Der Rotarmist
Ein junger Soldat mit tiefer innerer Wunde
- Der Rotarmist ist eine komplexe und ambivalente Figur, die am Ende des Zweiten Weltkriegs als Soldat der Roten Armee an der Besetzung Ostdeutschlands beteiligt ist. Trotz seines jungen Alters bekleidet er bereits den Rang eines Majors, was auf eine frühe militärische Laufbahn und möglicherweise auf seine Entschlossenheit und seinen Ehrgeiz hindeutet.
- Der biografische Hintergrund des Rotarmisten ist von tiefer persönlicher Verletzung geprägt: Nachdem seine Eltern und Schwestern von den Nationalsozialisten ermordet wurden, tritt er bereits im Alter von fünfzehn Jahren in das Militär ein – getrieben vom Wunsch, sich zu rächen und seine Heimat zu verteidigen.
Zwischen Täter- und Opferrolle
- Während er zusammen mit seinen Kameraden das Grundstück am Scharmützelsee besetzt, nimmt er eine Sonderstellung ein: Er isoliert sich von den anderen Soldaten und bezieht allein ein Zimmer im oberen Geschoss. Diese räumliche Abgrenzung lässt sich als ein erstes Indiz für seine innere Zerrissenheit und Entfremdung deuten.
- In einer verstörenden Szene kommt es schließlich zur Vergewaltigung der Frau des Architekten. Diese Tat zeigt ihn auf drastische Weise als Täter, doch Erpenbeck zeichnet ihn nicht einseitig.
Ein gebrochener, verletzter Mensch
- Denn obwohl er in dieser Szene Gewalt ausübt, offenbart sich auch seine verletzliche Seite: Während der Tat erinnert er sich an seine ermordete Familie, an seine Heimat und an seine Mutter – Erinnerungen, die ihn zum Weinen bringen.
- In diesem Moment wird deutlich, dass er selbst ein von Gewalt traumatisierter Mensch ist, dessen Handeln aus tiefer seelischer Zerrüttung resultiert.
- Er ist kein brutaler Soldat aus Überzeugung, sondern ein junger Mensch, der durch den Krieg innerlich deformiert wurde. Diese Ambivalenz macht ihn zu einer Figur zwischen Schuld und Ohnmacht.
Ein Ausdruck von Mitgefühl – oder Entmenschlichung?
- Kurz vor seinem Aufbruch am nächsten Morgen wirft der Rotarmist der im Schrank versteckten Frau des Architekten ein Stück Brot zu. Dieser letzte Akt lässt sich mehrdeutig interpretieren: Einerseits wirkt die Geste wie ein Ausdruck von Mitgefühl – vielleicht sogar als Versuch einer wortlosen Entschuldigung.
- Andererseits steckt in der Handlung auch eine Erniedrigung, denn er „wirft“ das Brot wie einem Tier zu, was die Degradierung der Frau nach der Tat noch verstärkt.
Fazit
- Der Rotarmist verkörpert die Brutalisierung junger Männer im Krieg, deren Leben von Gewalt, Verlust und Rache geprägt ist.
- Er steht exemplarisch für die tragische Figur des Täter-Opfers, bei der persönliche Traumata und systemische Gewalt in zerstörerischer Weise zusammenwirken.
- In seiner inneren Zerrissenheit, seiner Schwäche und gleichzeitigen Grausamkeit macht Jenny Erpenbeck sichtbar, wie sehr der Mensch im Krieg seine Grenzen verliert – moralisch, psychisch und menschlich.