Der Rotarmist
Der Rotarmist
Überblick und Perspektivwechsel
- Das Kapitel schildert die Besetzung des Grundstücks am Scharmützelsee gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aus Sicht eines jungen russischen Soldaten, des sogenannten Rotarmisten.
- Die Perspektive wechselt damit erstmals zu einem Mitglied der Roten Armee, das gemeinsam mit seiner Einheit das Haus der Architekten besetzt. In diesem Zusammenhang wird auch eine Szene der sexuellen Gewalt erzählt, in der Täter- und Opferrollen zunehmend verschwimmen (R 89–101).
Zerstörung und Aneignung
- Zu Beginn wird die Ankunft der Soldaten und Pferde geschildert, die das Grundstück betreten und verwüsten. Im Inneren des Hauses, das der Rotarmist bezieht, herrscht ein beißender Geruch nach Fäkalien. Er richtet sich im Schlafzimmer des Architekten ein, wo ihn insbesondere der geheime Wandschrank und die Kleidungsstücke der Frau des Architekten faszinieren (R 90–91).
Trauma und Hintergrund des Rotarmisten
- Der junge Soldat ist körperlich kleiner und schwächer als seine Kameraden, scheint aber zugleich besonders von seinen Kriegserfahrungen geprägt.
- Er hat seine gesamte Familie im Krieg verloren und diesen Verlust internalisiert. Sein Bedürfnis nach Rache und seine Heimatverbundenheit treiben ihn dazu, an vorderster Front zu kämpfen (R 90.14).
Die Begegnung im Wandschrank
- Durch Geräusche hinter dem geheimen Schrank wird der Rotarmist auf die Anwesenheit eines Menschen aufmerksam. Er entdeckt schließlich die Frau des Architekten, die sich dort versteckt hält. In einer ambivalent geschilderten Szene beginnt er, sie zu bedrängen. Zunächst nimmt er ihre Kleidung wahr, dann tastet er sich durch den Schrank, bis er auf ihren Körper stößt (R 92–93).
Gewalt und Übergriffe
- In der Folge wird die Frau von ihm sexuell angegriffen. Der Text schildert dabei keine klare Grenze zwischen Zwang und Zustimmung, sondern lässt die Rollen ineinander übergehen.
- Der Rotarmist beschreibt seine Handlungen im Vergleich zum Krieg und sieht die Frau als Feindin, aber auch als Objekt seiner Sehnsüchte (R 94–95). Während des Übergriffs äußert der Soldat Worte wie „Mama“, was eine psychische Verbindung zu seiner verstorbenen Mutter herstellt (R 95.5–96.5).
Rollentausch und Retraumatisierung
- Im weiteren Verlauf verändert sich das Kräfteverhältnis: Die Frau greift ihrerseits nach dem Soldaten, entreißt ihm seine Hose und zwingt ihn zur körperlichen Nähe, wobei sie ihn auch bespuckt (R 98.13–98.26). Diese Szene endet damit, dass beide nicht klar erkennen, wer in der Situation als Täter oder Opfer zu betrachten ist.
Abzug und Ambivalenz
- Am nächsten Tag verlassen die Rotarmisten das Haus wieder. Zuvor wirft der Rotarmist der Frau noch ein Stück Brot in den geheimen Schrank, was als widersprüchliche Geste gedeutet werden kann: zwischen Mitgefühl, Schuld und fortbestehender Macht.
- Das Kapitel lässt offen, ob es eine Entschuldigung, eine Beleidigung oder ein letzter Ausdruck von Menschlichkeit ist (R 101).