstellung von Heimat ist nicht nostalgisch, sondern ethisch – sie sucht nach Menschlichkeit.
  • Das zeigt sich besonders in einem zentralen Zitat: „Nein, sie und ihr Mann sind nicht nach Deutschland heimgekehrt, sondern sie wollten dies Land, und es war nur zufällig das, dessen Sprache sie sprachen, heimholen in ihre Gedanken.“ (R 116.27ff.)

5. Heimat in der Diaspora – Ludwigs ambivalente Rückschau

  • Ludwig, der Sohn des Tuchfabrikanten, lebt mit seiner Familie im Exil in Südafrika.
  • Die Rückblenden zeigen, dass er sich zwar auf die alte Heimat bezieht, aber keine neue Heimat findet.
  • Seine Tochter nennt Südafrika ein Paradies, doch Ludwig friert – „mehr, als er jemals daheim gefroren hat“ (R 56.20).
  • Er bleibt in einer Zwischenposition – entwurzelt, fremd, ohne neue Bindung.
  • Sein Heimatgefühl speist sich aus Erinnerung an Gerüche, Stimmen, Orte, nicht aus der Realität des neuen Lebens. „[…] der See, dessen Wasser wie ein junger Hund an der Hand leckt, wenn man sie hineinstreckt.“ (R 47.17 ff.)

6. Heimat als Bedrohung – Enteignung und Opportunismus

  • Der Heimatbegriff wird im Roman auch als Instrument der Ausgrenzung entlarvt.
  • Der Architekt profitiert vom System: Er erwirbt das Grundstück eines jüdischen Nachbarn zu einem Spottpreis (vgl. R 39.11).
  • Er nutzt dies, um sich beruflich zu etablieren – als Mitarbeiter im Büro von Albert Speer.
  • Jahre später spürt er, dass Besitz und Karriere keine echte Heimat bedeuten – er bereut, reflektiert, aber zu spät.
  • Heimat erscheint hier als verwertetes Gut, das mit Schuld und Ausnutzung behaftet ist: „Weiß wirklich nicht mehr, was er irgendwann einmal wusste: Was als Schatz zu bezeichnen ist, und was nicht.“ (R 32.6 ff.)

7. Heimat und Rückkehr – Ambivalenz eines Mythos

  • Die Vorstellung von Rückkehr in die Heimat ist zentral – wird aber immer wieder gebrochen.
  • Sowohl der Architekt als auch die Schriftstellerin verbinden Heimat mit der Hoffnung, irgendwann zurückkehren zu können.
  • Doch der Roman zeigt, dass es kein „Zurück“ gibt – die Orte verändern sich, ebenso die Menschen.
  • Die Schriftstellerin denkt über eine Rückkehr nach, aber sie weiß: „Alt würden zwar ihre Körper, jung aber bliebe noch für lange Zeit die Hoffnung auf Erlösung der Menschheit von Habgier und Neid, sterblich seien die Fehler der Sterblichen, unsterblich aber ihr Weg.“ (R 116.27ff.)

Fazit: Heimat als zersplittertes Konzept

  • Heimsuchung zerlegt den Begriff Heimat in viele Fragmente: Besitz, Erinnerung, Kindheit, Verlust, Sprache, Schuld, Identität.
  • Es gibt nicht die eine Heimat, sondern viele – und keine ist ganz.
  • Heimat kann retten oder zerstören, heilen oder krank machen, verbinden oder ausgrenzen.
  • Erpenbeck zeigt, dass Heimat nie selbstverständlich ist – sondern immer wieder neu gefunden, erfunden oder verloren werden muss.

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