Der Architekt
Der Architekt (R 31–42)
Hintergrund und Anlass der Flucht
- Etwa zwei Jahrzehnte nach dem Erwerb seines Grundstücksteils am Scharmützelsee durch den Architekten und seine Frau wird dieser gezwungen, das Anwesen zu verlassen und in den Westen Berlins zu fliehen. Es ist Neujahrstag 1950, als die Flucht erfolgt.
- Der genaue Fluchtgrund bleibt zunächst vage, wird aber im Verlauf des Kapitels immer klarer: Ein Haftbefehl liegt gegen den Architekten vor, weil er im Rahmen eines Bauprojekts eine Bestellung nach West-Berlin tätigt – eine Handlung, die in der sich zuspitzenden politischen Lage der Nachkriegszeit strafrechtliche Konsequenzen hat.
Vergraben von Besitz und Abschied
- Bereits zu Beginn des Kapitels vergräbt der Architekt zusammen mit dem Gärtner wertvolle Besitztümer im Garten – aus Unsicherheit, ob er je zurückkehren oder ob diese Dinge jemals wieder ans Tageslicht kommen werden.
- Der Garten wird zum symbolischen Ort zwischen Bewahren und Abschied. Obwohl sich der Architekt unsicher ist, ob er seine vergrabenen Gegenstände je wiedersehen wird, bedeutet das Vergraben für ihn auch eine Form von Kontrolle und Besitzsicherung.
Abschied vom Haus
- Besonders eindrucksvoll ist die detailreiche Beschreibung des Abschieds vom Haus. Der Architekt betritt ein letztes Mal die Räume, nimmt Gerüche, Geräusche und visuelle Eindrücke bewusst wahr – ein stiller, fast ritueller Rundgang.
- Die Beschreibung des Hauses als „dritte Haut“ (R 35.16) unterstreicht seine emotionale Bindung an den Ort. Diese letzte Begehung hebt die zentrale Rolle des Hauses als Symbol für Heimat, Selbstentfaltung und Erinnerung hervor.
Beruf und Erinnerung als Identität
- Das Haus ist eng mit dem beruflichen Selbstverständnis des Architekten verknüpft: Seine Arbeit sei „Heimat planen“ (R 35.13), seine Frau habe das Haus mit ihm gemeinsam „maßgeschneidert“. Rückblicke auf gemeinsame Stunden im Garten, Kindheitserinnerungen seiner Frau und Sinneseindrücke am See verstärken die melancholische Grundstimmung. Der Verlust dieses Ortes bedeutet für den Architekten eine existentielle Zäsur.
Ambivalenz gegenüber der Herkunft und Schuldfrage
- Ein zentrales Thema dieses Kapitels ist die innere Zerrissenheit des Architekten im Hinblick auf seine familiäre Vergangenheit und die NS-Zeit. Obwohl seine jüdischen Nachbarn durch das NS-Regime enteignet wurden, empfindet er es als gerecht, deren Grundstück zum halben Preis erworben zu haben.
- In einem Fragebogen zur sogenannten „arischen Abstammung“ antwortet er zweideutig mit „Ja und Nein“ (R 40.28), was seine innere Ambivalenz deutlich macht: Er ist sich der Ungerechtigkeit seiner Handlungen bewusst, passt sich aber dem System an, um seinen Beruf und sein Leben zu sichern.
Verlassen des Grundstücks
- Am Ende verlässt der Architekt das Grundstück, während der Gärtner vermutlich noch schläft. Die letzte Handlung – das Herausgehen aus dem Haus, der Blick auf den See, das Vorbereiten des Schlüssels – markiert nicht nur das Verlassen eines Ortes, sondern auch das Abschließen eines Lebensabschnitts. Der Gärtner, der das Haus in seiner Abwesenheit zerlegen wird, bleibt als stille Konstante zurück.