Das Mädchen
Das Mädchen
Versteck im Warschauer Ghetto
- Das Kapitel schildert die Perspektive der zwölfjährigen Doris, die sich in einer dunklen Kammer eines Hauses in der Nowolipiestraße im Warschauer Ghetto verborgen hält (R 76.25). Sie befindet sich dort isoliert, ohne zu wissen, wie lange sie sich schon versteckt.
- Die Wahrnehmung von Zeit ist für sie verzerrt (R 74.15 f.), was auf ihre vollständige Abkapselung von der Außenwelt hindeutet.
Rückblenden und Erinnerung an die Sommer am See
- In Gedanken flieht Doris in ihre Erinnerungen. Diese führen sie zurück zu unbeschwerten Tagen am Scharmützelsee, wo sie mit ihrer Familie lebte. Sie denkt an Berge, von denen ihr der Gärtner erzählt hatte, und an eine Stadt auf dem Grund des Sees (R 77.10).
- Farbenfrohe, detailreiche Erinnerungen an das Grundstück (R 82 f.) stehen im krassen Gegensatz zu ihrer aktuellen Lage im Versteck. Besonders lebendig erscheint ihr das Bild, „noch immer von Baum zu Baum gehen“ zu können (R 82.18).
Familiengeschichte und vorherige Aufenthalte
- Doris erinnert sich an ihre Zeit bei einer Tante in Berlin, wohin sie vor der Deportation ihrer Familie geschickt wurde, um antisemitischer Ausgrenzung zu entgehen.
- Der letzte Brief ihres Vaters – von einer tödlichen Krankheit gezeichnet – sollte von ihr verbrannt werden (R 78.30), ein Symbol für das Abbrechen familiärer Kommunikation. Auch ihre Großeltern, Hermine und Arthur, wurden bereits „abtransportiert“. Doris blieb nach deren Abreise noch zwei Jahre allein auf dem Grundstück zurück (R 78.30).
Verlust der Heimat und der Besitz
- Ihr Vater hatte ursprünglich die Emigration nach Brasilien geplant, scheiterte jedoch. Der gesamte Hausstand wurde zwei Jahre nach dem Verlassen des Grundstücks versteigert (R 83.18).
- Diese Zwangsenteignung spiegelt sich auch im zuvor geschilderten Kapitel „Der Tuchfabrikant“ wider. Besonders eindrücklich ist die Aufzählung von Doris’ Kindergut als versteigerte Objekte.
Gegenwart: Bedrohung, Entdeckung und Deportation
- Die Umgebung im Ghetto beschreibt Doris als grauenvoll: von Verwesung durchzogene Straßen, Leichen auf den Gehwegen (R 83.31). Als durch eine Bodenunebenheit ihr Urin in die Küche sickert, wird sie von einem deutschen „Werterfassungskommando“ entdeckt (R 85.7 f.) und zusammen mit anderen aus dem Haus gezerrt.
- Die zynische Aussage „jetzt gehen alle endlich für immer heim“ (R 85.14 f.) erhält für Doris eine doppelte Bedeutung – als Hinweis auf den bevorstehenden Tod, aber auch als spirituelle Heimkehr zu ihren bereits ermordeten Verwandten.
Ankunft im Konzentrationslager
- Doris wird mit weiteren Menschen per Zug deportiert. Während der Fahrt sterben dreißig Personen (R 86.15). Trotz allem nimmt Doris bei der Ankunft den Geruch der Kiefern wahr – ein letzter Kontakt zur Kindheit und zur Heimat am See.
- Die Frage, ob sie tatsächlich nach Hause gekommen sei, bleibt offen und erschütternd (R 86.20).
Der Tod und das Verstummen individueller Lebensgeschichten
- Die Erzählung endet mit der Reflexion über Doris’ Tod: Mit ihr verschwinden auch ihre Kenntnisse, Fähigkeiten und Erinnerungen – „niemals mehr jemand [...] rufen wird“ (R 87.17), sie wird „ins Unerfundene zurückgenommen“ (R 87.15). Diese Worte verdeutlichen, dass mit jedem von den Nationalsozialisten getöteten Menschen auch ein einzigartiges Leben ausgelöscht wird – mitsamt all seiner Hoffnungen, Ängste, Beziehungen und Träume.